Freulein_Taktlos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 46 94

Manfred

„Wohin gehste?“ „Kippen!“, sagt sie. Dann fällt die Tür ins Schloss. Wir führen Krieg.

Es gab Streit. Nicht mit Worten. Worte wechseln wir schon lang nicht mehr. Zumindest keine netten. Wir streiten mit Blicken. Blicken, die wir versäumen, dem anderen zuzuwerfen. Wir streiten mit Vorwürfen. Vorwürfen, die unausgesprochen im Raum hängen. Wie der süßliche Geruch nach Lebertran und roter Beete als der alte Schmidt von unten in seiner Bude tot umfiel und faulend auf dem Flickenteppich liegenblieb. Seine Kumpel vermissten ihn beim Stammtisch. Sie ertranken ihre Bedenken mit Korn. Man roch ihn 13 Tage später. Es war ein Samstag. Wir streiten mit gesenkten Köpfen, heruntergezogenen Mundwinkeln und krummen Rücken. Wir streiten und zeichnen uns damit. Wir führen Krieg. Schon lang. „Na dann verlass sie doch!“, meint Hannah. Hannah ist 41, vollbusig und dumm. Sie denkt von zwölf bis mittags. Hat null Ahnung vom Leben. Von Arbeit. Von Liebe. Dämlich grinsend streicht sie sich mit rotlackierten Nägeln über ihre nackte, runde Brust. Ich erzähle ihr die Dinge, die ich keinem anderen erzählen kann. Weil ich weiß, Worte sind bei ihr sicher. Hannah ist dumm. Wer glaubt ihr schon? Dumm, aber gut genug, um sie in den Nächten zu vögeln, in denen du nicht bei mir bist. „Sie zu verlassen… da fehlt dir der Mumm, wa? Weil du sie eben doch liebst!“. Hannah ist dumm, aber sie weiß, dass ich dich liebe. Du weißt es auch.

Ich liebe ihn noch immer, denke ich und steige auf das rostige Fahrrad, das an der Hauswand lehnt. Der Wind ist kalt. Kalt und stark. Ich muss fest in die Pedale treten, um den Berg zur Kreuzung hochzukommen. Nordseewind. Es gab Streit. Das Übliche. Ein Streit, der damit beginnt, dass einer von uns beiden etwas gesagt hat. Oder gemacht. Oder eben nicht gesagt und nicht gemacht hat. Unnötig. Aus dem Nichts. So komplex, dass wir nicht wissen, wie es dazu kam. Wir führen Krieg. Keiner weiß, wieso, aber alle gehen hin. Wenn Mutter mich fragt, warum wir immer noch zusammen sind, sage ich ihr, es ist wie beim Fräulein Hochstetter. Die stellt noch immer ihre Schuhe rechts auf die Fußmatte, so als würde Franz nach Hause kommen und Platz für seine Arbeitstreter brauchen. Nur dass Franz schon seit Wochen zwei Meter unter der Erde auf dem Westfriedhof liegt. Hinten links. Er war ein Scheusal. Hat sie grün und blau geschlagen. Sie blieb bei ihm und kochte ihm seine Lieblingsspeisen. Es heißt, an Heiligabend habe sie ihm im Schlaf mit dem Tranchiermesser die Kehle durchtrennt. Solinger Klinge. Extra scharf. Als die Kripo kam, stand sie mit blutverschmierten Händen und einem Lachen im Gesicht da. Sie hat ihn geliebt. Noch zwei Straßen, dann kommt die Tanke. Die Kippen sind nur ein Vorwand, um für ein paar Minuten zu verschwinden. Einen klaren Kopf bekommen. Ich rauche nicht. Dann wieder zurück. In unsere Wohnung. Zum immergleichen Spiel. Als wir uns kennenlernten war Sommer. In unseren Köpfen. Wir gingen spazieren, hielten Händchen und konnten einander nicht aus den Augen lassen. Tagsüber lachten wir. Nachts machten wir es miteinander. Wir schliefen nur, wenn es unbedingt sein musste. Wer hatte Zeit zu verschenken? Dann kamen die Dunkeljahre. An einem Abend – im April muss es gewesen sein, ja April, das Wetter war so unbeständig – kamst du viel zu spät von der Arbeit. Du stankst nach Bier und an deinem Hemdkragen…

Helles Licht. Manfred. Aus.

