Honesty 15.08.2008, 02:10 Uhr 1 2

Meine Sucht

Ich habe sogar das Rauchen aufgehört, aber von Dir komme ich nicht los, Du bist eine Sucht, meine Sucht…

Alles begann an einem gewöhnlichen Tag im November. Mir war langweilig, meine Freunde waren alle beschäftigt, also beschloss ich nach fast acht Jahren mal wieder in einen Chatroom zu gehen, einfach so aus einer Laune heraus, ohne Erwartungen, nur zum Zeitverteib. Fehler, großer Fehler!

Schon sehr bald sprachst Du mich an. Du warst nett, charmant und vorallem hattest du den selben Humor wie ich, wir waren auf einer Wellenlänge. Ich weiß nicht wie lange wir gequatscht haben, lang, zu lang!

In den nächsten Wochen chatteten wir täglich, du wurdest mir immer vertrauter. Du kamst auf die Idee wir könnten telefonieren, nach langem Zögern stimmte ich zu. Erneuter Fehler, riesiger Fehler!

Ich schaue auf die Uhr, halb eins, verdammt, wir haben fünf Stunden telefoniert! Deine sanfte Stimme hat mich auf Anhieb fasziniert, die Gesprächsthemen gingen uns nicht aus, mein Bauch tut mir weh vom vielen Lachen…
Vielen, vielen Telefonaten folgte deine Frage: „Wollen wir uns treffen?“ Tausende Gedanken schießen mir durch den Kopf, vom bierbäuchigen Mitfünfziger bis zum potentiellen Vergewaltiger, man hört ja allerhand. Ich verneine. Nach dem fünften Mal hattest du mich so weit, ich sagte ja.

Eine halbe Stunde noch, dann wirst du vor meiner Tür stehen. Nervös renne ich durch die Wohnung, wechsle zehnmal das Outfit. Haare offen? Haare zusammen?
Es klingelt, mein Herz bleibt für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Ok, du musst da jetzt durch!
Mit zitternden Knien laufe ich die Treppe hinab und da bist du. Groß, attraktiv, sanfte braune Augen und ein umwerfendes Lächeln. Du willst zu mir? Wir haben telefoniert? Das kann nicht sein!
Wir gehen in ein Café. Blutdruck 160/100, Puls nicht mehr zählbar…

Kaum sitzen wir werde ich ruhig. Deine Art, dein Humor zieht mich in deinen Bann. Wir sitzen ewig dort. Ein Gefühl von Vertrautheit überkommt mich.
Du bleibst die Nacht bei mir, wir haben uns so viel zu erzählen…
Am Morgen verabschiedest du dich mit einem Kuss, den ganzen Tag schwebe ich auf Wolke 7.

Die nächsten Monate wird es still um dich. Du meinst du hättest viel zu viel Arbeit, keine Zeit mich zu sehen. Auf SMSn bekomme ich drei Tage später eine Antwort, wenn überhaupt.
Ich sehe im Internet Partyfotos von dir. Eng umschlungen mit anderen Mädels. Ich kann nicht anders, schaue sie mir immer wieder an, leide…
Du versprichst mir mit mir auf eine Party zu gehen. Ein paar Tage vorher frage ich nach, ob ich dir jetzt eine Karte besorgen soll, keine Antwort! Drei Tage danach eine Entschuldigung, zu viel Arbeit…“du weißt ja mein Schatz!“
Ich sage dir du kannst dir das „Schatz“ schenken. Kein Kontakt mehr.

Mein Onkel stirbt, ich bin am Ende, habe aber jetzt das Bedürfnis die Sache mit dir zu klären.
Ich schreibe dir einen Brief, werde emotional, sage dir, dass ich nicht böse bin, nur verwirrt über dein gegensätzliches Verhalten, dass es mir durch den Verlust meines Onkels sehr schlecht geht und ich einfach Klarheit brauche. Du antwortest nicht.
Ich bin verletzt, es fließen viele Tränen, aber schließlich verbanne ich dich aus meinem Leben, dachte ich zumindest.

Sechs Wochen später meldest du dich wieder, sagst wie sehr du mich vermissen würdest, aber dass du eben so viel um die Ohren hättest. Du wollest mich aber wieder sehen. Wir verabreden uns für Freitag.

Es ist Freitag. Du meinst, du würdest noch kurz ne Stunde Schlafen (die Arbeit hätte dich mal wieder geschafft) und dich dann wieder melden. Ich weiß du wirst es natürlich nicht tun, ich sage es dir auch, du bestreitest es. Ich behalte recht. Samstag Früh bekomme ich eine Entschuldigung von dir, du hättest den Wecker einfach nicht mehr gehört. Ich versuche dir zu glauben, nein, ich will dir glauben, ich will daran glauben, dass du ein netter Kerl bist! Ich solle mich melden, wenn ich nach meinem Kurztripp wieder da sei.

Im Zug liegt mein Handy auf meinem Schoß. Soll ich dir schreiben? Aber die Entschuldigung klang ernst gemeint. Du bekommst eine SMS, dass ich am Abend wieder da bin, ich bekomme natürlich mal wieder nichts. Ich bins ja gewöhnt, mit mir kann mans ja machen.
Gegen Mitternacht sehe ich dich online. Ich spreche dich an. Keine Antwort. Ich frage dich, ob du jetzt überhaupt nicht mehr mit mir sprechen würdest. Als Antwort bekomme ich ein: „ER würde schon mit dir sprechen, wenn er nicht schon schlafen würde. Soll ich ihm was ausrichten. Ich bin Julia…“ Unweigerlich schießen mir Tränen in die Augen. Was macht eine Frau um diese Zeit an seinem PC während er schläft? Natürlich kenne ich die Antwort. Am nächsten Tag spreche ich ihn darauf an, er leugnet es nicht einmal. Es sei kompliziert, er würde es mir mal in Ruhe erklären.

Die nächste Zeit bin ich nicht daheim, über zwei Wochen vergehen bis wir wieder Kontakt haben.
Du erzählst mir deine Beziehung sei gescheitert. Ich solle vorbei kommen. Du nennst mich wieder „Mäuschen“ und „meine Süße“, wie immer…
Wie lange habe ich darauf gewartet? Ich nehme mir eine Flasche Wein, sie verhindert, dass ich zu dir komme. Nein, ich will stark sein.
Aber was, wenn ich nächstes Mal keinen Wein zuhause habe?
Früher musste ich über so viel Dummheit lachen. Nie, absolut niemals bin ich einem Typen hinterher gerannt. Was ist nur aus mir geworden?

Rauchen schadet der Gesundheit, Du schadest meiner Seele, trotzdem komme ich von Dir nicht los!

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1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Unglaublich guter Text, gefällt mir richtig gut. Du bekommst eine Empfehlung von mir.
    Wird es eine Fortsetzung geben?

    08.03.2009, 00:35 von wirtzzz
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