Arielle1991 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 1

"Mein virtuelles Ich"

Rollstuhlfahrerin mit Migrationshintergrund - bloggt ungeschönt und ehrlich über ihre Erfahrungen, Erlebnisse und das wahre Leben da draußen.


Wie viel müssen wir eigentlich über einen Menschen wissen, bevor wir Sie oder Ihn daten? Reicht uns ein Bild, der Beruf oder das Alter schon aus, um ein Menschen näher kennen zu wollen? Sind wir eigentlich im Internet die selbe Person, wie im realen Leben, oder stellen wir uns unbewusst anderes dar? All diese Eigenschaften spielen beim Online Dating eine große Rolle. Unzählige Leute lernen sich heutzutage genau auf diese Art und Weise kennen.  Aber was ist, wenn unsere Vorstellungen mit der Realität  nicht übereinstimmen?  Und wie oft hast du dich gefragt, ob dein blind Date womöglich ein Handicap hat? Die Antwort ist, dass keiner sich darüber vorher Gedanken macht. Das ist auch kein Wunder, da daten und behindert sein, für viele Menschen, zwei total widersprüchliche Sachen sind. Nun ja, ich hab daraus ein Experiment gemacht und diese zwei vermeidlich widersprüchlichen Sachen vereint.  

Ich wollte wissen wie Männer, auf einer Dating-Platform, wie Tinder auf eine bloggende Rollstuhlfahrerin mit Migrationshindergrund, wie mich reagieren. Die Bedingung dafür war, dass ich nicht jedem direkt gesagt habe, dass ich eine Behinderung habe und so, die verschieden Reaktionen miteinander vergleichen wollte. Drei von fünf Männern wussten vor unserem Treffen nicht,  dass ich im Rollstuhl sitze.  Um eins vorweg zu sagen: Egal, ob ich ihnen vorher gesteckt habe, dass ich ein Handicap habe oder nicht, die Relationen darauf waren ziemlich gleich. Vom peinlichen Schweigen bis hin zur großen Begeisterung, dass ich neben dem Rollstuhl fahren und meinem Studium, tatsächlich auch noch denken und sprechen kann, war alles dabei.  Was ich jedoch sehr schnell begriffen habe, ist das es viele Männer da draußen gibt, die sich noch mehr für mich interessiert haben, als ich ihn verraten habe, dass ich ein Handicap habe. Nicht weil sie total tolerant sind oder so Welt offen, Nein! Sie sahen mich oft als eine Art „Sammlerstück“ an. Viele wollten eine „Rollstuhlfahrerin in ihrem Repertoire haben, da sie vermutlich kurz, blond, schwarz, lang oder ausländisch schon mal gehabt haben. Das war das Erste, was ich bei meiner Recherche beobachten konnte.

Tinder ist das primitivste und einfachste Format,  um andere Leute kennen zu lernen. Ich gebe zu, dass es anfangs noch wie ein Ebay Produkt, bei einer Versteigerung gefühlt habe. Doch irgendwie gewöhnt man sich schnell an dieses zwielichtige Gefühl. Mit einem Wisch  nach rechts, liket man diese Person und mit einem Wisch nach links disliket man diese Person. Ok, Person ist zu viel gesagt. Es geht nur um Bilder. Entweder spricht das Bild einen an oder nicht. Trotz meines sehr spartanisch eingerichtetem Profils, habe ich relativ schnell Nachrichten von paar Tinder-Nutzern bekommen. Während ich fleißig nach links und rechts zu wischen, bemerkte ich, wie schnell die App mein Alltag beherrschte. Ständig schaute ich nach, wer mir geschrieben hat. Schon nach wenigen Tagen war ich süchtig nach der App. Ich denke, dass niemand zugeben würde, so eine App zu benutzen, obwohl ich relativ viele bekannte Gesichter gesehen habe, während ich auf Tinder war. Frei Nach dem Mott „jeder weiß bescheid, aber keiner hat was gesehen“. Manchmal habe ich auch bewusst ein Like gegeben, um zu zeigen „Hey, ich habe dich gesehen.“ 

