Pindelolek 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 4

Mein Feuerwehr-Mann

Über die Aufregungen des Alltags mit dem Helden, der zum Glück keiner ist

Der Wecker klingelt. Viel zu früh. Sie hört ihn, er hört ihn nicht. Sie kann noch etwas liegen bleiben, er muss jetzt gleich aufstehen. Sie kann weiterschlafen, kann es aber nicht, bevor sie nicht sicher ist, dass er nicht verschläft. Also rüttelt sie sanft an ihm. Er bewegt sich kein Stück. Das Klingeln verstummt. Der Traum übermannt sie.
Der Wecker klingelt erneut. Sie wacht wieder auf und weiß, dass sie noch etwas liegen bleiben kann. Sie weiß aber auch, dass er jetzt langsam wirklich aufstehen sollte. Er schläft. Sie beginnt, sanft an ihm zu rütteln. Er gibt ein Geräusch von sich. Er brummt. Er wälzt sich. Der Wecker klingelt weiter. Er macht ihn endlich aus und steht abrupt auf, um sich zu rasieren, anzuziehen und sie noch einmal zu küssen, bevor er geht. Sie tut so, als ob sie schliefe. Er weiß, dass sie nur so tut. Er küsst sie und sie küsst ihn. Sie verabschieden sich. Er sagt ihr, sie solle vorsichtig sein. Danach ist er weg.

Sie schläft wieder ein. Sie hört, dass er ihr eine Nachricht geschickt hat aufs Mobiltelefon. Sie weiß jetzt, dass er da ist. Sie entspannt sich noch einmal und weiß, dass gleich ihr Wecker klingelt und steht vorher auf. Sie geht ins Bad, macht das Radio an, lässt sich von der Musik besudeln und von dem Wasser, während sie duscht. Sie schminkt sich und versucht, etwas von den Nachrichten aufzuschnappen. Sie versucht, die Informationen aus dem Radio kurz für sich zusammenzufassen, damit sie weiß, was eigentlich gesagt wurde. Es wurde nicht viel über so vieles gesagt. Sie hat über die Hälfte vergessen.

Sie geht in die Küche und trinkt einen Kaffee. Sie raucht eine Zigarette. Sie packt ihre Tasche und zieht die Schuhe an. Sie schließt die Tür hinter sich und geht die Treppe hinunter und hinaus auf die Straße zum Bus. Dann ruft sie ihn an und hofft, dass er rangehen kann. Mal geht er ran, mal nicht. Wenn er ran geht, erzählt sie ihm, dass sie jetzt los geht und er erzählt ihr, dass es gleich Frühstückt gibt. Oder er erzählt ihr, dass er gerade erst wieder rein gekommen ist. Er hatte einen Alarm, gleich am Morgen.

Wenn er nicht rangeht, rechnet sie fest damit, dass er zurückruft, um ihr zu erzählen, dass er gerade erst wieder von einem Alarm zurückgekommen ist. Oder dass er eine Dienstbesprechung hatte und ihm wieder Sachen erzählt wurden, die er nicht glauben kann. So oder so. Aber jedes Mal mit dem gleichen Ernst werden ihm diese Sache erzählt. Und jedes Mal fruchtet der Ernst und er macht sich Gedanken zusammen mit seinen Kollegen, zusammen mit ihr und für sich alleine. Später reißen sie dann Witze über die ernsten Geschichten, damit niemand merkt, wie ernst sie genommen werden.

Dann steigt sie in den Bus und fährt bis zur S-Bahn. Und dann mit der S-Bahn zum Zug und dann mit dem Zug. Wenn sie da ist, wo sie hin soll, ruft sie ihn an, um ihm zu sagen, dass sie da ist. Sie hofft, dass er rangehen kann. Mal geht er ran, mal nicht. Wenn er ran geht, hofft sie, dass er reden kann. Dann erzählt sie ihm, dass sie jetzt da ist und dass der Zug wieder Verspätung hatte und dass sie sich beeilen muss, um noch einen Platz zu bekommen. Er sagt ihr, sie solle vorsichtig sein. Wenn er ran geht und sie das Horn laut durch den Hörer hört, legt sie auf, weil ihr das zu laut ist und weil sie möchte, dass er sich einzig auf das Fahren konzentriert. Schließlich hatte er schon einen Unfall mit dem Ungetüm. Zwei Unfälle.

