pnarm 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 60

Marie

"...kommt drauf an."

20.03.

Marie. Der Name ist so einfach. So klar. Als hätte ich ihn schon tausendmal gesagt. Aber ich erinnere mich nicht, ob ich sie überhaupt schon mit Namen angesprochen habe. Wir haben nicht viel geredet, bevor wir im Bett gelandet sind. Nicht mal heute Morgen. Nicht weil wir uns nichts zu sagen gehabt hätten. Es gab einfach nichts zu sagen. Es war alles klar. Mann, das klingt schräg. Das klingt, als hätte ich es mir gerade aus den Fingern gesaugt. Gestern hätte ich mir auch kein Wort geglaubt. Aber zwischen gestern und heute war irgendwas. Marie. Als ob zwischen diesen Buchstaben alles ist, wonach ich je gefragt habe. Das ist eine ganze Menge. Wie soll ich all das nur in diesem kurzen Namen entziffern? Vielleicht ist Maries Nummer ein Anfang. Die ist leicht zu entziffern. Jetzt liegt sie vor mir. Aber ich rühr den Zettel nicht an. Nicht jetzt. Oder auch nie. Vielleicht war's das ja auch schon zwischen uns. Bisher war's perfekt. Was soll noch Besseres kommen?


22.03.

Ok. Marie war schneller. Hätte ich gar nicht geglaubt, dass sie mich so schnell wiedersehen will. Diesmal haben wir geredet. Erst in der Geige, dann bei ihr. Wir haben gar nicht mehr aufgehört zu reden. Das hat sich genauso vertraut angefühlt wie das Schweigen. Mit dem selben Ergebnis: Wir haben uns ins Bett geredet.


23.03.

Für den Abend hat sie mich zu sich eingeladen. Klar, ich komm gleich nach der Arbeit, hab ich geschrieben. Vermiss dich, hab ich geschrieben. Dann hab ich die Nachricht abgeschickt, sonst hätte ich vielleicht noch ein deplatziertes "Ich liebe dich" geschrieben. Aber was will ich wirklich von ihr? Darf ich mir die Frage überhaupt schon stellen? Wir haben zwei Nächte miteinander verbracht. In der ersten waren wir sturzbetrunken. In der anderen haben wir die Nachwirkungen gespürt. Aber fängt Liebe nicht manchmal so an? Darf ich schon von Liebe schreiben? Sollte ich es sogar? Marie. Am liebsten würd ich die Seite hier rausreißen und sie dir zeigen. Sagen kann ich das alles so schwer. Beim nächsten Mal versuch ich's. Ganz bestimmt.


03.04.

Ich komme mal wieder zum Schreiben. Sonst komm ich zu gar nichts. Oder zu allem. Ich komme zu Marie. Wenn ich Feierabend habe, fahre ich zu ihr. Ich schlafe mit ihr, dann schlafe ich neben ihr. Dann stehe ich auf, dusche, fahre in die Arbeit und warte auf den Feierabend. Warte auf sie. Und sie lässt mich nicht warten. Vor ein paar Tagen haben wir geredet. Wirklich geredet. Sie hat gefragt, was ich von einer offenen Beziehung halte. Ich halte wahnsinnig viel von dir, alles andere ist nicht wichtig, hab ich gesagt. Dann hab ich mich über meinen schwammigen Pathos geärgert, weil ich unser Gespräch damit abgewürgt habe. Aber was soll ich auch anderes sagen? Mehr weiß ich doch auch nicht.


19.04.

Offene Beziehung. Was für ein windiger Begriff. Hört sich nach einem Raum an, in dem es zieht. Als würde ich irgendwo im Gang stehen und den Lichtschalter suchen, um eine Tür schließen zu können, die im Wind klappert. Das hab ich gestern gedacht. Was ich heute denke: Eine offene Beziehung fühlt sich an, wie eine Bahncard 100 zu finden. Ich kann mich frei bewegen. Die Anzeigetafel am Bahnhof kündigt reizvolle Ziele an. Ich könnte sofort überall hin. Aber da fällt mir auf, dass ich noch nicht mal den Ort kenne, an dem sich der Bahnhof befindet. Ich kenne nur die Halle, in der ich mir stundenlang die Zeit vertreiben kann, ohne mich zu langweilen. Aber ich komme nicht aus der Halle raus, weil ich nicht weiß, wo ich hin fahren soll und weil ich nicht weiß, wo ich hier eigentlich bin. Liegt das an Marie? Nein. Es liegt an uns. Folgender Dialog hat sich gestern bei ihr abgespielt:

"Sind wir eigentlich zusammen?"

