Lillihirsch 07.12.2009, 15:01 Uhr 0 0

Mein Leben und Du

Eine Geschichte von zwei völlig verschiedenen Menschen. Oder: Das Leben einer freiheitsliebenden Brieftaube, die immer ihren Weg zurück findet.

Ich. Ich studiere jetzt in Berlin, doch eigentlich komme ich von einem kleinen Bauernhof. Mein Leben hat sich seitdem um 180 Grad gewendet. Ich dachte, ich sei gut vorbereitet auf das Großstadtleben. Immerhin habe ich meine Kindheit und Jugend damit verbracht, mich mit den Nachbarsjungen zu duellieren. Im Kirschkernweitspucken war ich die klare Siegerin, doch bei Kuhfladen- oder Strohballschlachten hab ich immer verloren. Bei der Kartoffelernte war ich flink. Der Magen der Jungs aber größer. Deshalb habe ich beim heimlichen „Rohe-Kartoffel-Wettessen nicht mithalten können. Stark hab ich mich trotzdem gefühlt. „Mir kann keiner was“, höre ich mich noch meine besorgte Mutter trösten. Jetzt wurde ich eines besseren belehrt.
Verliebt habe ich mich. Eine Sache, die MIR nicht noch einmal passieren sollte, nachdem mich Jonas, der Sohn des Schweinebauern im Nachbardorf, mit Vanessa, der damaligen Kinderweinkönigin, betrogen hat. Albern klingt das? Mag sein, weh tat es trotzdem.
Jetzt ist ER mir begegnet.

Du. Du wohnst in Berlin. Schon immer. Du kannst dir gar nichts anderes mehr vorstellen, denn hier ist der Nabel der Welt; Wie Du findest.

Ich. Ich wohne in einer Zwei-Zimmer Wohnung. Darauf bin ich unendlich stolz. Es riecht nach Großstadt; nach Hanf, nach kaltem Rauch. Scheint so, als hätte hier mal ein Freak gewohnt. Ja, so ein richtiger Berliner.
Mein Inventar ist das reinste Sammelsurium. Aber cool ist es. Die Kommode habe ich vom Sperrmüll, mein Bett auch. Der Mantelständer ist vom Flohmarkt.

Du. Du fährst einen Porsche. „Schick“ findest du ihn. Ich finde ihn furchtbar. Total übertrieben. Du bist doch erst Mitte zwanzig. Aber immerhin hast du dir das Geld selbst verdient. Nennt man das nicht „selfmade“, „neureich“? Erfolgreich im Leben und im Job bist du. Das bewundere ich an dir. Du bist schlagkräftig, weißt, was du willst.

Ich. Ich studiere halt vor mich hin. Die Welt wird eines Tages schon eine Aufgabe für mich haben. Und wenn es meine Aufgabe sein sollte, die Eisbären in Grönland zu schützen, dann werde ich dieser Aufgabe gerecht werden. Das weiß ich.
In der Zwischenzeit probiere ich mich noch als Kosmetiktesterin. Neulich habe ich zum Beispiel gehört, dass Anti Ageing Creme gut bei trockener Haut wäre. Medien manipuliert und vor allem Medien unterwürfig, wie ich bin, wie ich durch Berlin geworden bin, habe ich das gleich am lebenden Modell getestet. Oil of Olaz, „für die reife Haut ab 50“ sollte es sein. Am nächsten Tag bin ich aufgewacht mit einer Lippe wie die von Chiara Ohoven. Ja, ich habe mich halt noch nicht ganz gefunden.

Du. Du bist kosmopolitisch, warst schon in so vielen Ländern. In den besten Hotels. Auf den besten Partys mit den besten Klamotten. Exklusiv muss es sein, teuer.
Doch irgendetwas fehlt dir. Du suchst eine Person, mit der Du dein Leben teilen kannst. Eine Freundin hast du. Freunde auch. Aber dir fehlt eine Person, die du liebst, eine Person, die dich versteht, vor der du im gemütlichen Abercrombie Hoodie genauso sexy bist, wie im guten Anzug, mit Slimfit Hemd und der Gucci Krawatte mit Logoprint.

