bottle_dreams 18.12.2008, 03:59 Uhr 4 3

Mathe lügt nicht

„Dann musst du wohl lernen zu meditieren“, sagte sie bemüht schnippisch, während sie ihn mit gespielter Anstrengung aus der Tür schob.

Langsam und bedächtig drehte er sich selbst zum Ausgang, warf noch einen vorsichtigen letzten, leicht prüfenden Blick auf sie und ging dann leisen Schrittes davon.

Sie könne das nicht, hatte sie ihm erklärt. Seine warme Schulter zum Anlehnen und Ausheulen sein, wenn er mal wieder eine schlimme Nacht hatte oder am Leben an sich zweifelte, wenn er einfach nicht wusste wohin mit all den hochkommenden Gefühlen.

„Meine Schultern sind ja nicht einmal stark genug, um meinem eigenen Ballast stand zu halten und Tränen vergieße ich auch ohne dich schon genug. Ich halte meine eigenen Gefühle schon nicht aus, und wenn deine dann noch dazukommen, breche ich zusammen.“

Sie sei schließlich Mathematikerin, niemand könne ihr weismachen, geteiltes Leid sei halbes Leid. Die Menge des Leids bleibe doch immer gleich - wenn man den Nenner Personen verdoppelt, müsse man auch die beiden Zähler Leid miteinander addieren.

An manchen Stellen ihrer Ausführungen musste er lächeln, obwohl er nicht trauriger hätte sein können. Er liebte es, sie so reden zu sehen, nichts liebte er mehr. Wie sie manchmal während ihrer Argumentation kurz stoppte, mit zweifelndem Blick zu überlegen, ja geradezu nachzurechnen schien, ob das auch alles Sinn ergäbe, was da gerade aus ihr herausprasselte und dann schnell und heftig mit dem Kopf nickte, sich selbst versichernd, es sei verdammt nochmal absolut sinnvoll und müsse jetzt unbedingt raus, also lieber jetzt schnell, bevor er sie wieder aus der Bahn werfen könnte.

Diesmal warf er sie nicht aus der Bahn. Er versuchte es ein paar mal, aber eher halbherzig, nicht mal er selbst war von dem überzeugt, was er da vorbrachte.

Mathe lügt nicht, sagte sie immer. „Mathe hat für alles eine Lösung, dafür liebe ich es.“

Er liebte sie und Mathe war ihm egal. Er wollte sich nur mit ihr zusammen auf den Bruchstrich kuscheln und all ihre Schmerzen, all ihr Leid darunter begraben.

Aber für sie ging diese Rechnung nicht auf.

Da hätte er wohl Zähler und Nenner miteinander vertauscht, sagte sie lächelnd. Und auch er musste grinsen, trotz des riesige Kloßes den er in seinem Hals spürte.

Mathe lügt nicht.

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Kommentare

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    Mathe lügt nicht. Stimmt.
    Doch Gefühle lassen sich nicht mit Mathematik einfangen. Mathematik hat ihre Grenzen. Geteiltes Leid ist sehr wohl halbes Leid. Und geteilte Freude doppelte Freude. Wobei die große Unbekannte in der Rechnung ist, wie die Persönlichkeit dessen aussieht, mit denen man teilt, damit beide Aussegen jenseits der mathematischen Logik auch aufgehen.

    12.08.2010, 11:31 von Cyro
    • 0

      @Cyro Geteiltes Leid ist leider nur in den seltensten Fällen halbes Leid. Mitleid kommt ja auch von mit leiden ... Kommt halt drauf an, ob der Teiler sich mit belastet fühlt oder nicht.

      12.08.2010, 14:48 von volumINA
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    Ich halte meine eigenen Gefühle schon nicht aus, und wenn deine dann noch dazukommen, breche ich zusammen.

    Toll. Ganz, ganz toll.

    12.08.2010, 10:32 von volumINA
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    Mathe lügt wirklich nicht.
    Im Bahnhof meiner Stadt hängt ein Zettel.
    Mit Mathematik drauf, was eigentlich eine Liebeserklärung sein soll.

    Kriegt man eine Email bei neuen Kommentaren?
    Hoffentlich.

    12.08.2010, 10:09 von ehlferr
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      @ehlferr Den Zettel würde ich gerne sehen.

      Und ja, kriegt man.

      12.08.2010, 15:44 von bottle_dreams
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    Sehr schöner Text.

    18.12.2008, 10:50 von Don-negro
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