WieSieSehnSehnSieNix 05.07.2012, 16:46 Uhr 36 22

Mein Herz ist ein Fahrstuhl und deins ist eine Leiter

Jetzt macht euch doch mal alle frei.

Der erste Satz eines Wikipedia-Artikels besteht immer aus einer Zusammenfassung des nachgeschlagenen Begriffs. Ich genieße das. Nicht weil ich mir die Illusion mache, dass dieser eine Satz eine ausreichende Beschreibung wäre, die dem jeweiligen Thema gerecht werden kann, sondern weil er viel mehr versucht das wichtigste Fragment, den kleinsten gemeinsamen Nenner und das was dem Begriff Seele gibt, herauszuschneiden und in wenigen Worten objektiv darzustellen.

Ich halte das für Kunst.

Über Liebe sagt Wikipedia also:

"Liebe (von mittelhochdeutsch liebe, „Gutes, Angenehmes, Wertes“) ist im engeren Sinne die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht."

Ich nehme an, das die meisten dieser Beschreibung mehr oder weniger folgen können und nehme sie so als Grundlage für eine weitere These, um die es hier gehen soll.

Liebe ist nicht exklusiv.

Schon klar. Kein so ganz neues Konzept. Aber es muss mal wieder besungen und beschrieben werden weil es jeden Tag ein Text über Liebe und hausgemachte Probleme auf die Neon.de Startseite schafft und eure Köpfe so wahnsinnig zu sind.

Liebe ist also nicht exklusiv. Das heißt, Liebe beschränkt sich nicht nur auf eine Person zur selben Zeit. Man kann sich wegen unterschiedlicher Gründe zu verschiedenen Zeiten auf wechselnde Art und Weisen in jemanden vergucken.

Selbst die Art des liebens teilen die meisten von uns in unterschiedliche Kategorien ein. Man kann seinen Partner, mit dem man schon Jahre zusammen ist, auf eine alltägliche Art und Weise lieben. Es ist möglich, sich in jemand anderen, den man kurzfristig kennt, oder auch in einen Star "verknallen". Es kann passieren das man jemanden rein Körperlich geradezu unwiderstehlich anziehend findet und all diese Dinge können völlig unabhängig davon passieren, ob wir uns gerade in einer Beziehung befinden, oder nicht.

Es ist also normal, das uns Bedürfnisse und Fantasien begleiten und es ist spannend sie auszuleben. Sich den Kerl aus der Disko mitzunehmen, weil einem danach ist. Die gute Freundin plötzlich mal ganz anders, sexuell kennenlernen.

Aber das geht natürlich nur "ungebunden" und das bringt einen ja nicht "vorran". Deswegen muss meistens eine Beziehung her und da sind Konflikte auf die Dauer ja vorprogrammiert, wenn man dem folgt was ich hier eben geschrieben habe. Irgendwann kommen den meisten Menschen Fantasien oder Gelegenheiten in die Quere, die ein moralisches Dilemma verursachen.

Denn in einer klassischen Beziehung gibt es feste Regelungen, wie weit mit anderen interagiert und in einigen Fällen sogar wie weit an andere Gedacht werden darf.

Dabei entbehren diese Beziehungsform erst einmal jeder biologischen Grundlage. Wir sind zwar mit unseren monogamen Beziehungsmodellen nicht komplett allein in der Tierwelt, aber die einzigen lebenslang monogam lebenden Tiere sind Vögel und bei denen lässt sich dieses Verhalten nach der Evolutionstheorie mit dem Aufwand der Aufzucht der Jungtiere und dem häufigen Ortswechsel erklären.

Ich möchte wieder aus Wikipedia zitieren:
"Ältere Sozialevolutionisten gingen von einer linearen Evolution der Paarbindungen unter Menschen aus: Zu Beginn der Menschheit habe Promiskuität geherrscht, die sich anschließend zur Gruppenehe und schließlich über die Polygamie zur Monogamie entwickelt hätte. Dieser Ansicht nach wurde die Monogamie als die kulturell am höchsten stehende Eheform betrachtet. Nach gleicher Logik (eine spätere Entwicklung stelle zwangsläufig eine „höhere“ Entwicklungsform dar) müsste der heutzutage angesichts der hohen Scheidungsrate häufige Wechsel von Ehepartnern ebenfalls als „höhere“ Form der Ehe betrachtet werden, im Vergleich zu der früheren Regelform einer lebenslangen Ehe."


