Moderne Minne
I have the pussy, so I make the rules.
„Clara-Luisa Müller!“, wenn Mütter jemandem bei seinem kompletten Namen rufen, ist das meist ein sicheres Zeichen, dass man etwas angestellt hat, oder irgendetwas höllisch Wichtiges nicht mitbekommen hat, weil es eben nur für Mama von Bedeutung ist. Ich ziehe mich gekonnt aus der Affäre und beende das Gespräch.
Seit einem Jahr wohne ich nun nicht mehr zu Hause und meine Mutter hat es immer noch nicht verkraftet, dass ich zum Studium so weit weggezogen bin von ihr. Damit sie sorgenfrei ist, haben wir unser wöchentliches Telefonat am Freitag, wobei die Initiative heute von mir ausging, da ich noch einige Termine zu bewältigen habe.
Trotzdem dauerte unser Gespräch fast fünfundvierzig Minuten und während Mama mir den Nachbarschaftsklatsch der letzten Woche ausführlich darlegte, nutzte ich in der Zwischenzeit die Gelegenheit meinen Nachbarn Konrad im Haus gegenüber zu verwirren, der wie immer vor seinem Computer saß und verschämt zu mir herüber schaute, weil ich nur mit meinem Sport-BH und Höschen bekleidet war und bei angeschaltetem Licht vor dem Fenster stand und ihm Küsse zu hauchte oder meinen BH kurz lüpfte.
Ich muss gleich zur Reha wegen meiner Schulter, die arg in Mitleidenschaft gezogen ist, und trotz meiner erst 20 Jahre schon die Konsistenz der Schulter eines Handballspielers am Karriereende haben soll. Sagt zumindest mein Arzt, der mich bei meinem letzten Besuch gescholten hat, seine Maßnahmen zur Rettung der Funktionsfähigkeit meines Schultergelenks zu missachten. Dies sieht unter anderem vor; auf dem Rücken zu schlafen, den rechten Arm in einer Schlinge am Körper fixiert, damit ich ihn beim seitlich Schlafen nicht mehr als Kopfkissen missbrauche. Außerdem heißt das zusätzlich für mich, zweimal wöchentlich mit 18 Rentnern in einem Kinderschwimmbecken eine Aqua-Gymnastik-Therapie zu machen.
Die Schlinge liegt originalverpackt in meiner Besenkammer und ich versuche durch auf dem Bauch schlafen, wenigstens einen kleinen Beitrag zur Entlastung meines Schultergelenks zu leisten. Die Quittung bekomme ich nun, nach einem kleinen Mittagsschlummer vor dem Telefonat, beim Blick in den Spiegel, denn neben den Abdrücken vom faltigen Laken, verzieren zwei Knopfabdrücke mein Gesicht. Ich rechne, dass das erst in einer Stunde einigermaßen human aussieht und verzichte auf meine Kontaktlinsen und setze meine Brille auf, die davon ablenken wird. Ich greife meine Sporttasche und möchte Konrad zum Abschied winken, aber dessen Rollläden sind unten, was bedeuten dürfte, dass youporn erhöhten Traffic zu verzeichnen hat.
Konrad ist mein bester Freund. Einer von denen alle Frauen einen gehabt haben sollten. Und zwar die Sorte Freund, die man immer mit seinen Problemen und Fragen belästigen kann, von denen nie ein böses Wort kommt, die mit Verständnis und Achtung glänzen. Genau wie Konrad, der mich liebt, weil ich für ihn die Traumfrau verkörpere, wie sie sich - seiner Aussage nach - jeder Mann wünscht: jung, hübsch, clever, schlagfertig und all diesen Eigenschaften, mit denen sich Männer selbst – außer jung – beschreiben würden, quasi ein bester Kumpel im Körper einer jungen Frau. Wenn man wie ich außerdem „The Big Lebowski“ als Lieblingsfilm hat, gute Joints drehen kann und mit dem ganzen Mädchenkram nichts am Hut hat, ist es klar, warum ich die Frau seiner Träume bin, was er aber nie zugeben wird.
Konrad wohnt in der gleichen Etage auf der anderen Straßenseite in einer Dreier-WG von Informatikstudenten, deren Zimmer alle auf die Straße zeigen und so wirkt es, als ob sie ständig vor ihrem Computer hocken, außer es sind die Rollläden unten. Ich wohne jetzt seit einem Jahr in meiner Einraumwohnung gegenüber, aber habe es noch nie erlebt, dass bei allen drei gleichzeitig onaniert wurde und ich achte da echt drauf, um ein Foto zu machen und sie damit aufzuziehen.
Nach einer kurzen Bahnfahrt und einer Stunde Synchronplanschen mit meiner Rentnertruppe, nutze ich die nicht eingesetzten Kontaktlinsen und ziehe noch ein paar Bahnen, da der schmucke Bademeister heute keinen Dienst hat, der sämtliche Blicke im Schwimmbad auf sich zieht. Aber der soll auch schwul sein, meint eine von den Omas, die es immer versuchen, mich mit einem ihrer Enkel oder Urenkel zu verkuppeln. Da ich alleine in der Dusche bin, träume ich vor mich hin und vom Bademeister, bis meine Haut anfängt zu schrumpeln.