M: "Weiß nicht...ich kann nicht mit dir zusammen sein, wenn ich das Gefühl habe, ich müsste für dich da sein..."

Schweigen.

M: "...versteh mich nicht falsch...ich will für dich da sein. Aber nicht aus Zwang"

"Ich zwing dich nicht."

M: "Dann lass uns einfach so weitermachen."

"Gemeinsam ins Bett steigen und uns auf der Straße begegnen, als wären wir Fremde?"

M: "Nicht wie Fremde...wie zwei Menschen die neugierig aufeinander sind, weil sie sich nicht kennen."

"Ich will dich gerne besser kennen..."

M: "Du kennst alles, was ich dir zeigen kann."

"Ich hab dich öfter stöhnen hören als reden."

M: "Das solltest du als Kompliment sehen."

"Willst du mit anderen ins Bett?"

M: "Nein...reizt mich nicht..."

"Das seh ich als Kompliment..."

M: "Kannst du...aber eigentlich liegt's daran, dass es dir nichts ausmachen würde...Wenn du's mir verbieten würdest, würd ich's tun."

"Es würde mir was ausmachen..."

M: "Ok...verbietest du's mir?"

"Nein."


21.04.

Eigentlich klingt es leicht: Solange wir wollen, was wir beide wollen, können wir alles haben. Der Rest ist einfach Gewöhnung. Ist gar nicht so schlimm, sich allein zu fühlen, wenn sie nicht da ist. Also nicht immer. Ist gar nicht so schmerzhaft zu denken, dass sie jetzt vielleicht gerade einen anderen datet. Also manchmal. Das ist einfach eine Frage der Selbstbeherrschung. Das ist, was ich von ihr bekommen kann. Und Marie schreibt mich so oft an, dass ich mir sicher bin, dass kein anderer das im Moment von ihr bekommt. Ich hab sie gefragt, wie's ihr damit geht. "Ich kenn's nicht anders", hat sie gesagt. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das beeindrucken oder verstören soll.


18.05.

Wir haben uns zufällig auf der Straße gesehen. Ich hatte mich geirrt. Wir sind uns nicht begegnet, als wären wir Fremde. Wir waren zusammen. Ganz offensichtlich. Wir sind in der Wiese gelegen, haben uns geküsst, haben die Füße ins Wasser gehalten und waren uns ganz nah. Ich frage mich, wie viele Paare, von denen, die wir gesehen haben, auch zwischen allem Greifbaren sind, so wie wir. Später haben wir bei ihr darüber geredet:

"Wenn dich jemand fragt, ob du einen Freund hast, was sagst du?"

M: "Kommt drauf an"

"Worauf?"

M: "...wie ich mich fühle..."

"Verstehst du das unter Liebe?"

M: "Nein...Liebe ist für mich ein wildes Tier, das man nicht einsperren sollte."

"Was ist für dich eine Beziehung?"

M: "Eine Fotosafari."

"Wär's dir lieber, ich würd dich auffressen?"

M: "Haha, Nein...ich pack einfach den Alltag einer Beziehung nicht...der erschlägt mich....der erschlägt mich so schnell."

"Wir sehen uns seit zwei Monaten jeden Tag...ist das kein Alltag?"

M: "Wir haben nur Sex miteinander...das ist was anderes."

"Wieso nennst du's dann offene Beziehung?"

M: "Eigentlich hab ich keinen Namen dafür...und ich brauch auch keinen..."

„Was brauchst du dann?“

M: „Ich brauch jemanden, der mir das Gefühl gibt, dass alles gut ist.“

"Jetzt ist alles  gut, finde ich"

M: "Ja, ich auch...mehr kann man sowieso nicht haben..."


02.06.

Eigentlich wollte ich nur in Ruhe ein paar Bier trinken. Das hatte bisher immer gut geklappt. Selten kam jemand auf die Idee mich dabei anzuquatschen. Mein abwesender Blick ist eigentlich eine zuverlässige Barriere. Aber scheinbar hat er sich geändert. Natürlich hat sich an dem Abend ein Gespräch ergeben. Ein eindeutiges Gespräch. Ich hätte mitgehen können. Aber ich bin einfach sitzen geblieben und hab gezögert. So lange gezögert, dass meine Gesprächspartnerin irritiert abgezogen ist. Das ist das Problem: Ich hab keine Angst davor, Marie zu betrügen, aber ich hab Angst davor, dass kleine bisschen Gleichgewicht, das uns verbindet, zu stören. Andererseits ist mir das kleine bisschen Gleichgewicht zu wenig. Vielleicht sollte ich es stören. Aber ich habe keine Lust, mit einer anderen ins Bett zu steigen. Und ich habe keine Lust mehr, mit Marie ins Bett zu steigen. Aber ich kann verdammt nochmal nicht damit aufhören. Ich bin einfach noch nicht satt.