Puh. Bis hierhin durchgehalten? Schön!

Kurz einmal durchatmen und rekapitulieren:
Man kann sich in mehrere Leute gleichzeitig verlieben (was wir auch tun) und monogames Zusammenleben ist nichts was sich zwangsläufig aus unserer biologisch-kulturellen Geschichte ergibt.

Es wird natürlich trotzdem von der Mehrheit bevorzugt aus zwei Gründen. Einmal gibt es hier idealtypische Vorbilder aus Funk, Fernsehen (Disney!), Büchern und Religion und zweitens wähnt man sich und sein Ego in so einer Beziehungsform am sichersten. Schließlich wird die monogame Ehe vom Staat eben aufgrund ihrer Stabilität gefördert.

Das macht nur Sinn, wenn man von zwei Dingen ausgeht.
1. Liebe ist wie Strom in einer Batterie. Wenn man etwas davon verschenkt, ist für jemand anderes keine mehr übrig.

2. Das Herz ist eine Leiter. Es kann auf ihr nur ein Mensch ganz oben stehen und soll dort ein anderer hin, muss derjenige der momentan auf ihr steht erst einmal herunter kommen.

Dieses Denken führt zu festen Beziehungen und großen Verwirrungen wenn man sich dann in jemand anderen verguckt, obwohl doch schon jemand auf der Leiter steht. Der muss dann dort entweder herunterfallen oder darf gerade so drauf bleiben. Jedenfalls führt es anscheinend häufiger zum Drama.

Man sehe sich die aktuelle Scheidungsrate an.

So und jetzt mal bitte ganz fest die Augen zu, den Kram von eben vergessen, den Kopf aufmachen und darüber nachdenken. Ich komme für mich zu folgendem Schluss.

1. Liebe ist Strom aus einem Windrad. Mal mehr, mal weniger, aber regenerativ und genug für mehr als eine Person.

2. Mein Herz ist ein Fahrstuhl. Jemand kann mit ihm hoch- oder herunterfahren und es passen mindestens zwei hinein.


Es ist nun auf keinen Fall mein Anliegen, monogamen Beziehungen ihr Existenzrecht abzusprechen. Ich will nur, das mehr Menschen offen mit ihren Bedürfnissen umgehen und ihre Eifersucht überwinden.

Ich habe es mehr als einmal erlebt, das langjährige Beziehungen zu Bruch gingen, nur weil sich ein Partner gefragt hat ob es "das schon war" und sich eben trennen musste um das herauszufinden, weil das Beziehungsregelkonstrukt nichts anderes erlaubt.

Niemand zwingt euch diese Regeln auf.

Eine Beziehung besteht aus Vertrautheit, gemeinsamen Freunden und geteilten Erlebnissen, aus Liebe und Fürsorge und Vertrauen. Niemand sagt, dass ihr nicht auch mal auf andere stehen und darüber reden könnt.

Es hat nichts damit zu tun, dass euch euer Partner nicht "reicht", weil Liebe eben nicht Strom aus einer Batterie ist. Es gibt keinen "Liebe"-Bedürfnisbalken wie bei den Sims, der nur von einer Person gefüllt werden muss und nur weil euch jemand gefällt, muss er nicht den Partner ersetzen, denn das Herz ist groß. Größer als eine Leiter mindestens.

Damit gibt es mehr, statt weniger Sicherheit. Denn jemanden zu "Verlassen" wird gar nicht notwendig, weil man sich darauf verlassen kann geliebt zu werden, auch wenn mal jemand anderes auftaucht.

Ich will ja selbst gar nicht in einer Kommune leben und stelle mir mein Leben schon mit einer Frau vor, mit der ich meine Zukunft plane. Wenn die aber mal jemanden nettes kennenlernt finde ich das furchtbar interessant. So lange wir uns lieben ist das doch alles wurscht.