Ich brauche nur ein paar Minuten mit dem Umziehen und schäme mich ein bisschen, als ich zwei junge Frauen dabei beobachte, sich übertrieben zu schminken und die an ihrem Mädchengetue richtig Spaß zu haben scheinen. Ich wüsste zu gerne, wie viele Männer auf diesen Mädchenkram bei angeblich erwachsenen Frauen wirklich abfahren. Da unterhält man sich einen ganzen Abend über höchst anspruchsvolle Themen und dann kommt man in ein Schlafzimmer, dass von Hello Kitty und Emily Strange inspiriert worden ist. Also, meins ist das nicht, aber den Männern anscheinend egal. Als ich beim Haarefönen bin, erhasche ich einen Blick auf die High Heels der Einen und versuche das irgendwie in Einklang mit dem Bild zu bringen, das ich von ihnen gewonnen habe.
Auch wenn ich gerne auf den Mädchenkram verzichten möchte, reagiere ich bei High Heels extrem anfällig, wenn Eine ein Paar besitzt, das ich nicht habe, aber mir gefällt. Vor allem für Pantoletten könnte ich sterben, genau wie die Petrolfarbenen aus Satin, auf denen sie hinausklappert, so dass ich fast versucht bin, ihnen hinterher zu rennen und sie zu fragen, wo ich ... Ein unangenehmes Schamgefühl sorgt dafür, dass ich mich kurz schütteln muss. Also beschließe ich nächste Woche einen spontanen Shoppingtag einzulegen und sortiere in Gedanken die Aufbewahrungskapazitäten meiner Besenkammer für einen weiteren Karton, als ich die Schwimmhalle verlasse und gleich zu einem Sprint ansetzen muss, um meine Bahn zu bekommen.
Ich fahre nicht auf direktem Weg zurück zur Wohnung, denn heute ist im Gemeindezentrum-West eine Messe von Trading Card Games (TCG), deren Stände ich aber links liegen lasse, da ich nur an alten Karten der NBA interessiert bin, denn ich sammele alle Karten der LA LAKERS, seit dem Upper Deck pro Basketballsaison Sammelkarten vertrieb. Mein Bruder sammelte die früher und ich mache mir eigentlich nichts aus Basketball, finde aber, dass jeder Mensch seinem Jäger- und Sammlernaturell treu bleiben sollte und führe sein Werk fort, wobei ich mich allerdings auf die LAKERS spezialisiert habe, weil mir deren Teamfarben so gut gefallen. Mir fehlen noch ein paar Magic Johnson-Karten mit limitierter Auflage und so hoffe ich, hier fündig zu werden und nebenbei fünf Michael Jordan-Karten mit silberner Signatur über Wert zu verkaufen.
Ich finde den Stand von Gerry, der früher bei HUMANA gearbeitet hat und dort Vintageartikel von Adidas, Nike, Sergio Tacchini und Co. abzweigte, um diese via Internet an Sammler in der ganzen Welt zu überteuerten Preisen zu verkaufen. Von den Einnahmen hat er sich mit eigenem Laden selbstständig gemacht und finanziert damit seine Sammelleidenschaft von allem was mit Sport zu tun hat. Sobald Panini zu einem Großereignis ein Sammelalbum herausbringt, ist sein Laden der Treffpunkt für alle Jungs und erwachsenen Kinder der Stadt.
Gerry ist hier ganz in seinem Element und hat mich noch nicht entdeckt, so dass ich kurz durch die Karten stöbere, bis er sich neben mir räuspert. Ich frage ihn sofort, ob er was hat, um die Lücken meiner Sammlung zu stopfen und er winkt mit einer wirklich wertvollen Karte vor meinem Gesicht herum, so dass ich mich gleich ein wenig zu nah an ihn stelle und ihm „Wieviel?“ zuhauche. Verwirrt von dieser Nähe, druckst er rum und versucht ein wenig Abstand zu gewinnen. Ich zücke die Michael Jordan-Karten und biete sie zum Tausch an, doch er vertröstet mich auf später, da er auf einen Käufer wartet, den er vorbestellt hat.
Da die Messe erst in einer Stunde schließen wird, schlendere ich ein bisschen über das vom Veranstalter angepriesene „Unterhaltungsevent für Freunde der Trading Card“, das allenfalls als mittelmäßiger Schulflohmarkt durchgehen würde, und schaue mich um. Der angebliche Käufer ist natürlich nicht aufgetaucht und so verschiebe ich die Verhandlungen, da Gerry mich auf eine Party im Backstage nach Messeschluss einlädt und ich mir denke, dass ein Einblick in diese Szene nicht unbedingt eine schlechte Erfahrung sein wird.
Als sich einige Zeit später ein sichtlich angetrunkener Gerry neben mich auf die Couch plumpsen lässt, um zu verhandeln, wird mir klar, dass er doch kein so toller Typ ist, wie ich anfangs gedacht habe. Aufgefallen ist es mir schon, bevor er mir mit seinem Bier auf die Hose kleckert, feuchte Aussprache aufweist und lange dreckige Fingernägel offenbart.
