Metamorphose
Wie aus zwei Menschen eine klebrige Masse wird.
Hey. Du. Komm doch ein Stück näher. Rück ein Stück näher an mich heran. Lass dich vom Magnetismus unserer Körper anziehen und mach den Raum zwischen uns ungeschehen. Lass dich gehen und komm zu mir. Sei mein Gegenpol und scher dich nicht um unsere Unterschiede. Lerne mich richtig kennen und sei ein Teil meiner großen Gemeinsamkeit. Gib alles auf, vor allem die Angst, und lerne mich dafür kennen. Du wirst merken, dass es mehr gibt als deine Furcht vor der Erkenntnis, dass ich wie du bin. Du spürst doch, wie die Luft zwischen uns vibriert. Du spürst doch, wie du aus deiner Haut in meine fahren willst. Das war doch eben kein Zufall, wie deine hungrige Schneckenhand über mein Salatbein gekrochen ist. Los, es ist gar nicht weit. Du musst irgendwann den ersten Schritt machen, damit wir zu weit gehen können. Jetzt ist der Moment und zwischen uns liegt der kürzeste Weg seit wir uns kennen. Ich kann nicht anfangen, das musst du übernehmen. Ich bin bis hierher gekommen, das war nicht immer leicht. Jetzt bist du am Zug. Das ist nur fair. Die Eskalation, das ist deine Aufgabe. Gib dir einen Ruck und stürz dich meine Hänge hinab, sei der Stein des Anstoßes. Du wirst es nicht bereuen, wenn du erst unten an den Felsen zerschmettert bist und ganz wie neu geboren. Komm näher, ich will dich aus der Nähe sehen und schauen, ob du nicht in meine Form passt. Ich fühle mich so leer die Tage, du könntest in mich fließen und alle Lücken füllen. Da vorn ist schon die nächste Haltestelle. Komm rück näher, sonst steigt einer von uns aus und der andere bleibt allein. Bleib hier unten mit mir im Dunkeln und sieh, wie unser Licht im Tunnel langsam schwächer wird.
Gut, jetzt bist du da. Warum hast du nur so lang gebraucht, ich wusste gar nichts mit mir anzufangen. Wenn ich allein bin, hab ich das Gefühl, dass ich keinen Sinn habe. Aber jetzt, wo du da bist, fühlt sich alles richtig an. Zieh dich doch aus und leg dich zu mir. Lass das Licht ruhig an, deine Schatten kannst du vor mir eh nicht verbergen. Ich glaube auch nicht, dass du etwas verstecken musst. Ich habe schon alles gesehen, was Menschen unter ihren Kleidern tragen. Ich war nicht immer wählerisch, aber heute Nacht will ich dich. Denn ich habe das Gefühl, dass du es auch hast, das Gefühl. Deshalb zier dich nicht so, ich finde dich schön, weißt du. Ich glaube du weißt gar nicht, wie gut du zu meinen Augen passt. Und wie unsere weiße Haut nebeneinander im Schatten schillernd den Gestirnen den Mittelfinger zeigt und die erblassen vor Neid. Das sieht sicher toll aus, von da oben gesehen. Die Sterne können sich eine Scheibe weißes Fleisch von uns abschneiden. Aber dafür musst du erst mal näher kommen. Los komm her, mir geht die Geduld aus dem Leim. Ich will, dass wir zusammen atmen und dass unsere Herzen sich schlagen. Dein Schweiß, mein Schweiß, unsere würzige Mischung wie Salz auf dem Samt der Nacht. Brenn dich in meine Laken und ich werde dir nie wieder aus dem Kopf gehen. Lass dich von mir berühren, ich glaube deine Gänsehaut steht meinen Fingerspitzen ausgezeichnet. Und wenn du erst merkst, wie deine Hände in meinen Schoß passen, wird dir die Luft zum Fortlaufen wegbleiben. Wenn ich dich erst in meinen Armen habe, dann lass ich dich nicht mehr los. Das hört sich schön an, sagst du? Dann komm, jede Sekunde ohne einander ist verschenkte Zeit an die Ewigkeit. Ich will dich anfassen und mir deiner sicher sein. Ich will dich von innen sehen und dort nach mir suchen, damit ich sicher gehen kann, dass die Unendlichkeit zu uns beiden passt. Zur Not die ganze Nacht lang.
