PinkahPandah 30.11.-0001, 00:00 Uhr 30 54

Märzchen, du

Da war niemand mehr der hätte antworten können. Nur die leeren Wände welche ein Echo zurückwarfen das perfekt seine Gefühlslage spiegelte. Schlecht.

Der kalte Winter war überwunden und in der leichten Wärme des Frühlings erwachten die Straßen der Stadt aus ihrem Winterschlaf. Die profitorientiertesten der lokalen Barbesitzer schoben die letzten Schneeflocken von den Gehwegen und stellten Tische und Stühle unter Sonnenschirme. Eine für den März doch leicht seltsam anmutende Tätigkeit. Aber der März ist eh ein seltsamer Monat – einer den man sich eigentlich schenken kann. Nicht mehr richtig im Winter angesiedelt, aber wegen des Aprils auch noch nicht im Frühling verortet. Ein “kann-aber-muss-nicht” Ungetüm.

Trotz dieser Sonne hatte er den Kragen seines Mantels hochgestellt. So ganz vertraute er der wiedergewonnen Wärme dann doch nicht. Zu schnell konnte sich das Wetter in diesem Monat noch ändern. Im Slalom durch die Barbesitzer navigierend versuchte er leicht genervt, vom plötzlichen Trubel in der Stadt, seine Einkäufe vom Markt sicher nach Hause zu transportieren. Eier. Milch. Blaubeeren. Alles frisch. Wie damals. Sie hatte Pfannkuchen mit Blaubeeren geliebt. Am besten Sonntags im Bett mit einem starken Kaffee. Den Kaffee trank er mittlerweile alleine und auch die Pfannkuchenzutaten kaufte er eher wegen Pavlov und nicht aus Appetit.

Irgendwie hatte er es dann doch durch den Irrgarten von Stühlen, Tischen und Barbesitzern nach Hause geschafft und schaltete aus Reflex den Herd an, während er die Einkäufe im Kühlschrank verstaute. Gedankenverloren holte er die Waage aus dem Schrank. Wog das Mehl, schlug die Eier auf, rief wie gewohnt : mit oder ohne Zucker? und kam wieder in der Wirklichkeit an. Da war niemand mehr der hätte antworten können. Nur die leeren Wände, an denen einst Bilder gehangen hatten, welche ein Echo zurückwarfen das perfekt seine Gefühlslage spiegelte. Schlecht. Die 70qm waren trotz der Möbel praktisch leer. Übrig geblieben waren drei Zimmer, ein Balkon und ein Induktionsherd. Für einen alleine eigentlich zu viel. Für sie beide war es genau richtig gewesen.

Es hatte so gut begonnen. Seit langem endlich mal wieder jemand der mehr war als ein zungenverknotendes Geknutsche im Raucherraum der lokalen Disko oder ein vernebelter Fick nach einer Studentenparty. Schusseligkeit gepaart mit Intelligenz und einem Schönheitsideal der 70er Jahre. Mit der modernen Gesellschaft nicht ganz kompatibel aber für ihn perfekt. Sie war so etwas wie sein verlorener Zwilling gewesen. Seine Nanni. Sein Trick und Track. Seine Sandra. Er war mehr zufällig über sie gestolpert, als er im Park probiert hatte die Herbstsonne mit seiner Kamera einzufangen. So hatte er mit einer kaputten Kamera, aber einem super Gesprächseinstieg bis tief in die Nacht hinein auf ihrer Decke gesessen und über Wünsche, Hoffnungen und die aktuelle Staffel Community geredet.

Die darauffolgenden Gespräche wurden länger, intensiver und regelmäßiger. Aus Stunden wurden Tage. Aus Tagen wurden Monate und ein Jahr später war sie Dauergast in seiner Wohnung. Drei Zimmer. Balkon. Induktionsherd. Sie hatte mittlerweile dort ein wenig umgeräumt, hier ein wenig dekoriert und sein Leben vollkommen umgestellt. Hatte über ihre, über seine, über die gemeinsame Zukunft geredet. Hatte ausgemalt und in die Luft geschrieben. Hatte geschwärmt und Hoffnungen gemacht. Um dann einfach zu gehen, als sie keine Worte mehr fand. Als alles gedacht, geschwärmt und gesagt war. Ein Grund hatte sie ihm nie gegeben. Nur zwei Tragetaschen mit ihren Habseligkeiten mitgenommen und ihn zurück gelassen. Gefangen zwischen dem verrückten Nachbarn und einem kaputten Kühlschrank.

