Nothingness 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 2

Meine Tränen auf deinem Metall

Langsam zupfst du ein Haar nach dem anderen aus. Meine Kopfhaut brennt, der Schmerz hallt in meinem Schädel.

Du lässt dir Zeit, lässt es langsam geschehen. Und immer, wenn der Schmerz langsam vergeht und nichts zurück lässt, kann ich das nächste ausgerissene Haar kaum erwarten. Und ich weiß, es wird kommen. Denn du bist gründlich. Und wir haben Zeit.
Jedes meiner Haare erzählt eine Geschichte. Und du bist der Geschichtensammler. Denn du würdest sie nicht einfach lieblos wegwerfen, nein, du sammelst Haar für Haar und erfreust dich an ihrem Duft. Ich liege da, lasse es geschehen. Kann nicht anders.
Irgendwann liege ich völlig entblößt vor dir. Du betrachtest mich. Streichst sanft über die empfindliche Haut, die sich rot färbt.

Die Tränen spüre ich nicht mehr, nachdem du meinem Gesicht die Haut genommen hast. Verstohlen wisperst du in mein Ohr. Sagst süße Dinge. Süß. Dabei wiegst du das Skalpell prüfend in der Hand. Ich weiß, was kommen wird. Ich kann es kaum erwarten und doch graut es mir bei der Vorstellung. Ein kaltes Gefühl der Angst entsteht in meiner Bauchgegend.

Meine Ketten klirren leise, als mein Körper erschaudert. Beim ersten Schnitt. Ich spüre, wie das warme Blut an meiner Haut herab rinnt. Du machst kleine, zärtliche Schnitte. Mit viel Geduld gräbst du die Klinge in mein Fleisch. Ich stöhne. Vor Schmerz. Vor Lust. Vor Scham. Scham dafür, dass ich nicht anders kann. Bald schon sind meine Arme von vielen kleinen tiefen Schnitten gezeichnet. Blut tropft. Ich höre es. Ich spüre es. Ich lebe.
Für meine Brüste nimmst du dir besonders viel Zeit. Nicht, weil es Brüste sind. Nicht, weil es dich erregt, zu sehen, wie sich meine Warzen zusammenziehen, wenn du mit dem Skalpell darüber streifst. Nein. Weil du weißt, wie empfindlich ich dort reagiere. Weil du weißt, dass du mich glücklich machst. Auf eine bestimmte Art und Weise.

Du stichst mit dem Skalpell, nur mit der Spitze, vorsichtig, sodass sich gerade ein Blutstropfen ergibt. Es ist eine Kunst. Das weiß ich. Das weißt du. Mein Wimmern ist dir Lohn genug. Du machst deine Sache gut.

Ich weiß nicht mehr, ob ich schreien, oder vor Freude lachen möchte. Irgendetwas dazwischen. Wie du meine Beine behandelst, bekomme ich nicht mehr mit. Ich weiß nicht, wo ich bin. Du auch nicht. Doch ich bin glücklich.

Nach unserer intimen Prozedur nimmst du mir die Ketten ab. Du gibst mir mein Gesicht zurück. Nun kann ich endlich wieder meine Tränen spüren.

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4 Antworten

Kommentare

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    vielleicht ist er nur aus einer "entfremdeten" perspektive?!?

    auf jeden fall sehr eindrucksvoll und gut geschrieben

    10.08.2007, 20:00 von dasJojo
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    Sehr gut... Mal ein schöner Kontrast zu all den "realen" Texten hier auf Neon. Gern gelesen, weiter so ;)

    09.08.2007, 21:57 von Riif-Sa
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