Alsterpiratin 11.11.2011, 13:46 Uhr 26 91

Mal wieder...kein Gefühl!?

Keine Spur von Gefühl? Nicht, weil ich es nicht empfinden kann, sondern weil ich mich dagegen wehre. Mal wieder.

„Na ja, ich glaube ohnehin nicht mehr an Beziehungen!“ sagt er, und mit dem Duft seines Kaffees weht die Enttäuschung zu mir herüber, die seinen Worten innewohnt. Ich nicke. Einen Augenblick schweigen wir, und wir beobachten die Sonnenstrahlen, die sich an diesem viel zu warmen Novembertag ihren Weg durch das goldene Blätterdach der Bäume bahnen. Und dann spüre ich, dass sein Blick auf meinem Gesicht liegt. Ich trinke einen Schluck Tee, atme den Wohlgeruch von Lavendel und wende mich ihm dann, wie beiläufig, zu. Seine blauen Augen spiegeln eine Mischung aus Desillusionierung und liebevoller Zuneigung. Einen Moment lang drohe ich, darin zu versinken, und ich glaube, eine Spur von Hoffnung in ihnen zu sehen. Es wird Zeit zu gehen.

„Zusammen oder getrennt?“ fragt die leicht untersetzte Bedienung und platziert den Bon auf unserem Tisch. „Getrennt!“ sage ich. Und ich bereue die viel zu deutliche Betonung, als der Glanz aus seinen Augen verschwindet. Mir wird kalt.

Zum Abschied, eine Umarmung. Ich mag sein Parfum und ich mag den Moment, als sein Daumen ganz vorsichtig mein Schlüsselbein berührt. Und dann gehen wir, wortlos, in verschiedene Richtungen, jeder seines Weges.

Ich folge dem schmalen Pfad durch den Park, meine Füße tragen mich fort. Und während sich meine Schuhe in den feuchten Boden graben und jeder Schritt eine Spur hinterlässt, frage ich mich, wieso ich ihn abgewiesen habe. Keine Spur von Gefühl? Nicht, weil ich es nicht empfinden kann, sondern weil ich mich dagegen wehre. Mal wieder.

In meiner Wohnung ist es still. Und mit dem dumpfen Geräusch meiner Schritte im Flur, dringt die Einsamkeit zu mir. Einen Moment wünsche ich, er wäre jetzt bei mir. Um mich zu berühren, um die schreiende Stille, die klirrende Kälte, für einen kurzen Augenblick aus meinem Leben zu streicheln. Ich lege Musik auf, und ich verliere mich im leisen Klang dieses Klavierstücks, zu dessen Melodie ich schon so zahlreiche Briefe und so zahlreiche Geschichten geschrieben habe. Weil die Feder, im Gleichklang mit den Höhen und Tiefen, nur so über das Papier zu fliegen scheint.

Und eines Tages, das weiß ich, wird zu diesen Klängen ein Buch entstehen. Oft stelle ich sie mir vor, die Protagonistin, in den schillerndsten Farben und führe ihre Geschichte in meinen Gedanken fort. Eine Sammlung von Notizen, schlichten Bleistiftkritzeleien, teils Tinte auf einfachem Papier, hält die Ideen vom Leben dieser ungewöhnlichen Frau zusammen. Fragmente einer noch nicht zu Ende gedachten Erzählung, aufbewahrt in einer Schachtel, wie ein geheimer, gut gehüteter Schatz. Wann immer ich sie öffne, um diesen Flickenteppich von Ideen durchzusehen, manches zu verwerfen oder Neues zu ergänzen, denke ich: „Eines Tages werde ich es schreiben. Mein Buch.“ In meiner Vorstellung halte ich es schon in meinen Händen, blättere durch die bedruckten Seiten, lasse meine Fingerspitzen über den dezent gestalteten Umschlag gleiten und spüre die Schwere des Papiers und all der darin gebundenen Gedanken.

