macaveli 30.04.2010, 02:13 Uhr 3 8

Lisa am Horizont

Es ist später Herbst, eigentlich schon fast Winter.

Um meinem Haus steht ein Gerüst, auf diesem Gerüst stehe ich und schaue über den Hof in den Herbsthorizont. Er ist grau. So grau wie ich mich fühle. Ich habe mir angewöhnt hier draußen zu rauchen. So lange das Gerüst steht geht das wohl noch. Danach werde ich mir etwas anderes überlegen. Mir gefällt dieser Horizont, kaum vorstellbar, dass hinter all den Wolken und über all der kalten Luft klare, helle, warme Sonnenstrahlen sind. Aber danach ist mir auch nicht zumute. Es ist dieses Grau in Grau, dieses nicht hell, nicht dunkel, das mir gerade gefällt.

Irgendwie spiegelt dieser Horizont mich selbst wieder. Mal wieder bin ich Gedanken in der Vergangenheit. Heute habe ich eine Frau kennengelernt. Sie gefällt mir, sie ist süß, intelligent und steht mit beiden Beinen im Leben. Doch es ist immer das Selbe. Lerne ich eine Frau kennen, kommen unweigerlich diese Gedanken. Nicht gleich, nie in dem Moment. Immer erst wenn es anfängt zu dämmern. In Momenten wie Diesem. Wenn alles um mich herum grau scheint, das Licht abnimmt. Dann beginne auch ich mich grau zu fühlen. Ich kann mir nicht ausmalen wie ich gerade wirken muss. Nur ein Schatten meiner Selbst.
Wenn diese Gedanken kommen, dann denke ich zurück. Das mache ich aktiv. Die Gedanken hingegen kommen sehr passiv, unterschwellig, nicht herbeigerufen, außer vielleicht von meinem Unterbewusstsein. Ich denke Zurück, an die Zeit vor 9 Jahren. Unvorstellbar auch, dass es bald ein Jahrzehnt her ist. Unvorstellbar was sich in der Zeit alles verändert hat. Unvorstellbar, wie sehr ich mich verändert habe. Dennoch, ich stehe hier draußen, auf diesem wackeligen Gerüst, rauche und denke an die Zeit in der alles gut war. Ich lasse einen Zeitraum von über fünf Jahren in meinem Kopf Revue passieren. Ich denke nur an die guten Zeiten. Die Zeit, in der ich Ihr zusammen wahr. Der grauen Eminenz in meinem Leben. Ein Schatten der mich verfolgt. Bis heute. Bis in eine Zeit, in der ich mein Leben auf den Kopf gestellt habe, ich Veränderungen herbeigeführt, nein sogar forciert habe, in der ich mich ganz bewusst verändert und ganz unbewusst weiterentwickelt habe und doch lässt es mich nicht los.

Ich weiß inzwischen, dass ich noch fähig bin zu lieben und mich zu verlieben. All dies habe ich getan. Seitdem Demoiselle Gris weg ist. Und doch liegt ein Schatten auf mir. Immer sobald ich eine neue Frau kennenlerne. Seit nunmehr drei Jahren. Es waren lange drei Jahre. Drei Jahre in denen ich weggelaufen, widergekehrt und umgekehrt bin. Drei Jahre in denen ich gelernt habe Sie als einen Teil von mir zu akzeptieren und ich denen ich lernte, dass Sie immer ein Teil von mir sein wird.
Doch trotz all dem Gelernten, all der Veränderung, all der Akzeptanz stehe ich hier draußen auf dem Gerüst und wünsche sie mir zurück, obwohl ich weiß, dass ich nicht die heutige Demoiselle Gris liebe, das auch sie sich verändert haben wird. Das Sie nicht mehr die ist, die ich liebte. Also was will ich eigentlich zurück?

