LauraLL 08.07.2008, 00:41 Uhr 4 1

Mein Wasser

Ich habe vielleicht gelogen als ich sagte, ich bräuchte dich nicht.

Wenn man auf Entzug ist, fantasiert man die komischsten Dinge.
Das habe ich mal gehört.

Mir fällt es wieder ein, als ich in meiner Küche stehe, um mir lieblose Nudeln zu kochen. Plötzlich rennen mir heiße Tränen über das Gesicht und ich bin so perplex, so überrascht, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Denn als ich versuche, diese Tränen in meinen Händen zu sammeln, entgleiten sie mir. Und in jedem kleinen Wassertropfen sehe ich einen Teil von dir. Ich sehe deinen nackten rechten Fuß, deine Schulter, die eine Hand, wie sie eine Zigarette hält, dann deinen Mund, der kaum an dieser Kippe zieht. Vor allem aber sehe ich in meinen Tränen deine Augen, immer wieder. Mal geschlossen, mal geöffnet, mal hungrig, fragend, undurchdringlich. Je mehr ich weine, desto klarer wird dein Bild und desto klarer wird, dass ich es nicht einfangen kann. Die Tränen rollen über meine Hände und verschwinden. So, wie du dich mir immer wieder zu entziehen vermagst. Die wenigen, die ich mit der Zunge auffangen kann, reichen mir nicht. Ich möchte mehr als bloß ab und zu von dir kosten.

Da laufen sie nun, die Tränen, und jeder einzelnen weine ich nach. Ich will dich nicht verlieren. Ein oder zwei tropfen auf die warme Herdplatte, verdampfen. Nicht genug, um die Fensterscheiben beschlagen und mich blind werden zu lassen. So sehe ich nun wie es war, als es heißer wurde zwischen uns beiden, als deine Seele dampfend die Luft stickig und schwer werden ließ. Oh, wie wollte ich einfach tief einatmen und dir die Schwere nehmen… Wie aber, wenn ich daran lediglich ersticken kann?

An manchen Tagen wolltest du auch Eis sein, so kräftig, dass ich mein ganzes Gewicht dir zu tragen geben sollte. Erleichternd, ja, aber ein wohliges Gefühl kann des Eises Kälte auf Dauer nicht schenken. Ich hätte mir Schnee gewünscht. Schnee, den du hasst. Eine weiße Decke kannst, und willst, du nicht sein.

Am besten gefällst du dir sowieso im Fluss. Du bahnst dir Wege zu mir, die ich schon längst verschloss, lässt dich nicht greifen noch halten, treibst Tränenfluten voran und hinterlässt Gefühlsdürre.

Ich starre auf die nun glühende Herdplatte, schalte sie aus.
Nein, ich will nicht essen.
Nur trinken, trinken.
Doch du bist mein Wasser, und so verdurste ich wohl.

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Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] mh, ist das ein kompliment...?

      17.07.2008, 12:01 von LauraLL
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    Mit jeder Träne wird sein Bild klarer und man versucht, es einzufangen - bis man merkt, dass das nicht geht!

    Ich kenn das Gefühl nur zu gut zur Zeit! Sehr schön in Worte gefasst...

    08.07.2008, 18:57 von pachit
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    sehr schön.. in dem Gefühl lebe ich gerade auch.. aber mir der Zeit wird es leichter..

    08.07.2008, 16:20 von Samitika
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