Manche Tage
Wenn Blätter von den Bäumen fallen und manches einfach so passiert.
„Was ist das bloß mit ihr?“ fragt er sich und schiebt die letzte Nudel von einer Seite des Tellers zur anderen. Sie hinterlässt eine Spur in der roten Soße und als er denkt, dass auch sie eine Spur in seinem roten Herzen hinterlassen hat, kommt er sich albern vor.
Denn das alles ist ja schon viel zu lange her und überhaupt, er weiß doch genau, dass er bei ihr keine Spur hinterlassen hat. Trotzdem weiß er noch wie sie sich angefühlt hat, wenn er ihre Hand genommen hat während des Essens. Meistens gab es Spaghetti, weil sie keine Zeit hatten groß zu kochen. Denn damals, da gab es viel zu tun. Da wurde viel gelacht, getrunken, da waren immer irgendwelche Freunde da und sie waren fast jeden Abend unterwegs. Manchmal hatte er sich gewünscht, sie mehr für sich allein zu haben. Aber im Großen und Ganzen war das schon okay gewesen. Sie hatte eben immer gerne viele Leute um sich. Genauso gerne lachte und redete sie. Und die Nächte waren sie ja für sich. Nur sie und er und das Mondlicht auf den Staubflocken unterm Bett. Dann weinte sie auch gerne oder sagte einfach gar nichts.
Er steht auf und spült den Teller ab. Daran zu denken tut weh. Immer noch. Und deshalb holt er lieber das Fahrrad aus seinem Zimmer. Es hat da einen festen Platz an der Wand neben dem Bücherregal. Draußen würde es geklaut. Und obwohl es alt und klapperig ist und schon bessere Tage gesehen hat, bewahrt er es in sicherer Nähe zu sich auf.
Draußen auf der Straße ist es laut. Feierabendverkehr. Es dauert etwas bis er die Kreuzung überqueren kann. Die Abendluft ist mild wie im Frühling und riecht wie im Winter. Es ist Herbst und bald wird er darauf aufpassen müssen, dass sein Rad nicht auf den feuchten Blättern wegrutscht.
Er fährt oft einfach so durch die Stadt und weiß selbst nicht warum. Gesehen hat er sie dabei noch nie, denn es ist eine große Stadt und eigentlich passt er gar nicht hierher. Sie schon. Sie liebt diese Stadt. Sie kennt unzählige Leute, hat unzählige Freunde, kennt all die verrauchten Kellerkneipen, deren Eingänge man nie finden würde, wüsste man nicht, wo sie sind. Wenn sie mit dem Rad durch die Stadt fährt, trifft sie sicher immer jemanden und begrüßt denjenigen dann mit einem Funkeln aus ihren braungrünen Augen.
Als sie da plötzlich vor dem Kiosk steht, glaubt er gar nicht, dass er sie wirklich sieht. Denkt, dass er sich dieses Bild nur denkt. Aber sie bemerkt ihn und sagt: „Du.“
Eine Feststellung, keine Frage. Und genauso wenig erstaunt. Als hätte sie damit gerechnet. Aber sie trifft ja auch immer irgendjemanden und warum sollte er nicht auch mal derjenige sein. Darüber hatte er nie nachgedacht. Merkwürdig.
Er nickt nur.
„Mmh. Ich dachte schon…“ Sie bricht ab.
Was denkt sie? fragt er sich und schweigt.
„Ich habe mich nur gefragt, ob du überhaupt noch… mal irgendwo auftauchst. Du bist ja nirgendwo mehr. Hast du solchen Stress an der Uni?“
Nein.
„Ja.“
Sie nickt. Und eine braune Strähne wippt dabei hinterm Ohr.
„Ähm.“ Sie lacht verlegen. „Sag doch auch mal was!“
Was denn? Dass du mir fehlst? Dass ich jede Nacht wach liege und deinen Atem im Nacken vermisse?
„Was machst du denn hier?“
„Oh. Ich war nur gerade bei einer Freundin.“
Klar.
„Und du?“
„Ich fahre nur einfach so mit dem Rad durch die Gegend.“
Das hätte er nicht sagen sollen.
Sie lächelt erkennend. „Ja, das passt. Ich mein – so warst du schon immer. Du tust Dinge einfach so. Ich wünschte ich könnte das.“
„Das ist doch ganz leicht. Tu’s einfach.“
„Ich tue nur Dinge, die in meinem Terminkalender stehen. Oder im Ausgehteil irgendeines Magazins. Oder die mir am Telefon vorgeschlagen werden. Das weißt du doch.“
„Nein, weiß ich nicht. So bist du nicht.“
Sie schaut suchend und runzelt dabei die Stirn, als müsste sie eine schwierige mathematische Aufgabe lösen.
„Du kennst mich immer noch besser als ich mich selbst, weißt du.“
Er weiß gar nichts mehr. Die letzten Monate sind dahin. So schnell, wie ein Blatt vom Baum fällt.
Sie schaut weg und er spürt ihren Kloß im Hals.
„Wir haben schon bessere Zeiten gesehen, was?“
„Ja. Aber sie müssen noch nicht vorbei sein…“ Dies ist mehr eine Frage als eine Feststellung.
„Ich muss weiter... Eigentlich… Aber…“
So was passiert eigentlich nicht. Aber einfach so, tut es das trotzdem. An manchen Tagen geht das.
Er kämpft ein bisschen mit dem Gleichgewicht, als sie auf den Gepäckträger steigt. Das Rad macht ein paar Schlenker, bis er es wieder unter Kontrolle hat.
Stunden später kitzelt das Mondlicht sein Gesicht und ihr Atem seinen Nacken. Sie schläft und er ist kurz davor. Er fragt sich wie viele Seiten in ihrem Terminkalender sie wohl übersprungen haben in den letzten paar Stunden. Und auf wie vielen in Zukunft wieder sein Name auftaucht. Ob überhaupt oder ob morgen schon alles wieder den Punkt erreicht hat, an dem er heute die Nudel von einer Seite des Tellers zur anderen geschoben hat.
Das ist es nämlich: Unvorhersehbar. Das liegt nur an ihr. Sie ist sich dessen nicht bewusst, weil ihr Leben so verplant ist. Aber trotzdem gibt es doch immer einige Lücken, die sie auch dringend braucht. Und in die passt er.
So einfach ist das und so kompliziert.

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Kommentare
Es kann so einfach gehen. Und doch so schwierig sein;-)
19.04.2007, 14:19 von MarieStarunsagbar schön... mehr brauch ich nicht schreiben..... gänsehaut....
02.04.2007, 00:19 von ApfelohringWAHNSINN! Die Worte fließen dahin und die Szene ist real vor den eigenen Augen!
12.11.2006, 09:59 von titus.georgeVergißt sie ihren Terminkalender auch heute noch?
wie schaffst du es immer aus so blöden situationen und dingen so schöne geschichten zu machen?
17.10.2006, 12:45 von kazuya.kazuRichtig schön geschrieben! :)
16.10.2006, 10:58 von TheSunrisewunderschön und mal wieder ein genialer letzer satz ;-)
15.10.2006, 18:36 von CamrynWunderschön - mehr muss man dazu nicht sagen!
15.10.2006, 16:49 von aexel