Mann über Board.
"Ich habe mal Irkutsk fünf Runden lang mit nur einem Würfel verteidigt. Ich könnte dich beschützen. Das machen doch Männer so."
Um Fünf vor Zwölf steht sie da mit den Freundinnen, das Haar hinten kurz, vorn der Scheitel leicht auf links gezogen, das große Auge überdeckt. Die Lederstiefel zehenwärts spitzzulaufend. Die Nase ist ein Pfeil nach unten, als wolle sie zeigen: „Bleib auf dem Boden, Junge.“
Er ist auf dem Boden geblieben, zwei Monate lang, um sie durch Zufall zu sehen, um sie mit Absicht zu sehen, sie zu studieren, sich an ihre Karomhemdchen mit den gestärkten Krägen zu gewöhnen, die eigenwilligen Bewegungen, wenn ihre Musik läuft, das Dentagard-Lachen, wenn die Freundinnen sprachen, zu bemerken, dass sie keinen Typen checkte. Solange dauert es, um sein träges Gemüt zu bestätigen. Fünf nach Zwölf: Sie kurz alleine an der Theke. Zugriff.
Neben sie stellen, vorlehnen, Kellner ran winken, zwei Bier. Langsam in ihre Richtung. Blick auf das freie Auge. Fokussieren. Atmen. Puls senken. Nicken. „Eins für dich. Hallo.“
„Hallo.“
Der Puls steigt, das Bier wird gereicht, der Blick hält stand, die Flaschen berühren sich, sie dankt, er fummelt in der Jackentasche, schiebt über die klebrige Theke mit Bootslack hin: Das Balzgeschenk. Seine CD. Mit allem, was die Nacht danach hergeben musste, wenn er sie sah, in den letzten 3 Monaten, mit den Lyrics, die etwas erzählen würden darüber, was er mit ihr anstellen könnte.
Er setzt an, stockt, überlegt, ihre Mundwinkel falten ein Lächeln oder Grinsen, er kann es nicht erkennen, er sagt „Du musst halt meine Frau werden. Ganz klar. Die CD ist meine erste Mitgift. Wirste schon sehen.“
Sie scheint nicht zu wissen, was sie sagen soll, also sagt sie erst mal Nichts, nippt am Bier, zippelt an der CD herum, guckt, guckt auf, guckt weg, guckt ihn an, nippt am Bier.
„Oha…“, sagt sie, er sagt „Genau. Überleg nicht zu lange. Wer weiß, ob es morgen Krieg gibt.“
„Kannst du das denn… Krieg?“, fragt sie.
Er nimmt einen tiefen Schluck, atmet hörbar aus, guckt Richtung Spirituosen-Regal, als wäre es ein Teleprompter, dreht sich zurück, unterdrückt das Lachen, das in seinen Mundwinkeln Randale schiebt, als er antwortet: „Sagen wir so. Ich habe mal Irkutsk fünf Runden lang mit nur einem Würfel verteidigt. Ich könnte dich beschützen. Das machen doch Männer so.“
„Weiß ich nicht, ob ich das gut finde, so einen Krieg.“
„Ich hab den nicht angefangen. Ich wurde angegriffen. Aus Jakutien. Sie hatte eine Kanone und ein Pferd.“
„Hattest du für sie auch eine CD?“
Er nickt. Sie nickt. Liest die Trackliste, schaut ihn lange an. Überlegt. Er beginnt, die Jeopardy-Melodie zu summen. „Ich habe auch eine Kanone…“, sagt sie, dreht sich zum Kellner, fragt, ob er einen Würfel hat. Er kramt ihn aus der Schublade, schiebt ihn irritiert rüber, sagt „Rabattaktion ist aber heute nicht.“
„Ist egal“, antworten beide gleichzeitig, sichtlich angespannt. Sie würfelt. „Drei.“
Er würfelt. „Zwei.“
„Verloren.“
„Macht nix“, lügt er. „Schade.“, sagt sie, dreht sich um, und ist schneller weg, als er schlucken kann. Da hat er die Wahl: Warten, bis ihm etwas Kluges einfällt. Nachhause gehen. Saufen. Sie nie wieder sehen. Sich besser vorbereiten. Oder Variante C.
Er geht hinterher, greift sie an der Schulter. Sie dreht sich. Er flüstert „Was stand überhaupt auf deiner Auftragskarte?“
„Verteidigen Sie ihr Herz acht Runden lang gegen Rot.“
„Ach. So ist das...“
„Du bist süß. Und witzig. Und ein bisschen mutig.“, sagt sie, als stünde sie auf einer Türschwelle.
Das Zögern. Das Zögern. „Aber?“, fragt er.
„ Aber. Du hast nur einen Würfel. Das wird im Krieg nicht reichen.“







Kommentare
fein, wieder mal starke texte.
15.02.2013, 20:02 von Mein_Name_Ist_Hase...bei der cd denke ich immer an eine steuercd :)
Haha :D
15.02.2013, 21:32 von MisterGambitIch hätte das gern live beobachtet. Aber so ist's auch fein.
06.02.2013, 19:43 von Jimmy_D.habe die geschichte heute nachmittag gelesen
jetzt aber!!!
11.02.2013, 23:39 von pur_purfilm: spiele leben
rothaarige: georg friedrich
http://www.allesfilm.com/show_filmkritik.php?id=22072
und lieben gruss an Sie
Super geschrieben, amüsant und mit Gefühl. Die Risiko-Metaphern gefallen mir.
Ich mag Brettspiele.
06.02.2013, 12:08 von SasaliDie Anleihe bei Risiko gefällt mir sehr gut. Das waren noch Zeiten und das sind noch Frauen, die man mit einem Mixtape noch erreicht. Ich hätte den Mut des "Er's" nicht.
06.02.2013, 11:28 von JoshBlocWenn man mal im echten Leben so Schlagfertig wäre. Mir fällt sowas immer erst ein paar Tage später ein.
risiko isn scheißspiel.
05.02.2013, 13:48 von IceIceFriedhelmScheiße, es ging um Risoko? Verdammt, das hab ich gar nicht gemerkt !
05.02.2013, 21:26 von TaneaIrkutsk und Jakutien sind so Schlüsselwörter... ;-)
06.02.2013, 10:06 von LudwigMartinDas liest sich relativ angenehm runter, aber der allgemeinen Begeisterung kann ich mich jetzt auch nicht wirklich anschließen.
05.02.2013, 13:43 von Pixie_DestructoIst halt so'n typischer Gambit-Gefälligkeitstext.
Hat als ein solcher aber auch seinen Wert. :-)
05.02.2013, 16:14 von LudwigMartinwas wäre denn ein "nicht-gefälligkeits-text"?
23.02.2013, 22:23 von GluecksaktivistinDa sind sie gefallen, die Würfel. Aber guter Text, mir gefällt wie du sie beschreibst. Die Bewegungen und die Nase, konnte sie mir bildlich vorstellen.
05.02.2013, 13:03 von LeyluraLegbreaker