Schusselchen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 5

Mittelmäßig ist nicht gut genug

Und manchmal ist manchmal zu viel...

Mittelmäßigkeit – Teil 1

Ich sehe dich an und kann nichts erkennen, das mir Hoffnung versprechen könnte.
Die Zuneigung scheint sich irgendwo verlaufen zu haben in einem Durcheinander aus Selbstverständlichkeiten.
Die Gewohnheit hat uns infiltriert. Nein, eigentlich nicht uns. Eher dich. Und ich spüre sie deutlich, wie sie mir schon morgens einen Schwall Enttäuschungen ans Bett bringt.
An Stelle von Frühstück und Kaffee.
Ich glaube nicht, dass ich gewöhnlich sein möchte.
Unmerklich sind die kleinen Zärtlichkeiten weniger geworden, als wären sie uns langsam durch die Finger geronnen wie feiner Sand, den der Wind nur allzu leicht davon trägt. Die verlorenen Berührungen streuen sich in meine Augen. Tränen steigen empor. Keine Sandkristalle. Du hast den Sand vielleicht nicht fest genug gehalten.
Vielleicht hast du mich nicht fest genug gehalten.
Die Zeit natürlich ist nicht stehen geblieben. Zumindest nicht, als sie es sollte.
Als unsere Augen noch strahlend auf den anderen gewartet haben.
Als sich hinter jeder Geste noch Zuversicht versteckte.
Als uns die schönen Worte noch nicht ausgegangen sind.
Als dir die schönen Worte noch nicht ausgegangen sind.
Als wir uns noch jeden Wunsch von den Augen abgelesen haben.
Als wir noch wussten, dass der andere verletzlich ist.
Da ist die Zeit natürlich nicht stehen geblieben.
Jetzt sind die Augen trüb, die Gesten beiläufig, die Worte gewöhnlich, die Wünsche lästig.
Aber der andere ist immer noch verletzlich.
Ich bin immer noch verletzlich.
Ich bin verletzt.
Da ist die Zeit natürlich stehen geblieben.
In einem Raum aus Mittelmäßigkeit.
Jeden Tag bemühe ich mich, dich neu zu entdecken, die vergangenen Enttäuschungen zu vergessen, dir alles zu sein, was ich dir sein kann, ohne mich selbst zu verlieren. Jeden Tag versuche ich mein Bestes.
Kontinuierlich bemühe ich mich, nicht stehen zu bleiben, mich nicht auf den guten Tagen auszuruhen, mich nicht in Gewohnheit zu verlieren.
Und dafür will ich Frühstück ans Bett, mit Kaffee. Ohne Enttäuschungen. Stattdessen mehr Kaffee.
Und ich will an den Strand und wenn ich schon weinen muss, dann nur, weil ich glücklich bin, in deinen Armen zu liegen und Sand zwischen den Zehen zu haben.
Und ich will verdammt noch mal nicht alleine sein, in meinem Bemühen, jeden Tag das Beste zu geben.
In Räumen aus Gewohnheit, Selbstverständlichkeit und Mittelmäßigkeit kannst du alleine darauf warten, dass die Zeit endlich weiterläuft.
Ich bin mir zu schade, um mich in mittelmäßigen Umarmungen zu verlieren.
Und vielleicht stellst du fest, dass wir mehr als mittelmäßig sein können.
Vielleicht hältst du mich dann fest genug.


Manchmal – Teil 2

Manchmal, wenn du neben mir sitzt, ist es, als säße ich allein im Zimmer. Dann sehe ich dir in die Augen und kann darin gar nichts entdecken.
Jedes Gespräch, das ich beginne, erstickst du durch dein Schweigen im Keim.
Manchmal, wenn du neben mir liegst, ist es, als wäre das Bett zu groß. Dann suche ich deine Nähe und kann dich nicht finden.
Jeder Atemzug, den du tust, klingt wie der eines Fremden.
Manchmal, wenn du neben mir gehst, ist es, als käme ich nicht hinter dir her. Dann möchte ich auf dich zulaufen und kann mich nicht mehr bewegen.
Jeder Schritt, den ich mache, bringt mich nur weiter von dir weg.
Ich überlege dann, wer du bist, und stelle fest, dass ich es nicht mehr weiß. Irgendwann habe ich es vergessen.
Ich überlege dann, womit ich dich gekränkt haben könnte, und stelle fest, dass du mich kränkst. Irgendwann hast du damit angefangen.
Ich überlege dann, wie spät es ist, und stelle fest, dass es zu spät ist. Irgendwann haben wir den Zug nicht pünktlich erreicht.
Du erzählst mir irgendetwas Belangloses über deinen Tag. Ich höre nicht hin.
Ich habe mir das schon oft genug angehört.
Während ich meine Pullover zusammenlege, redest du über irgendetwas, das du in der Zeitung gelesen hast.
Es geht um irgendetwas, das nichts mit uns zu tun hat. Und wie ich meinen Koffer suche, denke ich, dass wir schon lange nichts mehr mit uns zu tun haben.
Am Wochenende willst du mal wieder mit deinen Jungs auf die Piste, das fehlt dir, sagst du.
Ich fehle dir nicht, stelle ich fest, während ich nach der zweiten Socke suche, nach der man immer sucht, wenn man nur eine gefunden hat.
„Was wollen wir heute Abend essen, Schatz?“ fragst du, als ich meinen Koffer zumache.
Schatz… Irgendwann hast du angefangen, mich so zu nennen. Am Anfang war es ein Scherz, weil du wusstest, wie ätzend ich das finde. Jetzt nennst du mich nur noch „Schatz“.
Ich nehme meinen Koffer und stelle ihn vor die Tür. Als ich meinen Mantel anziehe, willst du wissen, ob ich verreise.
Manchmal, wenn du neben mir lebst, ist es, als würdest du mich gar nicht bemerken.
„Ja“ sage ich. „Ich verreise, denn ich will, dass manchmal jemand neben mir liegt.“
Den Koffer in der Hand, gehe ich durch die Tür und sehe noch einmal deinen verständnislosen Blick.
Ich überlege dann, dass du irgendwann feststellen wirst, dass das Bett ohne mich zu groß ist.

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5 Antworten

Kommentare

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    TOP.
    Spiegelt meine Situation 100%ig wider....

    30.01.2009, 18:22 von kleinemini
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    toler text, und so wahr!

    18.01.2009, 23:46 von IamTheMovie
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    genau davor hab ich angst.
    wunderschön geschrieben.

    18.01.2009, 19:48 von L.E.N.A.
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    Wow....

    17.01.2009, 16:19 von Julianes
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    Mir machen die ganzen Absätze beim Lesen echt zu schaffen. Dabei sind wirklich viele schöne Sätze drin. Irgendwie gehen die nur etwas unter, ich weiß auch nicht warum.

    16.01.2009, 22:48 von drops_of_august
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