Deine Freundin ist wie Du. Ihr lebt in derselben, realitätsfremden Welt.

Du. Du liebst sie nicht. Du machst Schluss. Zufrieden gehst du auf eine Party. Willst mal etwas völlig anderes machen, konträr zu deinem aufregend erscheinenden Großstadtleben. Dein Freund schleppt dich auf die Party der Cousine der Schwester der Freundin seiner Freundin. Nähere Kontakte mit durch geknallten Menschen pflegt man in deiner Welt nämlich nicht. Sagen wir, mit kreativen Menschen. Den Porsche lässt du zu Hause. Der Abend soll dir gehören. Auf der Party trinkst du Bier. Bier aus der Dose. Du ziehst an einer Zigarette. Deinen Mut merkt man dir an, als die ersten Knöpfe deines Hemdes geöffnet sind. Gar nicht mehr „perfekt“ sitzt das Hemd. Deine Brust ist glatt rasiert, doch deine Wangen sind stoppelig. Eine Art Drei-Tage Bart. Eine Art.

Ich. Ich lerne dich auf dieser Party kennen. Ich glaube an einen verminderten Haarwuchs auf deiner Brust. Ich halte dich im Leben nicht für einen dieser aalglatten Menschen. Ich halte dich für einen süßen Studenten, für einen, der sich Zeit lässt mit dem Studium, für einen, der viele Kurse besucht, so viele, dass er mehrere Semester dafür braucht um sie irgendwie in seinen Stundenplan unterbringen zu können. Aus reiner Interesse besuchst du diese Kurse natürlich. Dass Du nicht einer dieser Studenten bist, die Jahre brauchen um sich darüber im Klaren zu werden, dass es auch noch ein Leben fernab von der Bar25, von der Kastanienallee und von Wohnungseinweihungspartys gibt, das ahne ich nicht.

Du. Du hast so viel Spaß an diesem Abend. „Lebendig“ fühlst du dich.
Am nächsten Morgen rufst du dir ein Taxi.

Ich. Ich fahre mit dir.

Wir. Wir liegen im Bett. Kann man es Liebe nennen? Liebe klingt zu kitschig. Heiraten will ich nicht. Er schon. Er will sagen können „darf ich Ihnen meine Frau vorstellen“. Im tiefen Inneren werden wir immer verschieden sein. Ich habe inzwischen mein Studium abgebrochen, habe meine Wohnung gekündigt und mein Fahrrad verkauft. Von meinem letzten Geld habe ich mir eine neue Nikon gekauft. Jetzt bin ich auf dem Weg nach Grönland. Die Eisbären warten auf mich. Im Flugzeug lese ich deinen Brief. Tränen kullern nicht. Das ist zu kitschig, Kitsch gehört nicht aufs Land, Kitsch gehört nicht in die Großstadt. Eine klitzekleine Sache, die uns vielleicht verbindet?

Ich. Ich bin nicht abgehauen.

Du. Du hast erkannt, dass ich anders bin. Dass Du anders bist. Uns trennen Welten. Mit jeder Meile, die ich fliege auch räumlich betrachtet. Doch Du, Du lässt mir die Freiheit.

Ich. Ich stopfe den Brief in meinen Rucksack, lehne mich an das Flugzeugfenster. Spüre die Kälte, die von draußen kommt und sehe im Augenwinkel die kleinen Kristalle an der Fensterscheibe. Mein Kopf ist leer. Nein, ein Satz schwebt in meinem Kopf herum.

Es. Es ist der letzte Satz deines Briefes „Flieg ruhig, ich weiß ja, dass du zurück kommst“.

Ich. Ich habe das Bild in meinem Kopf von einer Brieftaube, die von ihrem Besitzer weggeschickt wird. Weit weg, in die große weite Welt, die aber eines Tages wieder kommt.

Ich. Ich fühle mich jetzt gerade wie so eine Taube, die weg fliegt, aber die weiß, dass sie eines Tages zurück fliegen muss; Nach Hause. Nach Berlin. Zu Dir.

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