Sie war genauso wie der März nach einem kalten Winter. Zu viel um eine beste Freundin zu sein, aber zu wenig für eine dauerhafte Beziehung. Eine kann aber muss nicht Person. Ein Märzchen.

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30 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wirklich sehr schön geschrieben, Kompliment!

    18.09.2015, 07:52 von Jennifer_Rother
    • 0

      Dankeschön!

      29.09.2015, 16:30 von PinkahPandah
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  • 1

    Ich war ja erst etwas "mürrisch" sozusagen, denn als Märzgeborene sowas über den März zu lesen tsss. Aber deinen Text finde ich sehr schön und eine tolle Erfindung das "Märzchen" ;-)

    17.09.2015, 17:34 von A__Weber
    • 0

      Dankesehr!

      29.09.2015, 16:30 von PinkahPandah
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  • 2

    Wirklich sehr schön geschrieben. Der vorletzte Absatz ist wirklich der schönste, weil er so greifbar ist. Wer kennt es nicht, diese Hoffnung, die man hat, wenn es endlich mal wieder klickt macht um dann wieder dazustehen, wenn "sie keine Worte mehr fand". Danke für diesen Text!

    16.09.2015, 22:59 von Rueckspiegel
    • 0

      Ich danke dir!

      29.09.2015, 16:31 von PinkahPandah
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  • 1

    Über die frischen Blaubeeren vom Markt, im März bin ich etwas gestolpert, ansonsten mag ich aber das vermittelte März-Gefühl. Hab ich gerne gelesen. 

    13.09.2015, 09:07 von helden-haft
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  • 1

    Liest sich super angenehm und ist schön geschrieben.
    Kompliment!

    31.08.2015, 14:39 von geschmack_von_sommer_auf_den_lippen
    • 0

      Dankeschön! :)

      04.09.2015, 17:24 von PinkahPandah
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  • 0

    Schade. Nach einem guten Text zum Abschluss dieses Wort "Märzchen", das respektlos verniedlichendend ist. Ich würde den letzten Absatz so fassen.

    "Sie war zu viel um eine
    beste Freundin zu sein, aber zu wenig für eine dauerhafte Beziehung.
    Eine kann aber muss nicht Person. Ein März nach einem kalten Winter."

    Entsprechend würde ich den Titel in "März, du" ädern.

    Ansonsten: Schön erzählt.

    27.08.2015, 20:02 von Songline
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Natürlich klingt es nicht falsch. Es hat jeder seinen eigenen Geschmack. Mir war hat die beschriebene Frau zu sympathisch geworden, als dass ich sie mit einem "chen" verabschiedet hätte. Das mag aber daran liegen, dass ich oft "chen" als respektlos empfinde.

      30.08.2015, 21:07 von Songline
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  • 1

    diese Verunglimpfung meines monats sagt mir so gar nicht zu... ich würde ja eher "alles kann, nichts muss" sagen

    26.08.2015, 13:02 von ein.maerzkind
    • 0

      Ich bitte das Vielmals zu verzeihen. Aber nur der März sietzt so passend im Jahr. :D

      26.08.2015, 14:56 von PinkahPandah
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  • 1

    Ab dem dritten Absatz habe ich ein Snickers gebraucht.


    Hat für mich leider nicht für mehr gereicht.

    25.08.2015, 10:25 von marco_frohberger
    • 4

      Dann treib aber bitte Sport. Ich will nicht dass das Snickers ansetzt wegen mir. ;)

      25.08.2015, 11:06 von PinkahPandah
    • 1

      süß oder suess

      28.08.2015, 15:57 von Xspellbound
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  • 1

    Geschrieben ist das ja total niedlich!

    25.08.2015, 05:53 von Tora
    • 3

      Kommentiert ist das ja total niedlich!

      25.08.2015, 11:06 von PinkahPandah
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  • 1

    ...quasi wie bei mir, nur andersherum...seufz...und plötzlich ist alles anders, nichts ist mehr wie es war. Jedes Wort was die Zukunft beschrieb, gibt es nicht mehr...und auch die Erklärung "Warum" liegt irgendwo rum, wo ich sie nicht finden oder hören kann...und ich, ich fange mit NULL an!

    24.08.2015, 19:08 von jaYmade
    • 0

      Das tut mir leid für dich. bei mir ist es zum Glück nur eine Geschichte. 

      24.08.2015, 21:36 von PinkahPandah
    • 0

      ...oh man wie peinlich. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass man sich so etwas ausdenken kann. Wie im wahren Leben....! Gut gemacht!

      Danke trotzdem!!!!

      24.08.2015, 22:36 von jaYmade
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