Nach ca. fünf Tagen habe ich trotz all meiner Bedenken, das erste Date mit jemanden ausgemacht. Tinder - Man Nummer 1 zeigte sich ziemlich ordentlich und ganz schön „Hip“ für sein mittdreißiger Jahre. Ihm habe ich während des Chats schon gesagt, dass ich eine Rollstuhl sitze und eigentlich nur auf dieser Plattform bin, weil ich darüber ein Text schreiben will. Trotz meiner Offenheit, wollte ich immer wieder betonen, dass dies nur als Recherche dient. Er ging sehr offen damit um und hatte überhaupt kein Problem, dass ich darüber schreibe. Im Gegenteil, er drängte mich förmlich, um mich endlich mal zu sehen. Er schien ganz gut situiert in seinem Leben zu sein und versuchte  sogar einen auf Hipster zu machen, in dem er sich seinen schönen grausigen Bart mühevoll auswachsen lies. Meiner Erfahrung nach dauert das etwas länger, bei den deutschen Männern. Daher schien er mir ziemlich diszipliniert zu sein.  Das Date mit ihm lief ziemlich gut, ja fast schon zu gut! Er fragte ziemlich interessiert nach meinem Leben und hat ernsthaftes Interesse gezeigt. „Gott sei Dank bin ich behindert“, dachte ich mir. Sonst hätte  ich noch mit ihm  schlafen müssen. Ein anderes normales „Tinder-Girl“ hätte sich vermutlich dieses Match nicht entgehen lassen. Vermutlich hätte jede andere sogar Gelegenheitssex mit ihm gehabt, da er ziemlich lang gefahren ist, um mich zu besuchen. Doch wie heißt es so schön „Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Wir verabschiedeten uns von einander und er bat mich bevor er ging sogar um ein zweites Date. Im großen und ganzen war es ein nette paar Stunden, die ich mit ihm verbracht habe. 


Spannend und gleichzeitig gelangweilt, wartete ich mutterseelenallein am Bahnhof auf mein 2. Date. Ihm habe ich nicht verraten, dass ich im Rollstuhl sitze. Er war ein Landsmann von mir. Durch mein Mirgationshintergrund, der täglich hinter mir her schlenderte, erlaubte es mein Open-Minded Horizont auch meine anderen Landsleute unter die Lupe  zunehmen.  Zwischen all den neunen irritieren Flüchtlingen, die sich wieder mal am Bahnhof tummelten, entpuppte sich meine Verabredung, als ein kleinwüchsiger, behaarter Kobold. Nicht zu vergessen seine  Bierwampe, die er während seines Auslandssemesters, neben all sein „Aktivität“, die er  bei Tinder so schön dargestellt hatte angetrunken hat. Dennoch wollte ich ihm eine Chance geben.  Irgendwie hatte ich ein bisschen Mittleid. Abgesehen davon  bin ich die letze, die auf Oberflächlichkeiten achten sollte. Auch wenn er es nicht mal für nötig gehalten hat, seine Haare zu kämen, bevor er aus den Haus gegangen ist. Ok, die Bezeichnung „Haare“ ist noch zu schön formuliert. Es waren eher paar Deckhaare, die seine Glatze verdeckt haben. Dennoch wollte ich mich nicht davon beirren lassen und lächelte ihn freundlich an. Sichtlich irritiert, begriff er das er ein Date mit mir, der Rollstuhlfaherin hat, die ihn vom weiten anlächelte. Er versuchte „cool zu wirken“, in dem er während des Dates ständig nur über sich gesprochen hat. „Ich bin ja soooo toll, ich hab schon so viel erlebt . Ich bin ja so tolerant… ICH ICH ICH (….) Er hörte sich so gerne selbst beim reden zu. Normalerweise haben Menschen wenigstens eine nette Persönlichkeit, wenn sie wissen, dass sie nicht unbedingt wie ein Supermodell aussehen, doch das traf bei ihm nicht zu. Zwischen durch stellte ich mir die Frage, wer wohl von uns der Behinderte war?  Ich, die sich auf all diesen Mist einließ oder er, der tatsächlich meinte, dass daraus mehr sein werden kann. An dieser Stelle beantworte ich diese rhetorische Frage lieber nicht. „Sollte ich ihm vielleicht paar Tipps geben, für sein nächstes Date, mit einer anderen Frau? Vielleicht hätte er dann mehr Chancen jemanden anderen kennen zu lernen. Weshalb wird eigentlich so jemand nicht von der Gesellschaft aufgefangen? In seinem Alter hätte er schon längst von Mami und Papi verheiratet werden sollen.“ Diese und weitere  Gedanken schwirrten mit im Kopf herum, während er weiterhin ausschließlich über sich erzählte. Irgendwann begriff selbst er, dass es ziemlich schlecht lief und fragte mich, ob wir zahlen sollen, um zu gehen. Ich stimmte euphorisch zu und die Kellerinn kam, um abzurechnen. Sie fragte „zusammen oder getrennt?“ Fünf Sekunden vergingen und sie fragte erneut „zusammen oder getrennt?“ Bevor es noch peinlich wurde sagte ich „getrennt bitte!“. Ich schaute ihn skeptisch an und bezahlte meinen 1,80€ Kaffee selbst. Nun, ein Vorteil hatte Getrennte Rechnung und zwar das auch getrennte gehen!