29.06.

Eine Beichte war das eigentlich nicht. Sie hat's ganz nebenbei gesagt, als sie neben mir gelegen ist:

"Du?"

"...hm?"

"...ich hatte Sex mit nem anderen."

Schweigen.

"...war's gut?"

M: "Nein...ich fühl mich beschissen.."

"Wieso hast du's dann gemacht?"

M: "...irgendwas hat mir gefehlt..."

"Wieso hast du nichts gesagt? ...du hättest alles von mir haben können."

M: "...alles ist mir viel zu viel."

Schweigen.

"Wie war der Sex mit ihm?"

M: "Hm...wie der Sturm auf die Bastille."

"Aha...und der mit mir?"

M: "Wie ne Demo für den Planetenstatus von Pluto."

Schweigen.

M: "...nichts gegen Pluto."

"...aber du bist näher an der Bastille."

M: "Liegt das an mir?"

„Nein.“

Schweigen.

"Was ist der Unterschied zwischen ihm und mir?"

M: "Er hat was ich brauche."

"...mhm."

M: "...und du hast was ich will."

"Liegt das so weit auseinander?"

M: "So weit wie Pluto und die Bastille."

Schweigen.

M: "Eigentlich ungerecht, dass Pluto kein Planet mehr sein soll, oder?"


20.07.

Fühlt sich seltsam an. Vor drei Wochen haben wir uns das letzte Mal gesehen. Es war verdammt schwer, mich von Marie zu trennen. Wir waren ja eigentlich nie zusammen. Vielleicht hat mich bis zum Schluss die Hoffnung bei ihr gehalten, dass ihr doch irgendwann klar wird, dass mehr zwischen uns ist, als diese offene Geschichte. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, dass meine Vorstellungen einer Beziehung nicht auf 140x200 cm beschränkt sind.. Aber damit werde ich Marie auch nicht gerecht. Es war viel mehr. Es war alles auf einmal und das hat sich gut angefühlt. Bis deutlich wurde, aus wie vielen Einzelteilen ‚alles auf einmal’ besteht. Als wollte man alle Fragen die man sich je gestellt hat, in ein Wort pressen. Zum Beispiel in Marie.

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23 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ehrlicher Text, welcher die Generation "Beziehungsunfähig" total widerspiegelt.

    11.12.2017, 20:57 von Spaetsommerliebe
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    • 2

      Der Text ist vom September 2016. Uralt würde ich es nicht nennen.

      12.12.2017, 08:27 von Fin_Fang_Foom
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    • 0

      Ja, total schön für michj. Danke, dass du dichj so freust! :)

      12.12.2017, 18:26 von Fin_Fang_Foom
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  • 0

    Marie scheint gestört

    01.12.2017, 12:23 von TrustYourself
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  • 0

    Das Gefühl, Marie schon mal begegnet zu sein

    04.03.2017, 17:41 von himmelblau3
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  • 1

    Marie ist ein schöner Name.

    13.12.2016, 07:02 von sailor
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  • 0

    erinnert mich an marie aus woyzeck..

    13.12.2016, 00:22 von Besinnmich
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  • 0

    Von Anfang an wird klar, dass des a Schmarrn wird, wie man in Bayern etwas nennt wofür man meint 1000 Worte verwenden zu müssen, aber es in einem Satz gesagt werden kann. Neumodisches Ausweichen von ehemals Brauchbarem oder auf aktuell neudeutsch: postfaktisch. Aktuell zieht nur Populismus. Alles poppen, oder was?

    17.11.2016, 22:06 von Filousoph
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  • 0

    Der Name "Marie" scheint mir ein Synonym zu sein für Komplikationen.

    19.09.2016, 20:11 von justanotherpicture
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  • 0

    Sehr schön. Hätte fast das gleiche über Marie schreiben können, nur dass es im Februar vor zwei Jahren angefangen hat, nicht im März. 

    18.09.2016, 22:14 von SilvanSunderbar
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