Aber sie ist dankbar, dass er sie kurz hat teilnehmen lassen an seiner Arbeit. Sie weiß jetzt, dass es ihm gut geht, denn er fährt gerade los zum Alarm. Sie weiß aber auch, dass der nächste Alarm ein Grund werden kann, dass es ihm schlecht geht. Sie will nicht weiter denken. Sie legt auf. Sie fragt sich, wie er diese Lautstärke bloß ertragen kann, denn das Horn ist schon durch das Telefon so laut. Sie geht in den Raum, in den sie gehen muss und hört zu.

In der Pause ruft sie ihn wieder an und hofft, dass er rangehen kann. Mal geht er ran, mal nicht. Wenn er ran geht, erzählt sie ihm, dass sie jetzt einen Kaffee trinkt und ein Stüllchen isst. Wenn er nicht rangeht, hofft sie sehr, dass er es einfach nicht gehört hat. Sie raucht dann eine Zigarette und versucht es noch mal, kurz bevor sie wieder rein muss. In der Zwischenzeit wartet sie, dass er zurückruft. Mal ruft er zurück, mal nicht. Wenn er zurückruft, ist sie erleichtert. Wenn nicht, hofft sie, er hat einfach nicht mitbekommen, dass sie angerufen hat. Obwohl er weiß, wann ihre Pause ist. Dann hofft sie, dass er gesehen hat, dass sie ihn versucht hat zu erreichen und einfach nicht rangehen kann. Weil er einen Alarm hat. Und dann kann er halt nicht. Es geht ihm gut, aber er kann eben gerade nicht. Sei bitte vorsichtig, denkt sie. Dann geht sie wieder hinein in den Raum, wo sie hin muss. Und hofft, dass er ihr eine Nachricht schickt. Meistens schickt er eine, manchmal nicht.

Wenn sie fertig ist, versucht sie wieder, ihn zu erreichen und hofft, dass er rangeht. Wenn er rangeht, erzählt er ihr von seiner letzten Alarmfahrt und vom Mittagessen und freut sich für sie, dass sie Schluss hat. Manchmal erzählt er etwas Lustiges, manchmal etwas Ernstes. Manchmal ist er lustig, manchmal traurig. Er sagt ihr, sie wäre so weit weg. Sie weiß nicht, was sie ihm entgegnen soll. Dass sie sich ja bald wieder haben? Dass es doch nur noch 14, 15 Stunden seien?
Er sagt ihr, sie solle vorsichtig sein. Sie sagen sich, dass sie sich lieben.

Wenn er nicht rangeht und auch noch keine Nachricht geschickt hat, hofft sie, dass er schläft. Dass er keine Alarme hat und sich hingelegt hat. Dass er im Bett liegt und nicht im Krankenhaus. Dass er etwas Schönes träumt und nicht etwas Schreckliches sieht. Dass es ihm gut geht. Dass er nicht sein eigener Kunde ist. Dass er lebt.

Sie steigt in den Zug, um zur S-Bahn zu fahren und dann mit dem Bus und dann nach Hause. Wenn sie zu Hause ist, ruft sie ihn an und hofft, dass er rangeht. Sie will ihm sagen, dass sie jetzt zu Hause ist und dass sie vorsichtig war und dass er sich jetzt nicht mehr um sie zu sorgen braucht. Wenn sie Glück hat, geht er ran und klingt verschlafen. Wenn sie Pech hat, geht er nicht ran.

Irgendwann hören sie sich wieder. Ihr geht es gut, sagt sie ihm, es sei alles wie immer. Ihm geht es entweder gut oder schlecht. Sie vermissen sich. Sie sagen sich, dass ja schon die Hälfte der Zeit vorbei ist. Bald gibt es Abendbrot. Dann erzählt er ihr vielleicht von seiner letzten Fahrt, aber meistens waren es schon so viele, dass er sich nicht mehr erinnern will. Er erzählt vielleicht etwas Lustiges oder etwas Trauriges. Er sagt ihr, sie solle vorsichtig sein. Sie sagen sich, dass sie sich lieben.

Sie macht den Fernseher an und schaut fern. Sie lenkt sich ab von der Einsamkeit. Sie ist zu sonst nichts in der Lage. Wenn sie Glück hat, ruft er an und sie erzählen sich, was sie im Fernsehen schauen. Wenn sie Pech hat, versucht sie ihn zu erreichen und er geht nicht ran, oder er geht ran und sie hört das Horn oder er geht ran und sie hört ihn mit pöbelnden Menschen diskutieren, und dann kann er nicht mit ihr sprechen. Aber dann weiß sie, dass er noch da ist.