„Sie muss über die Kreuzung gefahren sein ohne nach rechts zu schauen, Herr Mai. Es tut uns sehr leid.“ Nicht nach rechts, ja, so muss es gewesen sein. Wie oft sie wohl zuvor nicht nach rechts geschaut hatte und es war gutgegangen? „Ein LKW sagen Sie?“ „Ja.“ Ein LKW mit großen Scheinwerfern. Ein LKW. Vielleicht in rot. Ihrer Lieblingsfarbe. Ein LKW, der nicht bremste als die Frau, die nie nach rechts sah, auf dem klapprigen Fahrrad die Straße überquerte. „Begleiten Sie uns, Herr Mai?“ Natürlich tut er das. Er geht ins Wohnzimmer und löscht das Licht, schnappt sich Jacke und Schuhe. Er hätte ihr sagen sollen, dass er sie liebt. Er hätte sie abhalten können, Kippen zu holen. Sie hätten etwas unternommen. Vielleicht gevögelt. Und in ihren Köpfen da wäre Sommer gewesen. Ein LKW. Vielleicht einer mit einem Namensschild vorne drin.

Manfred. Aus.

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46 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Bittersüß. Aber solche Geschichten schreibt das Leben. :(

    05.06.2014, 16:11 von k.thrin
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  • 1

    Segr gut geschrieben

    21.03.2014, 08:47 von PhoenixONE
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  • 1

    Warum Fräulein Hochstädter nach dem Mord nicht im Gefängnis ist, erschließt sich mir nicht. 

    Die Stimmung des Textes und der Beziehung kommt gut rüber!

    20.03.2014, 20:36 von Bambi_Eyes
    • 0

      Es gibt ja auch andere Einrichtungen mit Fußmatten ;)

      21.03.2014, 09:51 von Freulein_Taktlos
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  • 1

    Gefällt!

    19.03.2014, 02:26 von ordinary_cheesecake
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  • 1

    "Sie hätten etwas unternommen. Vielleicht gevögelt. Und in ihren Köpfen da wäre Sommer gewesen. Ein LKW. Vielleicht einer mit einem Namensschild vorne drin. Manfred. Aus.

    Ein bisschen zuviele kurze Sätze für meinen Geschmack. Die sollte man vielleicht besser dosieren, sonst wirkt es irgendwann nicht mehr wie ein schönes Stilmittel, sondern zu stockend. Dennoch: schöner Schreibstil und nichts weiter zu beanstanden. Inhalt stimmt mich nachdenklich.

    18.03.2014, 22:08 von EllenGret
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  • 1

    Laura - Prinz pi


    Es ist ein Kompliment.

    07.03.2014, 00:47 von RoshRojin
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  • 1

    Deine Art zu erzählen mag ich. Inhaltlich wärs nicht mein Traumtext aber ich finds an sich stimmig und wunderba zu lesen. Danke!

    04.03.2014, 21:43 von VonGruenwald
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  • 3

    Gut geschrieben, mir gefällt deine Wortwahl.
    Allerdings ist mir das Ende zu dramatisch.

    04.03.2014, 01:22 von Jasaf
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  • 1

    Da könnte ich ja glatt heulen. Ganz starker Text, gefällt mir auch so gut, weil es mal nicht wirkt, als sei er autobiographisch.
    Ich mag's wie du Sprüche wie "
    Sie denkt von zwölf bis mittags" oder "...keiner weiß, wieso, aber alle gehen hin" einbaust; und überhaupt, wie du diese kleinen Nebengeschichten erzählst. Sehr gelungen.

    04.03.2014, 00:02 von reachthebeach
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