Etikettenschwindel 23.12.2014, 16:38 Uhr 2 1

Loslassen

In unserer Beziehung laufen wir immer öfter an Abgründen entlang. Springen von Klippe zu Klippe. Doch das kalte Wasser wirkt anziehender denn je.

Was ich dir sagen wollte, wofür ich aber gerade im Schlaf erst die richtigen Worte für gefunden habe. 

Bettina würde sich freuen, wenn du und ich heiraten würden. 
Aber sie kennt uns nicht. Sie kennt diese Beziehung nicht. Nicht ihre tiefen, hässlichen Narben. Sie kann nicht einschätzen, wie viel Kraft es uns kostet, jeden Tag in den Spiegel zu schauen und sie zu übersehen. Sie weiß nichts von deinem Betrug, zu dem du nicht gestanden hast und mein Misstrauen, das ich nicht abwerfen kann. Nichts von deiner Feigheit. Nichts von deinem Drang, dir von anderen Frauen Bestätigung zu holen, mich immer mal wieder zu hinterhergehen- irgendwie. Nichts von meiner lästigen Eifersucht. Sie kann nicht ahnen, dass ich die ewig nörgelnde Freundin geworden bin, die ich nie sein wollte und hasse. Dass du mich nervig findest, bevor ich was sage- so wie ehemalige Freunde, denen man überdrüssig ist, Sie weiß nicht, dass wir kaum miteinander reden, manchmal nur das Nötigste. Einsilbig. Ohne Details. Lustlos und uns dann wundern, warum wir als letzte vom Leben des Anderen erfahren. Sie kann sich nicht vorstellen, dass wir so lieblos, so kühl miteinander umgehen, dass uns niemand draußen für ein Paar halten würde- hätten wir kein Kind bei uns. Sie weiß nicht, dass wir keinen Sex haben. Dass wir auch dann keinen Sex haben, wenn wir mal alle Jubeljahre Sex haben. Denn was wir haben, ist etwas, was wir tun aus Höflichkeit dem anderen gegenüber. Für die Statistik. Er ist ein Kompromiss. Lustlos und vollkommen unbefriedigend. Nicht nur weil er 08/15 ist. Er ist nicht mal 08/15, denn etwas, was so ist, müsste man ja wenigstens beherrschen, gut drin sein. Doch das sind wir nicht. Deswegen ist er nicht gut. Wird er auch nicht mehr sein. Weil ich zu vielem nicht bereit bin. Weil du zu vielem nicht bereit bist. Sie weiß nicht, dass wir zwei nie im Bett liegen, uns angucken und uns was erzählen. Arm in Arm. Oder zumindest dein Arm auf meinem Bauch. Oder umgekehrt. Dass wir "diese Momente" nicht haben. Sie weiß nicht, dass ich lange versucht habe in Köln für uns ein Zuhause zu schaffen und du das immer wieder sabotierst und an jedem freien Tag nach Münster fährst. Dass du Heimat und Zuhause nicht trennen kannst und mich das unglücklich macht. Sie kann sich nicht denken, dass wir seit Jahren nichts liebes mehr zueinander sagen. Und dass du mir noch nie aus einem Impuls heraus "Ich liebe dich" gesagt hast, und ich mich nicht mehr daran erinnere, wie es sich anfühlte, als ich es dir früher gesagt habe. Sie weiß nicht, dass ich mich von dir runtergezogen fühle. Dass ich dich jammernd, antriebslos und stur finde und nicht reflektiert. Sie weiß nicht, dass wir viel streiten. Richtig verletzend. Ohne Regeln. Sogar im Krieg gibts Regeln- nur bei uns nicht. Wir treffen den anderem in seinem Knochenmark. Zerquetschen die Eingeweide. Das Herz ist beschädigt, aber es pumpt irgendwie noch. Sie ahnt nicht, dass wir nichts gemein haben. Kein Hobby oder so. Und jetzt nicht mal mehr eine Serie. Sie weiß nicht, dass ich abends früh ins Schlafzimmer gehe, damit ich mir dieses Elend nicht antun muss- das "Nebeneinanderherleben" und dass ich damit alles nur noch schlimmer mache. Sie weiß nicht, dass wir uns in einem Teufelskreis bewegen. Dass ich dir früher schon oft gesagt habe, was bei uns aus meiner Sicht nicht stimmt- in der Hoffnung, dass du dich änderst und auf mich zukommst. Stattdessen habe ich mit meinen Worten nur erreicht, dass du verunsichert warst und dich noch mehr entfernt hast. Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich in all den Jahren keinen Antrag bekommen habe. Ich habe es mir so oft gewünscht-auch für die Beziehung, dich für den richtigen gehalten, gewartet bis du auch so fühlst wie ich, gehofft, dass du fragst. Ich habe so viele richtige Zeitpunkte vorbeiziehen sehen. Sie sind jetzt alle so weit weg. Bettina findet wir könnten heiraten, aber sie kennt unsere Geschichte nicht. Sie sieht bloß ein bisschen die Gegenwart und denkt die reiche für eine Zukunft. Tut sie nicht, die Gegenwart, weil sie eine Vergangenheit hat. Sie weiß nicht, dass wir im Moment damit beschäftigt sind, die Beziehung zu retten. Bis zum nächsten Tag. Immer bis zum nächsten Tag. Kleine Ziele können wir uns vornehmen. Damit nicht Schluss ist. Sie weiß nicht, dass wir so häufig kurz davorstehen. Dass wir Meister da drin geworden sind, an Abgründen zu laufen, von Klippe zu Klippe zu springen. Dass das kalte Wasser befreiend sein könnte- wir uns aber nicht getraut haben, loszulassen. Uns loszulassen. Zumindest unsere Körper nicht. Die balancieren noch. Doch es ist anstrengend und das Wasser anziehender denn je. Aber das weiß Bettina nicht. 


Tags: Beziehung ende liebe tut weh schmerzhaft schluss
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2 Antworten

Kommentare

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    Sehr mitfühlend geschrieben.
    Ich wünsche alles Gute, wie auch immer es mit euch weitergehen wird.

    25.12.2014, 11:28 von -Maybellene-
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    Gut reflektiert und dargestellt. Ich frage mich nur, warum man so eine Beziehung aufrecht erhält. Wäre ich die Erzählerin, ich würde es beenden. Auch dem Kind zuliebe, das in diesen Eltern in punkto Liebe ein schlechtes Vorbild hat.

    24.12.2014, 07:41 von Songline
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