Minuten im Leben
"Ich weiß nicht, was ich noch machen soll!"
Betrunkenes Geschwätz, denke ich mir. Betrunkenes Geschwätz. Und trotzdem berührt es mich.
"Ich liebe sie doch! Wie kann sie denn jetzt nur so abweisend sein? Sie hat mich doch auch mal geliebt! Das kann doch nicht einfach so weg sein?"
Da ist nichts, was ich sagen könnte, oder tun, um ihm zu helfen. Ich denke mir, dass Männer nicht weinen sollten. Trotzdem berührt es mich. Und macht mich auf eine sonderliche Art traurig. Meinetwegen weint niemand.
"Wenn ich sie jetzt hier so sehe, dann weiß ich: Das ist die Frau die ich heiraten möchte! Ich hab echt Angst davor, dass sie einen Anderen haben könnte. Das könnte ich nicht ertragen!"
Es fällt mir nichts ein, das ich sagen könnte. Er dreht sich weg von mir. Will nicht mehr, dass ich seine Tränen sehe. Ich lege meine Hand auf seinen Rücken. Eine Geste des Trostes, obwohl ich doch ganz genau weiß: Es gibt keinen Trost. Da ist nichts, was den Schmerz lindern könnte. Man muss ihn aushalten, bis er nachlässt. Ebenso die Verzweiflung.
"Ich weiß nicht, was ich noch machen soll! Ich würde ja vor ihrem Balkon Gitarre spielen, einen Song singen, der nur für sie geschrieben wurde. Aber sie hat leider keinen Balkon..."
Er auch keine Gitarre. Und singen kann er auch nicht. Aber das spielt in dem Moment keine Rolle.
Was mir einfällt, sind Vorwürfe. Dass es zu spät ist. Dass er sich früher hätte bemühen müssen. Dass es nicht hilft sie täglich 10 mal anzurufen. Ich spreche es nicht aus. Will es ihm nicht noch schwieriger machen. Ich weiß doch, wie das ist, mit der unerfüllten Liebe. Es gibt keine Worte, die helfen. Keine Erklärungen, keine Gründe, kein Verstehen. Auch wenn man immer denkt, es würde besser gehen, wenn man nur verstehen könnte. Zu wissen, macht alles nur schlimmer.
"...und jetzt ist sie ständig mit dir unterwegs. Das gefällt mir gar nicht, du bist nicht gut für sie. Und ehrlich gesagt bin ich auch ganz schön eifersüchtig, immer wenn ich höre, dass sie mit dir weg ist..."
Kurz überlege ich, ihm zu sagen, dass es da nichts gibt auf das er eifersüchtig sein müsste. Leere Worte. Als ob es für ihn einen Unterschied machen würde. Ich weiß doch genau, wie es sich anfühlt, sich ständig zu fragen, nie zu wissen, wie es dem anderen geht, was er jetzt grade macht.
"Ich liebe sie mehr als alles andere! Ständig wimmelt sie mich ab, wenn ich ihr das verständlich machen will. Mit fadenscheinigen Ausreden, mit Termin, mit Verabredungen, mit dir. Ich will doch nur, dass sie mich irgendwann wieder so liebt, wie ich sie..."
Es macht mich traurig, was er sagt. Ich fühle mich einsam, wie ich dort stehe, ihm zu höre und dabei versuche Trost für ihn zu finden, obwohl ich doch schon für mich selbst nicht genug habe. Es macht mich traurig. Und auch ein wenig neidisch. Weiß ich doch genau, dass sich niemand so um mich sorgt.
"Versprich mir, dass du immer auf sie aufpasst!"
Ich lächle traurig und nicke.
"Und bitte sag ihr, dass ich sie liebe. Du bist doch ihre beste Freundin. Vielleicht versteht sie es, wenn du es ihr sagst!"
Ich schlucke. Es macht mich traurig, das zu sagen, aber die Wahrheit tut immer weh, egal wie lange man es hinauszögert sie auszusprechen.
"Es ist zu spät.", antworte ich ihm endlich. "Es gibt nichts, was du noch machen könntest, sie wird nicht zurückkommen. Und egal wie oft du aussprichst, dass du sie liebst, es wird nichts ändern."
Die Vorwürfe und Erklärungen spare ich mir.
Wieder hat er Tränen in den Augen. Und ich denke mir noch, dass Männer nicht weinen sollten. Weil es mich traurig macht. Und hilflos.
"...was soll ich denn noch machen???", fragt er wieder.
"Frag dich, ob du die nächste Minute noch ohne sie aushältst.", antworte ich ihm. "Und nach der Minute, noch eine Minute. Und dann noch eine, und noch eine,... . Das ist jetzt dein Leben!"
Meins ist es schon lange.




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Kommentare
Männer nicht weinen zu lassen, ist eine Grausamkeit der Gesellschaft, stellvertretend lasse ich das jetzt aber mal hier an euch ab. Wir haben auch Gefühle. Wegen Leuten wie euch fällt es Männern so schwer, damit ehrlich umzugehen! Danke auch, im Namen des muskelbepackten, speerwerfenden Geschlechts.
