JanevonTarzan 30.11.-0001, 00:00 Uhr 38 67

Locker-Easy

Wie man jetzt nicht mehr so viel fühlen darf.

“Att sluta att prata helt känns inte så skönt heller.” Dieser Satz ist der Versuch, meine aktuelle Gefühlslage in Google translate zu übersetzen. Seinen ursprünglichen Empfänger hat der Satz nie erreicht, dabei war ich so nah dran, grübelnd mit geöffnetem Chatfenster, betrunken um 2 Uhr nachts. Klischeehaft saß ich auf dem Fußboden, lauschte einer traurigen Männerstimme mit Gitarre über die Liebe singen und fragte mich, wie ich denn jetzt schon wieder hier gelandet bin.

Single sein, jemanden kennenlernen, Zeit miteinander verbringen, sich verstehen. Oh wie schön es ist, aber man darf sich bloß nicht ausruhen, denn, das weiß ich ja mittlerweile, irgendwann kommt der Haken. In meinem Fall meistens angekündigt von vorhergehenden Spannungen, einer Einladung zum klärenden Kaffeegespräch und einem kleinen Satz bestehend aus Wörtern, die ich der nächsten Person, die sie mir gefühlvoll und mit tiefem es-liegt-nicht-an-dir-Blick entgegenbringt wohl gleich wieder vor die Füße kotzen werde:  “Ich mag dich, aber ich will gerade nichts ernstes.”

Aber was genau bedeutet denn dieses ernst? Wenn meine Oma sich den Oberschenkelhals bricht und deshalb 8 Wochen nicht zum Powerwalken gehen kann, dann finde ich das mittelernst. Wenn die Türsteher in meiner Wahlheimat bestimmten Bevölkerungsgruppen prinzipiell den Eintritt ins Nachtleben verwehren, dann finde ich das ziemlich ernst. Aber wie ernst sind Gefühle? Wie ernst ist es, wenn eine Seite denkt, die andere Seite könnte zu viel wollen, oder fordern, oder fühlen.

Bis es zu diesem Punkt kommt dauert es bei mir meist 4-6 Wochen, in denen ich so tue, als wäre ich von der ganz lässigen Sorte. Als würden Nachrichten in keinster Weise meinen Tag beeinflussen, als würde ich mich meine Woche nicht schon am vorherigen Sonntag planen. Weil ich mir so viel Mühe mit dem entspannt tun gebe, wächst in mir die Unzufriedenheit. Es wird verlangt, auf Abruf bereit zu sein, die eigenen persönlichen Abgründe niederzulegen, aber dass man dann bloß am nächsten Morgen nicht zu viel Nettigkeit erwartet. Das ist schließlich Teil des Versicherns, dass sich der Beziehungsstatus in absehbarer Zeit nicht ändern wird.

Aber genau hier liegt mein Problem, in einer Beziehung ist man nämlich von dem Moment an, in dem man miteinander kommuniziert. In einer Zwischenmenschlichen, an die ich nunmal gewisse Ansprueche der Nettigkeit stelle. Wieso kann ich nicht erwarten, dass jemand, der mit mir schläft, nicht mindestens so nett zu mir ist, wie zu seinen Freunden? Wenn ich diese Art von Gedanken dann zum ersten Mal laut ausspreche werde ich meist rot und habe eine zittrige Stimme und sehe plötzlich gar nicht mehr so cool aus.

Wir sind schnellebig und rastlos und so scheint eine Beziehung häufig, wie der unerwünschte Anker, der das Schiff in einem Hafen festhalten könnte, den man eigentlich beim nächsten Morgengrauen verlassen wollte. Deshalb bloß nicht zu ernst, bloß nur solche Seemannsknoten machen, die mit einem Ruck wieder zu lösen sind. Bloß nicht zu sehr kennenlernen und bloß nicht verlieren. Man will ja schließlich unabhängig sein. Was man aber vor allem wird ist stumpf. Man lässt Verbindungen zwischen Menschen vorbeiziehen, weil man über das Ende nachdenkt und über Sinn. Man versäumt, sich kennenzulernen und man versäumt, zu mögen. 