Also. Merken: Das nächste mal keinen Text bei Neon schreiben, sondern mit Freund darüber reden. Das wird ganz bestimmt anstrengend, aber man kann auch sehr daran wachsen.

Und bitte keine Grenzen ziehen wo keine sind.

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36 Antworten

Kommentare

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  • 1

    schön erklärt. ich überlege, diesen text als einstieg für jede kommende diskussion mit den monos zu nutzen ^^

    08.09.2014, 12:48 von HerrJemine
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      na? fertig mit Denken?

      20.01.2014, 18:06 von WieSieSehnSehnSieNix
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    Darf man auch reden und Texte schreiben? :P

    02.04.2013, 22:35 von VonGruenwald
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    Also. Merken: Das nächste mal keinen Text bei Neon schreiben, sondern
    mit Freund darüber reden. Das wird ganz bestimmt anstrengend, aber man
    kann auch sehr daran wachsen.
    Danke!

    06.02.2013, 16:52 von Venenosa
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  • 0

    hättest du mir das damals mal so ausführlich erklärt ;)

    15.01.2013, 13:18 von Evil-Eve
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  • 1

    Hast du gut gemacht. Sehr anschaulich und ganz doll nachvollziehbar. Ich glaube, ich müsste erstmal in die Situation kommen, dass ich zwei Menschen zur selben Zeit gleich heftig liebe. Hatte ich aber noch nie. Und deswegen ist das Konzept mitm Fahrstuhl für mich Theorie. Naja, weißte ja, aber ich wollte das auch nochmal hier hin schreiben.

    30.07.2012, 00:11 von petuniaaa
    • 0

      Man muss sie ja nicht gleich viel lieben können. Das ist auch nicht der zentrale Punkt.
      Ich stelle mir letztendlich auch eine primäre Partnerin vor, mit der ich mein Leben bestreite.
      Wichtig ist mir, dass nur dadurch das man sich eben auch mal für wen anderes interessiert, die Liebe nicht kaputt gehen muss.

      30.07.2012, 00:22 von WieSieSehnSehnSieNix
    • 1

      Oh und das passt auf den Fahrstuhl, weil dort Leute ja auf unterschiedlich hohen Stockwerken aussteigen können ;)

      30.07.2012, 00:29 von WieSieSehnSehnSieNix
    • 0

      Ich weiß. Aber weißt du, ich kann ja auch nur für mich sprechen und ich hatte das noch nie, dass ich einen Menschen geliebt hab und dann gemerkt hab: Oh, den Soundso finde ich auch toll. Entweder die Beziehungen haben sich so ausgelabbert und dann wars auch gut, so mit Freundschaft oder ich wurde geext. :D
      Aber vielleicht kommt das ja noch und dann muss ich den Text nochmal lesen und gucken, wie ich den Ansatz dann sehe.

      30.07.2012, 00:30 von petuniaaa
    • 0

      Hauptsache ist eh, dass man glücklich ist.

      30.07.2012, 00:32 von WieSieSehnSehnSieNix
    • 1

      Manchmal, um beim Fahrstuhl zu bleiben, kribbelt die Fahrt aber so schön und man verpasst den Ausstieg vielleicht. Und dann will man mehr und weiß aber, dass es vielleicht besser wäre, nicht bis zur Spielzeugabteilung weiterzufahren, sondern schon beim Gemüse Halt zu machen.

      30.07.2012, 00:33 von petuniaaa
    • 0

      Hihihi. Geil.

      30.07.2012, 00:33 von WieSieSehnSehnSieNix
    • 0

      Ja, das stimmt. Also, das mit dem Glücklichsein. Ich könnte mich nur gern weiter in das Thema hineindenken, weil ichs recht vernünftig finde. Aber es hakt bei mir. Du kannst dich ja in monogame Beziehungen bis ins Detail hineindenken und ich krieg das andersrum eben nur theoretisch und weniger empathisch hin. Das wurmt mich seit Jahren.

      30.07.2012, 00:36 von petuniaaa
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