LivinLoud 25.06.2017, 14:49 Uhr 8 3

Love Is A Battlefield

Dieser furchtbare Dating-Trend, bei dem man versucht sich gegenseitig im Desinteresse zu überbieten um Interesse zu wecken.

Ich meine ganz ehrlich? Das letzte Mal, dass es im Dating-Game klar ging offen und verletzbar dazu zu stehen, dass man auf die andere Person neugierig ist und tatsächlich Lust verspürt Zeit mit dieser Person zu verbringen war...in der zehnten Klasse? Vielleicht?


Seit meinen frühen Zwanzigern ist mein Liebesleben eine Aneinanderreihung von Interaktionen, die immer mehr Kriegstaktik als Romantik waren. Da muss man dann planen, wie beschäftigt man erscheinen sollte, damit man noch interessant bleibt. Es werden Redaktionssitzungen abgehalten, welchen Inhalt die nächste SMS haben sollte, damit sie genau richtig egal formuliert ist, damit das Gegenüber ja nicht auf die Idee kommt, dass man auch nur über emotionales Investment nachdenken könnte.

Wir überbieten uns gegenseitig im Desinteresse. Versichern uns, dass wir alleine den meisten Spaß haben und führen über-inszenierte Instagram-Posts als Beweise an. Wir müssen dem anderen so verkaufen, dass er oder sie sich verdammt glücklich schätzen kann, wenn wir uns dazu herablassen in Kontakt zu bleiben, obwohl wir mit Matcha-Latte, Irgendwas-mit-Medien-Job und unseren ganzen attraktiven Freunden so richtig beschäftigt sind. Dann werden Stunden gezählt ab wann man a) die letzte WhatsApp auf gelesen setzen sollte und b) wie lange man danach noch am eindrucksvollsten mit der Antwort wartet. 

...Sieht eine Stunde auf gelesen lassen schon so aus, als wäre er mir eigentlich egal? Hauptsache, er denkt, ich bin eigentlich viel zu busy für ihn und tangieren tut es mich sowieso nur peripher, dass er existiert. Weil mir mal irgendwann jemand gesagt hat, dass das so funktioniert.
Weil Menschen immer nur das wollen, was sie nicht kriegen und zu früh oder überhaupt geäußertes Interesse den bindungsscheuen Großstadtneurotiker sofort in die Flucht schlägt. Dann halt so. Ohne Interessenbekundung. Dafür mit viel gegenseitig versichertem Meh.

Und das Schlimmste dabei ist, dass man sich noch nicht einmal sicher sein kann, dass diese Masche immer Masche ist, oder ob das Gegenüber tatsächlich ernsthaft kein Interesse an einem hat. Ob man in Wirklichkeit nur eine bessere Tamagotchi-App ist, wo man ab und zu mit ein zwei Likes und Nachrichten ein körperloses, digitales Wesen füttert, um zu sehen, wie lange man mit der minimalsten Anstrengung Aufmerksamkeit aufrecht erhalten kann. 

Zwischendurch gibt es dann manchmal aber auch einen völlig unerwarteten Mensch, der es schafft, einem zu sagen, dass er das neue Profilbild wunderschön findet, der sich meldet, wenn er sagt, dass er sich meldet, nette Dinge tut und sagt, dass er diese Dinge tut, weil er einen mag. Was für ein Konzept!

Man stelle sich vor, wie einfach es plötzlich wäre, wenn man sich nicht aus unerfindlichen Gründen dafür schämen müsste, jemanden toll zu finden. Wenn man einfach gerade heraus sagen könnte: Mein Dude, ganz ehrlich, mit dir kann und würde ich was anfangen und ich finde es blöd, so zu tun, als wäre das nicht so, damit du keine Angst bekommst und ich möglichst mysteriös erscheine. 

Wer weiß, vielleicht geht das ja auch bei anderen Menschen ohne Probleme, bei den süßen, blond-sportlichen Shorts-Girls und Six-Pack Armani-Modeltypen dieser Welt. Wäre interessant zu wissen. Vielleicht ist dieses ganze lange Bank-drücken ja auch nur ein Phänomen, dass so solide 5-einhalb-er, 5-Kilo-zu-viel-Haber, mäßig attraktive Mittelmenschen erleben. Da fehlt mir der Vergleich. 

Es kann sich halt nicht jeder auf mit guten Genen geschenktes, eingebautes Interesse verlassen. Die meisten von uns müssen sich mit penibler Selbst-Inszenierung selbiges erschleichen und hoffen, dass das Gegenüber zumindest so neugierig ist, dass es lange genug bleibt um hinter der ganzen Fassade so viel wahren Charakter zu entdecken, dass beide zumindest dann wissen, mit wem sie es wirklich zu tun haben. Das dauert nur meistens zu lange.

Und ich bin ja schon sehr geduldig. Wirklich, ich bin voll entspannt. Ich mach mir jetzt 'nen Tee UND DANN WERF ICH MEIN HANDY VOM BALKON, VERDAMMTE DRECKSKACKE!

Ich weiß auch nicht, wann sich das so entwickelt hat oder ob es vielleicht doch schon immer so war. Ich weiß nur, mich bockt das nicht so. Aber naja. Es ist wie es ist. Alles easy. Kommst du heut nicht, kommst du halt morgen. Vielleicht. Oder vielleicht bin dann auch raus, Bro. 

Aber wahrscheinlich nur solange, bis das Display zum nächsten mal aufleuchtet.

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8 Antworten

Kommentare

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    Kannst auch alleine kommen. Schon probiert?

    18.08.2017, 12:24 von quatzat
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    Das kommt davon, wenn man zuviel über die Motive anderer Leute spekuliert und sich zuwenig mit sich selbst beschäftigen möchte...

    18.08.2017, 11:11 von sailor
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    genaugenommen ist Unsicherheit ergo Angst ,Unwissenheit ergo Dummheit/Ignoranz der natürliche Lebensraum für 'Battlefields' im weitesten Sinne.


    Liebe, als Hinsehen, Ansehen, Wahrnehmen, vorallem zu dem was wirklich ist, in sich selbst (und erst dann zu andern), kämpft eigentlich nur, wenn wirklich etwas existenzielles bedroht ist. 

    Da sich stattdessen eher an alle möglichen Hirngespinster, Ablenkungen, Denk- und GefühlsTrends, Ideologien, Illusionen geklammert wird, steigen die Möglichkeiten (s)ich bedroht zu sehen, weil man sich damit identifiziert, ins gigantische. 

    Nicht alles, dem man begegnet, hat eine Bedeutung. Aber alles, was bedeutend berührt (ob fasziniert oder frustriert) begegnet sich (einem Teil seiner) selbst. 

    30.06.2017, 00:51 von schauby
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  • 0

    Gefällt mir sehr gut und entspricht wirklich der Wahrheit, leider.

    28.06.2017, 08:56 von NicHe
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      Was immer „Wahrheit« auch bedeuten mag...

      18.08.2017, 11:09 von sailor
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      Das liegt im Afde des Bestimmers.

      18.08.2017, 12:21 von quatzat
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      Afde?
      Und dann erklärt mir wose...!

      18.08.2017, 12:24 von sailor
    • 0

      Stimmt :-)

      18.08.2017, 14:05 von NicHe
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