Ich für meinen Teil musste vor einem Monat erklären, dass ich “too much care”. Dass ich versuchen würde, dass mir alles weniger ausmacht. Noch während ich die Worte aussprach aber merkte ich, dass das nicht stimmt. Menschen in meinem näheren Umfeld sind mir wichtig und das lasse ich sie spüren, und da spielt es erstmal keine Rolle, ob ich Nachts das Bett mit einer dieser Personen teile oder nicht. Ich will mir nicht Gedanken darüber machen, ob es nun “zu nett” war für jemanden gekocht zu haben und ob ich die andere Person damit überfordere.

Letztlich ist es immer so: wenn die andere Person nicht so recht will, beraubt mich das der Fähigkeit, klare Gedanken darüber zu fassen, ob ich denn überhaupt will. Ich denke nicht mehr rational, sondern bin gefangen in einer Spirale, die aus sehr viel wollen und versuchen und ganz wenig zurückbekommen besteht. Und so gehe ich von der einen verletzenden Situation zur nächsten, lasse mir von meinen Freundinnen sagen, dass ich jemanden verdient habe, der mich kennenlernen will und hoffe, dass irgendwann jemand kommt, der die Tatsache dass ich ihn mag nicht als Problem sieht, sondern als Kompliment.


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38 Antworten

Kommentare

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    Wie war das.. sobald wir eine Beziehung eingehen stellen wir Erwartungen - und unser Problem kommt erst dann, wenn die Erwartung nicht erfüllt wird. Sehr schön geschrieben und auf den Punkt gebracht. Erinnert mich übrigens irgendwie an Er steht einfach nicht auf Dich ;D

    17.02.2016, 19:53 von cupid.S
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    "Wieso kann ich nicht erwarten, dass jemand, der mit mir schläft, nicht mindestens so nett zu mir ist, wie zu seinen Freunden?"


    Weil "nett" die kleine Schwester von Scheiße ist. Und die wenigsten Frauen mögen "nette Jungs".

    17.02.2016, 16:24 von Hattori-Hanzo
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    Ich verstehe das Gefühl so gut! Danke für diese wundervoll formulierten Worte :-)


    12.02.2016, 13:03 von VickyLotta
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    Also, ich würde Dich definitiv kennenlernen wollen!!! ;-)

    08.02.2016, 15:15 von HansDietrich
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    Ich frage mich seit Jahren, wie man sich einen Menschen 'verdient'...

    01.02.2016, 15:43 von sailor
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      Finnizismen...?

      01.02.2016, 17:00 von sailor
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      Schwedizid...

      01.02.2016, 17:01 von sailor
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      Skål...

      02.02.2016, 08:52 von sailor
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    Nur Abstand und Perspektive wechseln kann zu einem einigermaßen rationalen Denkansatz führen..

    01.02.2016, 13:57 von DieLatte
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  • 0

    to much gekehrt

    28.01.2016, 22:38 von libido
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  • 1

    Der letzte Absatz ist wohl entscheidend und daran wird sich die Zukunft gestalten...

    27.01.2016, 22:04 von Gluecksaktivistin
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      Es ist eine Frage der Wahl, welche Typen such ich mir denn aus, in wen verliebe ich mich?
      Wenn sich Ablehnungen und Enttäuschungen chronisch wiederholen, dann kann es nicht nur am Ablehnenden liegen, sondern man muss sich selbst mal hinterfragen, warum man sich solche Typen aussucht...

      17.02.2016, 21:07 von Gluecksaktivistin
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    • 0

      Aber man kann ja dann ne Notbremse ziehen, wenn man merkt man fühlt sich nicht wohl, bekommt zu wenig zurück oder es passt halt nicht.

      17.02.2016, 22:39 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    Bin irgendwie über ein paar Formulierungen gestolpert (zb ''Regeln an etwas stellen''). Das Thema allerdings schön gewählt, lässt sich nachfühlen.  

    27.01.2016, 15:12 von kawusch
    • 0

      Vielen Dank fuer den Hinweis, vor lauter Schreibwut versagt meine Rechtschreibung ab und an.

      27.01.2016, 16:10 von JanevonTarzan
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  • 2

    Ich schätze, das Problem ist nicht, dass Du jemanden magst, sondern dass Du für deine Nettigkeiten und auch deine Gefühle eine Gegenleistung forderst.

    Allein die Tatsache, dass Du jemanden magst und ihm gern Nettigkeiten entgegen bringst, wird niemand als Problem sehen, sondern als Kompliment.

    27.01.2016, 11:24 von Zouanne
    • 0

      word

      28.01.2016, 20:32 von Matze.Matratze
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