Irgendwann geht sie ins Bett und ruft ihn an, um ihm Gute Nacht zu sagen. Sie hofft, dass er jetzt rangehen kann. Es ist nach 12. Wenn er ran geht, ist er einsam. Wenn sie im Bett liegt, ist sie einsam. Wenn er nicht rangeht, hofft sie, dass er schläft, aber sie weiß, dass er Alarme fährt, denn sonst hätte er ihr Gute Nacht gesagt. Sie ist einsam. Sie wälzt sich. Sie liest bis sie schläfrig wird und dann schläft sie ein. Und dann wird sie geweckt von dem Telefon. Um eins, um drei… Er erzählt, dass er nicht schlafen konnte, dass er gerade erst wieder rein ist vom Alarm. Dass er Kopfschmerzen hat und dass er wieder vorne steht. Dass wenn sie jetzt aufhören zu telefonieren, bestimmt wieder ein Alarm kommt, weil das meistens so sei. Sie ist im Halbschlaf und es tut ihr leid, dass sie so müde ist, und dass er hört, dass sie nicht ganz bei der Sache ist. Dass er in einer ganz anderen Welt sich befindet, von der sie keine Ahnung hat und von der ihr die Ahnung schon meistens ausreicht. Sie hat die Wache gesehen und die Autos und die Kollegen und die furchtbaren Betten. Diesen Asbestbau aus den Siebzigern mit gleichaltriger Einrichtung. Und seine Einsamkeit ist einnehmend. Wurde er wieder bepöbelt oder gar attackiert? Hat er ein junges Mädchen sterben gesehen? Oder eine alte Frau reanimiert? Oder einen Fettsack aus dem fünften Stock geschleppt? Oder mitten in der Nacht jemanden ins Krankenhaus gefahren, der schon seit Tagen über Beschwerden klagt? Oder einen Streit unter Trinkern geschlichtet? Oder einen Selbstmörder geborgen? Oder wurde er angebaggert von einer vereinsamten Alkoholikerin? Oder wurde ihm mit dem Tod gedroht von seinem eigenen „Patienten“? Musste er wieder die Kotze und das Blut aus dem Rettungswagen wischen? Oder Autos auseinander schweißen? Oder mit einem zu großen Auto durch zu enge Straßen fahren und sich unter Zeitdruck durch die Panik und Boshaftigkeit der anderen Autofahrer manövrieren? Oder musste er gar, verdammte Scheiße, ins Feuer?

Oder war den ganzen Tag nichts los und er konnte Zeitung lesen, mit den Kollegen albern und Karten spielen, einen Spielfilm gucken und jedes Mal ans Telefon gehen, wenn sie versucht hat, ihn zu erreichen?

Gute Nacht, Schatzbär, träum was Schönes. Du auch. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Bis ganz bald. Ja, bis ganz bald. Und ihre Augen fallen zu und schon klingelt der Wecker und sie muss aufstehen und nun hofft sie, dass er bald nach Hause kommt. Dass nichts dazwischen gekommen ist. Dass es ihn noch gibt und dass er einfach nur, wie so oft, wenn er vom Dienst kommt, nur 10 Jahre älter ist als sonst.

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2 Antworten

Kommentare

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    Kommt mir alles sehr bekannt vor, auch wenn mein Freund "nur" bei der freiwilligen Feuerwehr ist. Aber durch seinen Beruf im Rettungsdienst ist es sehr ähnlich.

    25.02.2011, 00:55 von ChogaRamirez
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    Hoffnung für alle Feuerwehrfrauen und Männer
    Bisher war es üblich Liebe und Arbeit bei der Berufsfeuerwehr zu trennen.Nun aber wird die Liebe bei der Berufsfeuerwehr in Lünen groß geschrieben und es dürfen auch Pärchen in die gleichen Wachtouren damit ihre Beziehung auch während ihres 24 Stunden Dienstes gepflegt werden kann... Das heißt sie teilen auch Tisch und Bett am Arbeitsplatz. Leid tun mir die anderen Feuerwehrmänner und Frauen die dem bunten treiben zuschauen dürfen und sich vieleicht auch nach der Zweisamkeit sehnen. Bleibt nur zu hoffen das es bald für alle Partner so eine Art Fremdenzimmer gibt....Somit wäre das Problem mit den langen einsamen Nächten gelöst.

    31.03.2009, 13:11 von lumizi
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