schriftstehler 19.12.2012, 17:15 Uhr 9 69

Mit der Bahn fahren

Wir sahen leeren Papiertüten zu, die uns durch den Fahrtwind einige Meter wie tieffliegende Vögel artistisch begleiteten.

Wir hatten uns so oft mehr oder weniger zufällig an irgendwelchen Bahnhöfen getroffen, du und ich. Irgendwann entschieden wir uns, gemeinsam einen Zug zu besteigen. Wir fuhren über Land, wir genossen das Leben in leeren Zügen und fragten uns nicht, wohin die Reise ging und ob wir jemals ankommen würden. Wir sahen leeren Papiertüten zu, die uns durch den Fahrtwind einige Meter wie tieffliegende Vögel artistisch begleiteten. Doch wie alles andere verloren wir sie aus den Augen. So kunstvoll hatten die Bauern ihre Felder bestellt, die sie niemals abholen würden, wie eine Decke aus Flicken reihte sich eines an das andere und Farben, die wir nicht kannten, wollten nicht benannt werden. Wir schmiegten uns aneinander und waren uns sicher, dass uns all das gehörte. In diesem Moment hielten unsere Atemzüge an, während wir uns schneller bewegten. In diesem Moment legtest du deinen Kopf auf meine Oberschenkel, ich strich dir durch die Haare und hielt deine Hand in meiner.

Und als du die Augen schlosst und die Lippen bewegtest, konnte ich erahnen, was du sagst, aber ich war mir nie wirklich sicher, dich verstanden zu haben. Ich begann zu lächeln, konnte mir nicht vorstellen, warum das geschah, aber ich war zufrieden mit dem, was mich umgab. Ich war angekommen in einem Zug, der über Land fuhr und mich mitnahm, wenngleich ich noch gar nicht wusste, welchen Preis ich dafür bezahlen musste. Und hin und wieder sahen wir andere Züge, die uns entgegenkamen oder uns für ein paar Momente begleiteten, ehe sich die Wege wieder trennten. Und ich bemerkte die rasende Fahrt unseres Zuges, sah die Landschaft zu einem Brei verschwimmen, Regentropfen trafen auf der Scheibe ein und flüchteten in eine Richtung, in die ich ihnen nicht folgen wollte. Immer wieder hielt der Zug an Bahnhöfen, die alle ähnlich wirkten und deren Namen mir vertraut erschienen, doch fühlte ich mich fremd und allein und drückte deine Hand ein wenig fester in meine.Immer häufiger hatte ich das Gefühl, aussteigen zu müssen, aussteigen zu wollen, doch dein Kopf in meinem Schoß, dein warmer Mund, dessen Lippen du ganz anders gewünscht, die ich mir jedoch nicht anders vorstellen wollte und deine zarten Finger, die meine Haut berührten, sie ließen mich regungslos in diesem Zug sitzen bleiben. Und als ich mich eines Tages doch einmal bewegte, da fragtest du mich, wohin ich denn wolle. Und ich sah dich mit weit aufgerissenen Armen an, legte meine Augen um dich und sagte, dass ich lieber schweigen wolle.

Immer seltener hielten wir an, und wenn das geschah, dann immer häufiger auf freier Strecke, wo es nichts weiter zu sehen gab. Manchmal standen dort Kühe, die friedlich grasten, manchmal war dort gar nichts und manchmal sah ich nicht einmal mehr aus dem Fenster, weil ich mich fürchtete, dort etwas zu finden, was mir gefiele. Du hattest dich längst aufgerichtet, um mehr als mich zu sehen, du warst längst auf dem Weg zu einem Ort, den ich nicht kannte und als einmal in einiger Entfernung ein verlassener Kinderspielplatz zu sehen war, da begannst du zu weinen und ich fragte nicht, warum, sondern sah auf deine Uhr, deren Zeiger sich rasch bewegten und die immer lauter tickte. Und da wusste ich, dass es Zeit sein würde, zu gehen. Auf den richtigen Moment wollte ich warten, wobei ich gar nicht wusste, warum, wobei ich gar nicht wusste, was eben diesen richtigen Moment ausmachen würde. Und so blieb ich in diesem Zug und blickte nicht mehr aus dem Fenster, ich sah, dass deine Tränen wie die Tropfen am Fenster an deinen Wangen herunterglitten und ich wusste, dass ich ihnen nicht folgen würde.