Insgesamt habe ich in den zwei Wochen, während ich bei Tinder angemeldet war, fünf Dates gehabt, die verschiedener nicht ablaufen konnten. Mit zunehmender Benutzung stellte ich mir zwischen durch oft die Frage „leben ich nun oder tindere ich nur?!“ Ja liebe Leute, nicht nur Candy Crush kann süchtig machen! Mit dieser App haben wir nicht nur den Zenit der totalen Oberflächlichkeit erreicht, sondern beweisen uns auch selbst damit, wie sehr wir von Fotos, Illustrationen, Selbstdarstellungen und Ich Porträts reinlegen. Doch eins muss man ganz klar sagen. Die oberflächlich Schönheit bzw. Aussehen eines Menschen, ist das erste was wir in einem Menschen sehen. Sowohl im realen  Leben, als auch in unserem virtuellen Leben spielt das eine primäre Rolle. Trotz allem muss ich sagen, dass es eine sehr interessante Erfahrung für mich war. Ich habe mehr positive, als negative Erfahrungen gemacht habe. Seit dem sehe ich Tinder nicht mehr nur als „Fick-App“ . Ich habe Menschen kennenlernen dürfen, die lediglich zu schüchtern sind, um Frauen im realen Leben anzusprechen und daher solche Apps benutzen. Ich gehörte auch mal zu dieser Spezies. Bevor ich diese App benutzt habe, wartete ich ständig, dass man mich anspricht und stellte mir immer die Frage „Soll ich, oder soll ich nicht?“ Mag sein, dass dies noch Nahost-Eigenschaften, die mir noch erhalten geblieben sind. Aber ich denke, dass viele Frauen da draußen nicht einfach so, einen fremden Mann ansprechen können. Es wirkt mittlerweile richtig erfrischend, wenn ich mich mit Menschen im realen Leben unterhalten kann, ohne darüber nachzudenken, ob ich ihn nun löschen oder blockieren soll.


Ich würde jedem empfehlen, diese Erfahrung mal zu machen, um sich von dieser konventionellen Einstellung zu lösen und vergleichen zu können, wie sehr unserer virtuelles Ich mit dem realen Ich übereinstimmt.  Im Internet war ich selbstsicher und schrieben sogar andere an, doch im realen Leben hätte ich das vermutlich nie gemacht. Fakt ist, dass diese Art der Kommunikation uns ganz neue Türen eröffnet. Wir treffen uns nicht mehr auf Partys, um neue Leute kennen zu lernen, sondern immer mit den gleichen Leuten in der gleichen Lokalität. Führer wurde man verkuppelt, doch heute passiert das nicht mehr bzw. immer seltener. Solche App´s, wie Tinder  finden immer mehr Platz in unserer Gesellschaft. Wir bestellen nicht mehr nur unsere Bücher, unser Essen oder unsere Kleidung aus dem Internet . Wir sind schon so weit, dass wir sogar unsere Bekanntschaften aus dem Internet haben. Unser virtuelles Leben, hat mittlerweile mehr Präsens, als wir uns das eingestehen wollen. Ich frage mich, ob Tinder vielleicht sogar die klassischen Café und Bahnhofsgespräche in der Zukunft ersetzen wird? Denn scheinbar reicht uns Facebook alleine nicht mehr aus. Da muss so was wie Tinder her!  Zwar sagen viele Leute, dass sie es fragwürdig finden, einen Partner im virtuellen Leben zu finden, doch genau das passiert heutzutage immer mehr. Stellt sich die Frage „Was wollen wir nun?“ Soll es einfach und schnell gehen, oder muss es kompliziert und lange dauern, damit es zu irgendwas führen kann?  Natürlich geht nichts über den realen Kontakt mit einem Menschen, den man von Anfang an, sehen riechen und anfassen kann. Oft ist bei einer realen Begegnung mit einem anderen Menschen, das Bild, der Beruf oder das Alter totale Nebensache. Diese Eigenschaften, behindern uns eher einen anderen Menschen weiterhin kennen lernen zu wollen, da wir in all diesen Faktoren viel zu viel interpretieren und der Realität keine Chance mehr lassen.  

(A.J)


Tags: #Tinder
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2 Antworten

Kommentare

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    Online Dating ist eine Sache für sich. Wenn man dort jemanden trifft, der einem gefällt, versucht man immer das Beste von sich zu geben und lässt seine Macken einfach mal weg. Über das Internet verfliegt aber die Wertvorstellung über andere. 


    Ganz nebenbei sind die Texte schwierig zu lesen wenn sie als Link angezeigt werden ;)

    29.04.2016, 21:03 von Protein
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