Jetzt sind wir aufgewacht. Der Tag sieht durch meine rostigen Gardinen so aus, als könnte er auf unserer Seite stehen. Jetzt lass uns reden. Komm, lass uns reden. Du bist schon nackt und liegst mit meinen Säften bekleckert neben mir. Erzähl mir nicht, du hättest noch Geheimnisse vor mir. Ich weiß längst schon mehr über dich, als irgendeiner jemals wissen sollte. Ich will dich erfahren, nachdem ich dich überfahren habe. Will wissen, wer du bist, damit ich dich beim Frühstück vom Antlitz meiner schäbigen Küche tilgen kann. Ich will alles hören, jede Geschichte, die du mal erlebt hast. Egal aus welcher Zeit und mit wem du da warst. Es ist mir egal, sie alle spielen ab sofort keine Rolle mehr. Sie alle werden ebenso verschwinden in meinem Schatten, wie du heute Nacht unter mir verschwunden bist. Siehst du, das ist unsere erste Gemeinsamkeit. Wir waren einander so nah, jetzt kannst du dich mir auch anvertrauen. Keine Angst, ich werde es keinem erzählen. Alles was ich wissen muss, das muss nur ich wissen. Genau, jetzt die Geschichte von deinem Ex und gleich danach die Geschichte von deinem Vater. Sag mir alles, ich kann alles wieder verwenden. Ich bin deine laufende Müllverbrennungsanlage. Erzähl mir, was dich belastet, ich werde dir dafür mit Spucke Flügel aus Buntpapier an die schönen Schulterblätter kleben. So leicht wirst du nie wieder fliegen lernen. Glaub mir, von denen die einmal abgestürzt sind, lernt es sich besser als von denen, die immer nur auf Wolken sitzen und vom Wind unter den Flügeln erzählen. Je mehr du mir jetzt erzählst, je mehr deiner Gedanken sich mit meinen vermischen, desto weniger gibt es du und ich, desto mehr sind wir. Ich will, dass die Macht unserer beider Leben die Sonne verdunkelt, wenn es sein muss. Wir beide werden groß, so groß, niemand kann uns mehr trennen, denn keiner reicht an uns heran. Ich erzähl dir auch alles von mir, es ist dasselbe Spiel. Schau in den Spiegel, so lang, bis du mich siehst. Erzähl mir mehr, ich erzähl dir mehr, lass uns wie gierige Hälse füreinander sein und uns reinen Wein direkt in die vertrockneten Herzen schütten. Du willst mich küssen? Gern. Ich küsse dich so lang bis wir zwei die Augen öffnen und vergessen haben, wer wer ist. Lass uns einander kennen lernen und voneinander lernen, auf dass keiner jemals mehr allein sein muss mit sich selbst. Lass uns einander verstehen, als würden wir dieselbe Sprache sprechen. Lass uns nie wieder damit aufhören, denn deine Stimme in meinem Kopf tötet das Echo meiner Sinnlosigkeit. Wir fressen uns auf und würgen uns wieder hoch wie neugeboren.