Ich bin hier wohl nicht nur für ihn das Objekt der Begierde und Gerry möchte sein Ansehen bei den anderen erhöhen, in dem er mich aufreißt. Das heißt, ich lenke den Deal mit den Karten so, dass ich die Karte für 50 Euro bekomme und er mir die fünf Jordans für je 20 abnimmt, obwohl die nicht mehr als 10 wert sind. Ich rutsche dabei dicht an ihn ran, spiele mit seiner Hand und schaue ihn immer von unten an, dass ich spüren kann, wie sein Puls hochgeht und er immer weniger klarere Gedanken fassen kann.
Ich frage ihn, ob er nicht einen Joint mit mir rauchen möchte, zur Feier des guten Geschäfts und sofort fördert er eine Filmdose voll Gras aus seiner Hosentasche zu Tage. Gut, denn ich hab nämlich keins. Von seinen Blicken begleitet, die mir sagen, dass er mich auf der Stelle heiraten würde, baue ich die Tüte und zweige mir die Hälfte seines Grases in meinen Tabakbeutel ab. Wenn er was drauf hätte, würde er mir Feuer geben, aber so bin ich gezwungen zehn Minuten früher aufzubrechen und lasse ihn, ohne mich und den Joint vor allen Augen sitzen.
Da bei Konrad noch der Monitor leuchtet, gehe ich kurz zum Imbiss an der Ecke und kaufe zwei Lipton-Icetea in der Dose, die lieben wir beide, und klingele bei ihm. Nach fünf Minuten öffnet er verlegen einen Spalt, den Unterkörper hinter der Tür verdeckt, als hätte ich ihm bei etwas Peinlichem gestört. Ich zeige ihm die Dosen, erzähle von dem Joint und er verschwindet kurz um sich Hosen anzuziehen.
Wir sitzen mal wieder nebeneinander auf dem Dach und rauchen schweigend den Joint, genießen den Blick auf die nächtliche Stadt. Ich schmiege mich an ihn, weil ich weiß wie sehr es ihn verrückt macht, gleichzeitig so nah zu sein und doch unerreichbar. Wir reden mal wieder über seine Traumfrau, die unerklärlicher Weise wie ich ist, nur mit dem Unterschied, dass sie ihn anspricht. Ich frage ihn, was er sich Romantisches mit ihr vorstellen könne und er meint, dass ihm sich gegenseitig mit Beeren füttern gefallen würde. Nun will ich wissen was für Beeren und er sagt: „Na, Brombeeren oder so.“ – „Nein, Himbeeren sind besser, die mag ich. Von Brombeeren muss ich immer kotzen.“ antworte ich ihm und verabschiede mich mit einem Kuss auf seine Stirn, der ihn noch mehr aufwühlen wird.
Kurz vorm zu Bett gehen, blicke ich hinüber zu Konrad, aber da sind nur die Rollläden geschlossen und greife mir mein Walter von der Vogelweide-Buch mit seinen schönsten Minneliedern und denke, dass Konrad Walter locker übertrumpfen würde, bevor ich mich auf den Bauch drehe und einschlafe.




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Kommentare
Hmpf. Ich hatte auch mal nen Gegenüber-Nachbarn, der immer zu mir rüber geguckt hat. Knut. Irgendwann hat der dann angeklopft. Das fand ich nicht gut.
03.01.2011, 18:29 von B.tinaKöstlich!!!!
03.01.2011, 17:56 von monpapillonMein bester Freund heißt auch Konrad, er ist ein Nerd. Und er ist umwerfend.......
Autobiografisch? Sowas (Lakers-Sammelkarten) kann man sich doch eigentlich nicht ausdenken...
19.10.2010, 14:48 von mixtapeapeUnd überhaupt:
16.08.2010, 16:42 von Mooglehttp://www.youtube.com/watch?v=Lr00q5HhA3c
Den finde ich sehr durchwachsen. Da wäre mehr drin gewesen.
14.08.2010, 14:07 von Mooglewunderschön bis zum Absatz mit dem Anfang
08.08.2010, 00:44 von Towm"Gerry ist hier ganz in seinem Element(...)"
Ab da gehts etwas bergab, und man fändet (wollte ich gerade schon schreiben, eine Abkürzung von 'fängt an zu Finden ;) die Erzählerperson unshympatisch zu finden.
Aber Schreibstil ist eigentlich total super und grade den Anfang finde ich einfach genial, schön zu lesen.
ich hoffe sehr, dass du jetzt zufriendener bist, da du dich hier ausgekotzt hast.
03.08.2010, 13:37 von _katrinaGefällt mir!
03.08.2010, 13:07 von stereoGoh mann, was für eine grütze.
03.08.2010, 12:23 von libidoklingt wie eine halbherzige rache an kachelmann, wie ein hingeschludertes (gleich im ersten satz so ein ekliger m/n fehler) "bätsch!", wie unreife koketterie.
artikel, die davon handeln, wie geil man ist, funktionieren nie. außer man versteckts, aber das kriegen nur die wenigsten hier hin. schade..