coveredincolors 16.01.2019, 12:24 Uhr 0 1

Mein Gewitter

Einhundertsiebenundneunzig.

Seit so vielen Tagen gewittert es. Es blitzt und donnert. Ab und zu regnet es. An manchen Tagen stürmt es heftig. Und ganz selten passiert alles auf einmal.

Ich hasse Gewitter.
Ich hasse sie, denn sie sind unberechenbar.
Ich hasse Unberechenbarkeit.

Aber ich wusste mich im Ernstfall zu schützen: Fenster schließen, Rollos runter, Fernseher laut drehen und ins Bett verkriechen. Ich wollte möglichst wenig bis nichts vom Weltungergang da draußen mitbekommen.

Jedes Gewitter war ein kleiner Weltuntgergang für mich.

Kennt ihr diese Leute, die die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählen, um die Entfernung des Gewitters herauszufinden?

Eins ... zwei ... drei ... vierter Juli zweitausenundachtzehn.

Da war es. Mein ganz persönliches Gewitter.
Rote Haare. Blaue Augen. 1,80m groß. Sturmtief Christian.

Aber du warst kein übliches Gewitter.
Du brachst nicht über mich herein. Du gabst mir Zeit, mich auf dich vorzubereiten. Du warst nicht unberechenbar.

Obwohl ich Angst hatte, verkroch ich mich diesmal nicht.
Doch die Fenster blieben geschlossen. Nur für den Notfall!
Auch die Rollos ließ ich unten. Man kann ja nie wissen!
Der Fernseher war voll aufgedreht. Better safe than sorry!
Schließlich habe ich schon viele Gewitter durchlebt.

Diese waren meist langwierig und nur schwer zu überstehen. Und mit jedem Gewitter wurde ich ängstlicher, während ich von allen anderen Seiten "Ich liebe Gewitter." hörte.
"Seid ihr eigentlich bescheuert?", dachte ich mir nur.

Aber du warst kein übliches Gewitter.
Du gabst mir genügend Raum, denn du wusstest von meiner Angst. Du tastetest dich vorsichtig heran, damit ich mich sicher fühlte. Das tat ich.

Also stellte ich den Ton des Fernsehers ab, um zu lauschen.
Doch die Fenster blieben geschlossen.
Auch die Rollos ließ ich unten.
Schließlich habe ich schon viele Gewitter durchlebt.

Diese versetzten mich stets in Schockstarren. Denn die Donner waren ohrenbetäubend laut und die Blitze viel zu grell. Diese Gewitter benebelten meine Sinne auf unangenehme Art und Weise.

Aber du warst kein übliches Gewitter.
Ich mochte den Klang deines Donnerns. Und die Schatten deiner Blitze, die sich auf den heruntergelassenen Rollos abbildeten, ließen nur erahnen, wie toll sie aussahen. Du wolltest mich beeindrucken und bemühtest dich, mir zu gefallen.

Also ließ ich die Rollos hoch. Gott, war ich beeindruckt.
Doch die Fenster blieben geschlossen.
Schließlich habe ich schon viele Gewitter durchlebt.

Diese waren so stürmig, dass ich mich weder auf dem Boden halten noch richtig atmen konnte. Sie peitschten mir ihren kalten Wind und Regen regelrecht ins Gesicht. Diese Gewitter hinterließen offene Wunden.

Aber du warst kein übliches Gewitter.
Du warst behutsam. Du klopftest vorsichtig an meinen Fenstern. Du gabst mir das Gefühl, die Welt würde diesmal nicht untergehen.

Also öffnete ich meine Fenster.
Dein Wind war sanft und anstatt mir die Luft zum Atmen zu nehmen, trieb er mich an. Und dein Regen reinigte meine Wunden vorsichtig.

So stand ich nun da. Ohne Schutz. Vor meinem Gewitter.
"Was wird wohl jetzt wieder passieren?", dachte ich mir.
Aber es passierte nichts.

Nichts außer einem Gewitter, welches mir zeigte, wie schön ein solches sein kann. Wie ruhig, obwohl es blitzt und donnert. Wie beständig, obwohl es stürmt. Und wie die Sonne scheinen kann, obwohl es regnet.

Einhundertsiebenundneunzig.

Seit so vielenTagen erlebe ich das wohl schönste Gewitter meines Lebens. Denn du bist kein übliches Gewitter.

Ich liebe Gewitter.

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