10.07.2011, 12:46 von InYourEyesISee...Der letzte Abschnitt hat mir am besten gefallen. Der reicht für die Empfehlung
03.07.2011, 23:42 von fuexinHätte sie doch nur einen Balkon...
02.07.2011, 16:32 von runner_chtolles ende. "gefällt mir"
01.07.2011, 15:20 von kiwicatsehr gut geschrieben! vorallem klasse ende!! :-)
30.06.2011, 22:15 von palim.palimToll geschrieben. Ich kenne das auch so gut: Die eigene Leere versuchen auszublenden, aber für andere immer den Kummerkasten zu spielen...not easy.
30.06.2011, 12:59 von miri_yamfind ich auch gut so, dass Geschichten so kommen, wie es gerade läuft. Dann sinsd sie doch erst wahr. Mag ich.
30.06.2011, 11:39 von SirLukeUnd ich mag auch das Ende. Und ich mag, dass Du ihm gesagt hast, dass es nichts nützt.
Hätte mir auch mal jemand sagen sollen. Ja! -Danke!
Lieber Quatze, klar wirkt es nicht vordergründig beabsichtigt. Aber in seiner Struktur, der Wahl der Sätze und deren reduzierte Schlichtheit auf bloße Gedankenstruktur ist es mir vielleicht auf lieblose Art zu einfach und schlicht gehalten.
30.06.2011, 11:16 von MisterGambitGut finde ich den Satz:
"Und nach der Minute, noch eine Minute. Und dann noch eine, und noch eine wobei der Satz seine Stärke verliert, wenn danach wieder "Das ist ab jetzt dein Leben" steht, das hat den Gestus der simplifizierenden Erläuterung, auch wenn es stimmt.
@MisterGambit Du spinnst. Und wieso geht der Thread wieder?
30.06.2011, 11:20 von quatzat@quatzat Dass ich spinne ist die Grundvoraussetzung dafür, dass ich den Stil von solchen Texten in meiner Freizeit hinterfrage.
30.06.2011, 11:23 von MisterGambit@MisterGambit Es könnte auch Langeweile sein. Oder die Lust an Qualitätsmulden.
30.06.2011, 11:30 von quatzatUnd schon hat diese vermaledeite Zitat-Funktion den Thread zerhauen.
30.06.2011, 11:09 von quatzatAn die Neon-n00bs: Zitat-Funktion meiden wie Pussies Rasierklingen, klar?
@gambo:
Klar, ist das ein Brigitte-Text, aber irgendwie wirkt er ehrlich, ungerichtet, nicht Mitleid heischend. Kann zwar nicht sagen, warum, ist nur son Gefühl. Das heißt jetzt aber nich, das ich den super finde, nahaiiin.
@quatzat Brigitte-Text.. Klasse formuliert, da musste ich schon schmunzeln.
30.06.2011, 11:33 von katy_tooNaja, besonderen literarischen tiefgründig ist der Text nicht, das weiß ich auch. Hab die Situation am Wochenende genau so erlebt, und dabei auch geschwankt zwischen "andere Leute haben auch Probleme" und es andererseits aber auch so gut nachvollziehen können. Das ganze hat mich dann so beschäftigt, dass es raus musste aus meinem Kopf. War ja nicht mit zu rechnen, dass der erste Text den ich hier hochlade direkt auf der Startseite landet! ;)
@katy_too Klar, das funktioniert ja auch.
30.06.2011, 11:45 von MisterGambitIch interessiere mich für das Phänomen, warum gerade sowas in der populären Sparte so gut funktioniert.
@MisterGambit Weils die Klatsch-Tante ersetzt? Normal erzählen Frauen doch den ganzen Tag anderen Frauen solche Geschichten. Und hoitzutage sindse doch alle vereinsamt, sitzen nur vor dem iPad und haben kein 'RL'. Da ließt man lieber was von der, hmm, wie heißtse nochma, die alkoholisierte Kirchentante oder Pater Anselm.
30.06.2011, 11:49 von quatzatWobei ich jetzt nich weiß, ob Pater Anselm auch über schlüpfrige Themen schreibt. Evtl. unter einem Pseudonym.
@quatzat Ich hab dieses Semester ein Tutorium gegeben über Massenkultur, Kulturindustrie, Populärkultur
30.06.2011, 11:52 von MisterGambitAdorno, Maase, Bourdieu, Horkheimer, Fiske, Hall, Haug
Da kommt mir hier einiges immer wieder bekannt vor an der Debatte, die man da führt.
@MisterGambit Hastu auch kräftich die Kneipen besucht?
30.06.2011, 11:55 von quatzat@quatzat ei jo
30.06.2011, 11:56 von MisterGambit@MisterGambit Anners gehts a net.
30.06.2011, 12:01 von quatzatMal zu dem Text: Es liest sich für mich eigentlich wie eine Passage aus einem modernen Erbauungsbuch.
30.06.2011, 11:01 von MisterGambitDa ist mir zu wenig zwischen Sätzen, die darauf ausgelegt scheinen, sich darin wieder zu erkennen und zu nicken oder sich angewidert wegzudrehen, weil man die Scheiße nicht mehr hören/lesen kann.
(mit Scheiße ist nicht der Text gemeint sondern vornehmlich das Thema)