Los, nur noch ein Stück, dann sind wir vollends zusammen gewachsen. Ein Raum, eine Melodie, ein Kühlschrank, eine Familie, ein Ziel, ein Traum, ein Leben - alles schon unser. Es fehlt nur noch ein letzter Schritt, bis wir uns nicht mehr voneinander unterscheiden. Deine Jacke ist meine Jacke, dein Klo ist mein Klo, deine Zukunft ist meine Zukunft, deine Sicherheit ist mein Verdienst und umgedreht. Ist es nicht schon wunderbar gewesen bis jetzt? Ist deine Leere nicht auch meiner Leere gewichen? Haben wir uns nicht gegenseitig die Nächte vom Dunkel befreit mit lautem Atmen und Händchenhalten und Rumgewälze bei Vollmond und Albträumen und Trösten mitten in der Nacht. Und der Gewissheit, beim Aufwachen keine bösen Überraschungen zu erleben? Komm, das ist doch wunderbar. Warum schaust du mich da jetzt so komisch an? Hab ich dir nicht geholfen deine Ängste zu vergessen? Bist du nicht mit meinen Beinen über deine Berge gelaufen, hast sie mit meiner Muskelkraft versetzt und sie dann aus meinen Augen gesehen? Hast du nicht die Steine von deinem Herzen auf meines gelegt? Und hab ich dir nicht vor lauter Dankbarkeit aus den Kieseln Diamanten gemacht? Siehst du. Und jetzt fehlt nur noch das letzte Stück Weg, bis niemand uns in Zukunft noch voneinander unterscheiden kann. Sag ja, komm. Sag nicht ja zu mir oder zu dir. Sag ja zu unserem Leben. Sag ja, und verlerne das nein. In ein paar Monaten, glaub mir, wirst du vergessen haben wie es war, allein zu sein. Klingt das nicht wundervoll? Ist es nicht das, was alle wollen? Fühlt sich nicht jeder von allen guten Geistern verlassen auf diesem Planeten? Und schreien nicht alle nach einem fremden Herzschlag neben sich in der Nacht? Das ist unsere Chance, den Fluch zu beenden. Seit ich von deinen Lippen lesen kann, verstehe ich dich besser als jeder andere es jemals könnte. Seit ich zwischen deinen Zeilen lesen kann, weiß niemand anderes so gut über dich Bescheid. Du siehst, ich bin die logische Konsequenz. Das muss sogar dein Herz einsehen. Also geh den Weg mit mir zu Ende, sonst falle ich über dir zusammen wie ein Kartenhaus aus Stahlbeton. Nutze die letzte Entscheidung, die du allein treffen wirst. Ich gebe mich ja schließlich auch auf. Wir geben unsere alten Hüllen auf, wie die Menschen Häuser nach einem Erdbeben aufgeben. Wir zwei, wir sind mindestens eine Siebenkommanull. Ja!
Irgendwann heute Nacht muss es passiert sein. Du und ich, wir sind irgendwie ineinander gerutscht. Ganz langsam, als deine Hand wie immer in meiner lag, ist unsere Haut an den Fingerspitzen erst klebrig geworden. Und nach und nach dann verschmolzen wir im kalten Feuer der Gemeinsamkeiten zu einer wogenden Masse, über die sich im Morgengrauen die erste neue, glänzende Haut spannte.



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Kommentare
Du musst irgendwann den ersten Schritt machen, damit wir zu weit gehen können.
12.07.2011, 21:59 von goingtosfGanz. Große. Klasse.
schade.
05.10.2010, 23:27 von frl_smillahab das lesen abgebrochen.
mit abstand das schlechteste, was ich bisher von dir gelesen habe.
@frl_smilla woran lags?
06.10.2010, 10:56 von hib@hib intensiv.
12.11.2010, 00:36 von shewolfVom Schreibstil hat das alles irgendwas von 'Mirastelle' ... was nichts Negatives ist. Ich mag es. Und wie im vierten Beitrag bereits geschrieben, hat es etwas märchenhaftes ... wie bei den Grimm's, die sind auch nicht alle jugendfrei. Kurz um: der Text ist toll.
02.10.2010, 22:30 von my.Starlight.kann mich in deinem Text verlieren...sehnsucht nach metamorphose...
01.10.2010, 18:24 von roxy.87Überwältigend! Großartig! Phänomenal!
01.10.2010, 10:10 von Weaselwow...
30.09.2010, 13:19 von m.aus.w.an.der.omir blieb zeitweise der atem weg... auch aus angst, ich könnte mich vom atmen ablenken lassen und iwas überlesen...
mitgerissen hat's mich, jawoll
gut so! meine empfehlung!
mfg
Sorry... hab schon besseres von dir gelesen.
29.09.2010, 22:32 von Batida72...
Schemnitz. Statt der Moderne.
29.09.2010, 22:03 von Claud187hibhib, bald bin ich in Leipzig. Sehma uns dann?
@Claud187 dein planet oder mein planet?
29.09.2010, 22:18 von hibIch kommentiere nicht oft, aber das hier ist ein Kracher. Der Text hat mich total gefesselt und ich finde die Sprache großartig. Nicht schön im eigentlichen Sinne, aber toll!
29.09.2010, 15:49 von Joey_Potter