Ich denke an ihn. Und ich würde ihm gerne von diesem Traum erzählen. Ich weiß, er würde lächeln. Ich weiß, wie sein Lachen klingt und ich weiß, dass ich es in diesem einen Moment herbeisehne. Ich rufe ihn nicht an. Mal wieder.

Müde setze ich mich auf die Fensterbank und blicke hinaus in den Herbst. Die Abendsonne hat den Himmel in eine Komposition von Rot, Violett und Orange verwandelt, und ich lehne meinen Kopf an das kühle Holz des Rahmens, um so für eine Zeit zu verweilen. Und dann nehme ich es an mich, das lieb gewonnene Sammelsurium raschelnder, unsortierter Zettel, voller Ideen und Vorstellungen, die in eine andere Welt zu entführen vermögen und sehe es durch. Ein bekritzelter Bierdeckel fällt mir in die Hand, und ich erinnere mich an die Party, bei der ich ihn beschrieben habe, mit einer raschen Idee. Und ich erinnere mich an ihn, an diesen Mann, der mir eine Strähne von der Stirn gestrichen hatte, kurz bevor wir uns küssten. Ich weiß nicht einmal mehr seinen Namen. Und bevor ich mir gestatte, darüber nachzudenken, wie traurig das im Grunde ist, lege ich den Bierdeckel wieder zurück und blättere weiter durch diese Welt von Fantasien.  

Eine Welt, in der es der Heldin gelingt, ein Leben zu führen, zu dem mir vielleicht einfach manchmal der Mut fehlt. Ohne jede Angst liebt sie auf eine Weise, die all jene Menschen, die ihr am Herzen liegen, spüren lässt, wie wichtig sie ihr sind. Vielleicht, weil sie die richtigen Worte und Gesten findet. Und dann ist da noch er. Noch schattenhaft in meiner Vorstellung, noch ohne Namen, ist er derjenige, dem sie ihr Herz, ohne zu zögern, in seine Hände legt. Die beiden fordern sich heraus, immer wieder. Sich nie beieinander zu langweilen, sich gleichzeitig ein Zuhause zu sein, ist ihr höchstes Gebot. Sie geben sich ganz hin, ohne sich selbst, ohne das eigene Ich, jemals aufzugeben.

„Eine solche Liebe gibt es nicht, und mein Buch gibt es nicht.“ denke ich, als das Klingeln meines Handys mein Grübeln durchbricht. Seine Nummer leuchtet auf dem Display. Mir wird warm. Und ich will ihm erzählen von meinem Traum, von meinem Buch. Und auch von meinen Ängsten. Ich kann nicht. „Was machst du?“ fragt er. „Nichts Besonderes.“ sage ich. „Ach, mal wieder?“ fragt er, und lacht.


Tags: November, Mal wieder
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26 Antworten

Kommentare

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    Du schreibst gut gefällt mir! 

    05.12.2011, 14:14 von Sister_Morphine86
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    *schnüff* ich rieche ... talent.


    und ich mag
    den Moment, als sein Daumen ganz vorsichtig mein Schlüsselbein berührt.
    Genau so etwas lässt mich wegsinken. Echt schön :)


    05.12.2011, 11:19 von WieSieSehnSehnSieNix
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    bei diesem text kommen sehr viel erinnerungen hoch....die man zu oft verdrängt.......

    04.12.2011, 21:34 von hellcat44
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    schön und gefühlvoll geschrieben. hab ich gerne gelesen :)

    30.11.2011, 17:38 von Colene
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    Sehr treffende und gefühlvolle Worte für jemanden, der sich gegen Gefühle wehrt. Ich hoffe ebenfalls auf die Fortsetzung und auf das pure !sich auf einander einlassen"ohne Angst vor Verletzungen.

    28.11.2011, 22:11 von kruemailmonster
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    gibt es eine fortsetzung?

    21.11.2011, 19:57 von La_P.
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    sehr stilvoll geschrieben - super! gerne gelesen.

    17.11.2011, 22:48 von Wolkensprung
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    wie wahr :)

    15.11.2011, 11:54 von sara conair
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