Mein Herz geht auf Weltreise
Während ich gerade irgendeinen verschwitzten Kerl zwischen meinen Schenkeln habe, muss ich an dich denken.
Heute ist wieder ein Abend wie viele andere. Ein Abend, wie noch viele
folgen werden und wie auch schon viele waren, in dieser Stadt die keine
Ruhe kennt.
Während ich in der Bahn sitze, auf dem Weg zum Kiez, um mein nächstes
Opfer zu suchen, blicke ich auf den hell erleuchteten Hafen den du über
alles liebst.
Ich blicke auf die Schiffe und verspüre das Gefühl sofort auf eines
davon zu gehen und mit in die große weite Welt hinaus zusegeln und nie
wieder zurück zukommen. Ich möchte weg von hier, weg aus dieser Stadt
deren Herzschlag mich langsam umbringt.
Ich sehe mein Spiegelbild in den dreckigen Schreiben. Ich schaue mir in
die Augen, in die Augen die du so bewundert hast. Ich sehe nicht mich da
im Spiegel. Ich sehe ein Gesicht ohne Seele, eine Hülle ohne Herz.
Reeperbahn, mein Ziel für diese Nacht. Ich steige aus und gehe den
Bahnhof runter. Alleine. Ich sehe knutschende Paare, betrunkene Teenies
und fröhliche Menschen. Und mitten drin: Ich, auf der Suche nach der
großen Liebe für eine Nacht, von der ich weiß das ich sie nicht finden
werde weil sie nicht existiert.
Man kann ein gebrochenes Herz zwar nicht wegficken und das brauche ich
auch nicht, denn mein Herz gehört dir. Wie soll ich etwas beseitigen was
mir nicht gehört? Das Ding welches noch in meiner Brust schlägt ist nur
ein Organ das ich zum Leben benötige, dass das Blut durch meinen Körper
pumpt um diese bedauernswerte Kreatur, als welche ich mich bezeichne,
am Leben zu halten, aber nicht mein Herz. Das gehört dir.
Es ist heute Zuhause geblieben, um Koffer zu packen, denn es geht auf Reise.
Nach einigen Gläsern Sekt, einigen Wodka-Redbull und viel zu vielen
Zigaretten habe ich ihn gefunden. Mein Opfer für den heutigen Abend.
Nach einigen tiefen, geheimnisvollen Blicken, ein bisschen Smalltalk und
ein bisschen Tanzen habe ich ihn in der Hand. Er sitzt in der Falle.
Ich hole meine Sachen und wir gehen los, zu mir.
Er will Händchen halten, ich nur ficken, sonst nichts.
Wir sitzen in der S-Bahn und ich schaue ihn an. Er küsst mich. Er ist
mir jetzt schon verfallen. Wie erbärmlich er doch eigentlich ist. Viel
zu einfach war das mal wieder. Ich musste nichts tun, ich konnte ihn
einfach mitnehmen. Mir vergeht der Spaß an diesem Kerl.
Ich will nichts was ich haben kann, ich will dich auch wenn ich weiß das ich dich nicht besitzen werde, niemals.
Wir sind da, nach einem kurzen Fußweg. Ich schließe die Tür auf und der
bekannte Geruch meiner Wohnung strömt mir entgegen. Ich fühle mich
daheim.
Es dauert keine drei Minuten und wir liegen nackt in meinem Bett und
treiben es miteinander. Der Sex ist gut aber ich bin nicht bei der
Sache.
Ich merke wie geil ich ihn mache. Das widert mich an.
Langsam könnte der dann auch mal fertig sein, denke ich bei mir.
Der Sex mit dir war immer gut, ich habe mich wohl gefühlt, ich glaube
ich habe dich einfach geliebt. Wir haben nicht gefickt wir haben Liebe
gemacht.
Ich gebe mir keine Mühe ihm vorzuspielen das ich ihn geil finden würde,
das tue ich nicht. Wieso sollte ich rumstöhnen wenn ich am liebsten
Heulen würde?
Und während er kommt bin ich längst nicht mehr da. Meine Gedanken
schweben irgendwo durch den Raum. An seinem widerlichen Stöhnen höre ich
das er fertig ist.
Er wälzt sich von mir runter und legt sich neben mich. In dieselben
Laken in denen wir beide viele Nächte zusammen verbracht haben. Ich höre
seinen schweren Atem. Ich rieche seinen Schweiß und spüre dass ich
beginne zu würgen. Ich ekele mich, vor ihm und vor mir selber und vor
dem verzweifelten Versuch dich zu vergessen.
Und während ich ihm sage dass er jetzt gehen kann spüre ich dass ich dich nie vergessen werde.
Ich stehe auf, zünde mir eine Zigarette an und gehe nackt ins
Wohnzimmer. Ich will ihm Zeit geben sich anzuziehen. Ich kann aber den
Anblick von seinem verschwitzen Körper nicht ertragen.
Ich höre die Tür irgendwann ins Schloss fallen. Er ist weg, zum Glück.
Ich laufe durch die Wohnung und suche etwas. Wonach ich suche? Nach
meinem Herzen. Ich will ihm sagen dass ich beschlossen habe dass ich es
heute Nacht verschenkt habe. Ich habe beschlossen es gehört diesem Kerl,
dem von eben. Sieht doch gut aus, es hat sich in den Kerl zu verlieben.
Beschlossene Sache.
Doch meinem Herzen kann ich nichts mehr befehlen denn es steht schon
längst mit gepackten Koffern im Hamburger Hafen und geht auf große
Weltreise und nicht wiederkommen wird bevor es dich gefunden hat.





Kommentare
Wie wahr, und welcher Hafen sollte es denn auch sonst sein? 26.10.2012, 19:04 von schmonz
"Ich will nichts, was ich haben kann": Problem auf den Punkt gebracht, da kannste ewig suchen. Irgendwie ziemlich christlich, diese Lust am Leid
24.10.2012, 18:02 von LauraPhilomenaTheresaWunderschön... mit einem sehr bitteren Beigeschmack!! Toll!
24.10.2012, 17:38 von LeraFairytalewie wahr!
17.10.2012, 21:35 von violett84