Für einen Moment schlief ich ein, nahm nichts mehr wahr und betrachtete mich von innen, träumte von einem Zug, in dem wir beide saßen und wir lächelten wie Buddhas, verkauften einander Rosen und ein Stück der Zukunft und nahmen doch kein Geld dafür.

Als ich erwachte, warst du gegangen, ein Zettel lag auf meinen Schenkeln. Du batest um Verständnis, wünschtest mir Glück und eine gute Reise, weil Züge ja auch oft entgleisen. Und ich warf das Papier aus dem geschlossenen Fenster, sodass es mich durch den Fahrtwind noch einige Meter begleitete, sah ihm lange hinterher, und als ich es aus den Augen verlor, da war mir klar, dass ich dich vermisse.

Als ich kurz darauf wieder aus dem Fenster sah, war dort ein anderer Zug, der minutenlang auf einem Parallelgleis in nahezu exakt derselben Geschwindigkeit fuhr. Und ich erkannte dich hinter einem der Fenster, du hobst die Hand und legtest sie an die Scheibe, ich tat dasselbe und wir lächelten durch das Glas hindurch. Vielleicht weil wir beide in diesem Moment erkannten, dass es sicherer gewesen wäre, wenn jeder seinen eigenen Zug genommen hätte. Vielleicht, weil jeder von uns wusste, dass wir eines Tages ankommen würden. Jeder für sich, jeder an einem anderen Ort.  

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9 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Traumhaft schön!!!

    01.01.2013, 23:30 von Sandy_Cheeks23
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  • 1

    "Und ich sah dich mit weit aufgerissenen Armen an, legte meine Augen um dich und sagte, dass ich lieber schweigen wolle." Deine wortspiele, malereien und metaphern sind unsagbar schön....

    21.12.2012, 14:55 von fjaril
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  • 3

    Ich weiß nicht wieso, aber ich habe beim letzten Absatz ein paar Tränen wegblinzeln müssen. Verdammt ist der Text gut. Besonders gefallen mir im ersten Absatz die Wortspiele mit "Zügen"... 

    Schön. 

    21.12.2012, 09:22 von Pusteblumenwiese
    • 0

      ja, woher kommt das mit den tränen??

      22.12.2012, 00:51 von schnitzelchen
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  • 0

    Wie Metaphorisch. :)
    Aber hättest du nicht mit ihm zusammen umsteigen können um an spannendere Stellen mit ihm zu gelangen?

    20.12.2012, 23:24 von Mueckenschnitzel
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  • 1

    "Und ich warf das
    Papier aus dem geschlossenen Fenster"
    Der Text ist zu gut, als dass ich glauben würde, dass es keine Absicht war, aber ich versteh es nicht...

    20.12.2012, 20:53 von MissesBiscuit
    • 1

      Manchmal ist es gut, nicht verstehen zu wollen, sondern zu fühlen. Wenn das nicht klappt, dann ist da nichts und das ist nicht schlimm. 

      20.12.2012, 21:03 von schriftstehler
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  • 1

    Sehr gerne gelesen! Dabei viel mir ein Clip ein, den ich zwar nicht unbedingt passend finde, jedoch sofort in meinem Kopf rumschwirrte.

    20.12.2012, 20:10 von jetsam
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  • 3

    Da fällt mir ein: wir trennen uns, um uns irgendwann wieder zu begegnen.

    Eine schöne, kleine Geschichte über das Leben wie es sein kann und oftmals auch so ist.

    20.12.2012, 19:39 von marco_frohberger
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