Mami hatte Recht.
Ich vergaß den Kühlschrank zu schließen. Ich vergaß morgens zu duschen. Und als die S-Bahn in den Bahnhof einfuhr, vergaß ich auszusteigen.
Meine Mutter hat Recht gehabt. Und allein diese Tatsache ist an Traurigkeit nicht mehr zu überbieten. Du hast mich verletzt. Mir weh getan. Und es war wie in diesen kitschigen Filmen. Ich habe geweint und konnte nichts essen. Alles, wirklich alles, musste mich an dich erinnern. Ich vergaß den Kühlschrank zu schließen. Ich vergaß morgens zu duschen. Und als die S-Bahn in den Bahnhof einfuhr, vergaß ich auszusteigen. Doch man kennt das ja. Es wird besser. Und irgendwann gibt es einen Morgen, an dem alles nicht mehr ganz so schlimm ist. Du steigst an der richtigen Station aus und erschreckst zwar noch bei seinem Duft, aber die Tränen sind geflossen. Es ist vorbei. Die Tür hat sich geschlossen und da gibt es nichts mehr, an dem man anschließen kann. Kein neuer Anfang.
Und dann schafft man es, neue Erinnerungen zu sammeln. Glückliche Erinnerungen, die die alten verdrängen. Man küsst neue Leute. Und irgendwie wird alles ein bisschen besser.
Bis die Vergangenheit kommt und dir den Boden unter den Füßen wegzieht.
Immer noch kennst du seinen Geruch. Und immer noch erschreckt es dich, wenn du ihn siehst. Plötzlich ist er da. Und stellt dein Leben auf den Kopf. Zum zweiten Mal. Und natürlich ist man vorsichtig. Und natürlich hat man Angst. Und während man sich noch verspricht, diesmal alles besser zu machen, ist es schon passiert. Irgendwie hat man seine Ängste überwunden. Oder sie zumindest verdrängt. Versteckt. In einem Karton. Ganz weit hinten im Schrank.
Und natürlich passiert es wieder. Das ist der Punkt, an dem meine Mutter Recht gehabt hat. Sie hatte Recht und ich irrte. Du kannst mir nicht gut tun. Und wieder steige ich an der falschen Station aus. Vergesse zu essen. Und alles, wirklich alles erinnert mich an dich.
Wie kann es sein, dass mein Bauch sich so voll anfühlt? So voll Traurigkeit. Und Wut. Und wie kann es sein, dass mein Kopf sich so leer anfühlt. So schrecklich leer.
Schon immer wünschte ich mir für mein Kopfkino eine Fernbedienung. Nicht, um wahllos zwischen den Programmen zu wechseln, sondern um dem Ganzen entgehen zu können. Einen An-/Aus-Schalter. Was soll denn erst jetzt passieren, wo in meinem Kopf so viel Leere ist und dem Kopfkino genug Zeit, Raum, Möglichkeiten bietet, sich zu entfalten. In seiner ganzen brutalen Form.
Ich habe die ganze Nacht geschrieben. An einer Bedienungsanleitung für mich. Es sollte meine Semesterarbeit werden und nun ist sie für dich. Ich will, dass du lernst, mich zu verstehen. Ich will, dass du lernst, wann du aufhören musst. Aufhören mit deinem „Zeit brauchen“. Vielleicht lernst du, wann du mich einfach nur in den Arm zu nehmen hast. Wann du einatmen solltest und nur mich riechen solltest. Wann du glücklich sein solltest. Mit mir.
Heute Nacht werde ich von dir träumen. Und bei meinem Glück wird es einer dieser schönen Träume. Alles wird gut sein. Und rosa. Und wir werden glücklich sein. Und beim Einschlafen kann ich deinen Körper neben mir gar nicht vermissen. Dafür hatten wir keine Zeit. Dafür hast du uns gar keine Chance mehr gegeben. Aber mein Herz, mein Herz, das wird dich trotzdem vermissen.
Meine Mutter sagt, du wärst ein kleiner Junge. Und mit kleinen Jungs sei das eben so. Und wahrscheinlich hat sie auch damit Recht. Was sie dabei aber vergisst, ist, dass ich doch auch nur ein kleines Mädchen bin. Ein Mädchen, dass dir eine Chance gegeben. Und eine zweite. Aber die dritte, die wirst du nicht bekommen.
Ab morgen ist es vorbei mit der Traurigkeit. Ich werde die Fenster öffnen und die Bettwäsche waschen. Und mit jedem bisschen frische Luft, wirst du verschwinden. Und ich werde mich an den Schreibtisch setzen und die schönsten, tollsten, aufregendsten Antworten für all meine Semesterarbeiten finden. Ich werde fleißig sein. Und zielstrebig. Ich werde nur an mich denken. Und an ein Praktikum im Ausland oder sonst wo. Ich werde wieder diese eiskalte Arschkuh sein, die ich so hasse.
Aber dann werde ich mir neue Erinnerungen schaffen. Glückliche Erinnerungen, die die alten verdrängen. Und ich werde neue Leute küssen. Und scheiß auf die Vergangenheit. Diesmal lass ich mir garantiert nicht den Boden unter den Füßen wegziehen.
Schönen Gruß an Mutti. Es ist eben nicht so, dass aller guten Dinge drei sind. Jeder verdient eine zweite Chance. Du hast deine gehabt. Und diesmal ist die Tür wirklich zu. Da gibt es nichtmals ein Fenster, das sich für dich öffnen würde.

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Kommentare
toll geschrieben
16.06.2009, 21:42 von LittleMissStrange007hab grad den text angefangen zu lesen, da kam er mir schon irgendwie bekannt vor...und nachm runterscrollen seh ich auch, warum er mir bekannt vorkam.
29.06.2008, 00:48 von ich.lese.gerndas macht einen guten text wohl aus!
...beim Lesen sind mir Tränen über die Wangen gerollt, denn ich dachte, du sprchst von mir und da ging mein Kopfkino los....nur leider habe ich auch die dritte chance gegeben....
14.06.2008, 15:14 von die.janinesehr schön geschrieben!!
Hey, schöner und sehr wahrer Text, ich kann das zu 100 Prozent nachvollziehen.
10.05.2008, 11:11 von NachtlagerLove Hurts...
Er hat mich weinen gemacht. Gute Besserung wünsche ich und danke, dass du das geschrieben hast.
!!! Wie schön, wenn der Schmerz nachlässt und man anfängt den Anderen zu verfluchen und man nicht mehr nichts essen kann und den ganzen Tag nur so unendlich traurig ist sondern es auch Momente gibt, in denen man wieder lachen kann. Der erste Schritt zur Heilung ist getan....
15.04.2008, 10:47 von Fiedelfischer1A lesestoff fürs kopfkino.
13.04.2008, 23:05 von ich.lese.gernehrlich, schön geschrieben. zum mitfühlen. und stimmt: wie sehr habe ich mir schon manchmal eine fernbedienung gewünscht...?
10.04.2008, 15:54 von _Kattoll, tolliger, am tolligsten. wunderschöner text.
10.04.2008, 14:05 von miralii