Mein Freund der Baum
Als ich dich vor einem Jahr kennenlernte, hatte dir der kalte Herbst bereits den größten Teil deines sommerlichen Kleides geraubt.
Dennoch war ich beeindruckt von deiner Schönheit und deiner imposanten Erscheinung. Die letzten rot-braunen Blätter des Jahres versprachen Wärme und Zuversicht.
Im Januar hattest du den Kampf gegen die Natur bereits verloren; dein Kleid war vollends verschwunden. Trist und einsam wirktest du. Majestätisch und doch irgendwie zerbrechlich. Ich fühlte mich verstanden.
Ein paar Tage später ließ der Schnee deine kahlen Wipfel in kühlem Weiß erstrahlen. So klar, so wunderschön und doch so unnahbar. Deine warme Seele war mit dem Winter verschwunden, oder war sie nur versteckt unter dieser eiskalten Schicht? Unmöglich, sie zu durchbrechen - du warst einfach zu hoch, zu fern, zu distanziert. Und zum Klettern fehlte mir der Mut.
Im späten Frühjahr – ich glaube es war Ende April – erwachtest du aus deiner Winterstarre. Ganz langsam und zaghaft. Nach und nach kamen deine Knospen zum Vorschein und mit ihnen kam ein kleines Stück deiner Wärme zurück.
Im Sommer dann präsentiertest du dich in voller Pracht. Deine üppige Krone fesselte mich – sie war aufdringlich, irgendwie provokant. Dein sattes Grün sollte mir wohl sagen: „Hey, ich bin zurück.“ Fast wirkte es, als wolltest du mich ärgern. Du wusstest, dass deine Äste zu hoch hingen. Dass ich mich niemals an ihnen festhalten könnte.
Und dann kam der Herbst. Deine Zeit. Die arroganten, grünen Wipfel verwandelten sich in ein rot-goldenes Blättermeer. Wunderschön, malerisch und so unendlich warm. Voller Gefühl. Ich musste lachen. Ich strahlte. Vor Glück, vor Freude. Das Leuchten, das du zurück in mein Leben brachtest.
Im Oktober fielen die ersten Blätter; ich konnte gar nicht genug von Ihnen aufsammeln. Ich musste nicht mehr klettern, springen, mich verbiegen, um dir nah zu sein. Du warst plötzlich so greifbar. Voller Leben. Zu schön, um wahr zu sein.
Jetzt ist wieder November. Die letzten Blätter klammern sich an deine Äste. Ich spüre die Wärme noch, möchte sie für immer bei mir haben.
Ein Blatt werde ich aufbewahren. Ein besonders schönes. Ich werde es in ein dickes Buch legen und im tiefsten Winter wieder herausnehmen. Und daran denken, dass wir uns irgendwann wiedersehen.

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Kommentare
Perfekt. Der Text ist herovrragend. Alles ist schön ge- und beschrieben worden. Eine Wertschätzung der Natur in Worten. Danke!
23.10.2011, 16:17 von CenereWenn Du dann, irgendwann mal, Deinen Baum wiedersehen wirst, umarme ihn!
09.12.2010, 23:02 von Bluffdas is richtig toll. kompliment, meine liebe :)
02.12.2010, 00:29 von bam.bi@bam.bi Das war mein lyrisches Ich ;-)
02.12.2010, 12:20 von sunshine26Da scheint dann ja wohl Sendepause bis zum Frühlingserwachen bevorzustehen. Na, wenn da der Baum bloß noch nicht gefällt wurde. Wird ja schließlich genug Feuerholz im Winter verheizt. Kalt.
11.11.2010, 22:29 von HendrikBOb nun wörtlich genommen oder als Metapher für eine Beziehung, ich mag es.
10.11.2010, 15:13 von Cyro@Cyro Dankeschön :-)
10.11.2010, 15:22 von sunshine26Eine Homage an die Natur! Sehr fein!
10.11.2010, 14:59 von Onestone@Onestone Es ist eine Parabel^^
10.11.2010, 15:09 von sunshine26