Ich rauche inzwischen meine dritte Zigarette, fülle meine Lungen mit Rauch und puste ihn der Welt entgegen. Das Licht um mich herum entschwindet. Meine Gedanken bleiben. Hier draußen bin ich ich, so verletzlich und verwirrt wie ich nur sein kann. Mir gefällt diese neue Frau und mir gefällt mein Leben. Ich kämpfe gegen meine Gedanken an. Ich kämpfe einen Kampf gegen meine Vergangenheit. Doch kann man diesen Kampf überhaupt gewinnen? Eine SMS ruft mich ins Leben zurück. "Hey Frank, komm rüber in Zweifall, warte dort!" schreibt mir Tom. Die grübeleien haben ein Ende. Ich steige durchs Fenster zurück in meine Wohnung. Im Zweifall kehre ich ein, wie in mein Wohnzimmer. Tom sitzt dort und grinst mir neckisch zu. Wie ich wohl gerade auf ihn wirken muss? Zehn minuten Fußweg liegen zwischen meiner Wohnung und dem Zweifall. Zehn Minuten in denen ich die Gedanken nicht verdrängen konnte, die ich schon seit Jahren versuche zumindest an den Rand meines Bewusstseins zu verbannen, an einen Ort in mir, an dem ich sie nicht wahr nehme.
Tom merkt, das mal wieder etwas nicht mit mir stimmt. Spricht mich aber Gott sei Dank nicht darauf an, sondern bestellt mir ein Becks. Es ist mein Lieblingsbier und trotzdem schmeckt es mir heute nicht. Das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass die Traditionsbrauerei aus dem Norden innerhalb der letzten zwei Wochen das brauen verlernt hat, sondern an meiner Stimmung. Ich habe gelernt, meine Gedanken, Sorgen und meine Traurigkeit nicht in Alkohol zu ertränken. Alkohol ist für mich ein Gefühlsverstärker. Bin ich melancholisch, werde ich dadurch nur noch melancholischer. Bin ich glücklich oder fröhlich, so macht mich ein gutes Bier noch glücklicher.

Aber was ist schon Glück? Glück ist nichts als ein Moment. Zufriedenheit die wahre Glückseeligkeit. Ich bestell mir einen Kaffee, schwarz wie meine Seele und bitter wie das Leben. Tom weiß was die Stunde geschlagen hat. Eigentlich wollte er hier fröhlich mit mir zusammen sitzen, quatschen, quatsch machen und wie immer neue Leute kennenlernen. Doch heute verzichtet er darauf, während ich die hälfte meines Kaffees trinke, leert er sein Bier und meins auch gleich. Packt unsere Jacken bezahlt und zieht mich aus dem Laden.
"Frank, ich weiß was mit dir los ist. Ich kenne das bereits von dir, ich hab da keinen Bock drauf. Nicht heute und in Zukunft auch nicht mehr!". Wow, das ist mal eine klare Ansage. Tom zieht mich weiter, "wir gehen spazieren". Während ich so neben ihm her laufe baut sich Wut in mir auf. Wie kann er nur so ignorant sein. Wie kann er mir das an den Kopf werfen. Da hätte er mir genauso gut einen Schlag auf die kurze Rippe geben - nicht dass er das nicht schonmal getan hätte. Eine Stunde lang wandern wir durch die Straßenschluchten unserer Stadt. Eine Stunde lang schweigen wir. Dann kommen wir wieder vor dem Zweifall an. Ich habe nicht gemerkt, dass wir im Kreis gelaufen sind.
Tom grinst mich wieder so neckisch an. "Na sauer auf mich?", ich falle aus meinen Gedanken. "Ähm, äh, ja" stotter ich verwirrt. "Sehr gut, dann habe ich was ich wollte, einen Frank frei von Ihr deren Name nicht genannt werden darf". - Diesen Namen hat er ihr lange nach der Trennung gegeben- "Nun lass uns wieder rein gehen und ein Bier trinken". So einfach ist das also. Tom bestellt mir ein Becks, sich unser einheimisches Bier. Das Bier schmeckt mir köstlich. Es wird ein guter Abend. Ich denke nur noch sehr wenig an Demoiselle Gris, Tom merkt davon nichts mehr und ich habe sogar Spaß.
In den nächsten Tagen reiße ich mich zusammen. Treffe mich hin und wieder mit Lisa. Der Frau die ich gerade kennengelernt habe. Sie gefällt mir immer besser. Abends ist es immernoch ein Trauerspiel. Zu allem Überfluss wurde angekündigt, dass das Gerüst, mein Gerüst, abgebaut werden soll. Allerdings kommen die Gedanken nicht mehr in kausalität mit Lisa. Wir gehen Kaffee trinken. Ins Kino. An der Kinokasse streiten wir uns, weil sie in nen Actionfilm möchte, ich in die Romantikkomödie. Verkehrte Welt. Wir gehen zusammen ins Zweifall. Natürlich ist Tom da. Als er mich mit Lisa sieht bekomme ich nicht nur ein neckisches Grinsen sondern auch ein verschmitztes Zwinkern. An diesem Abend denke ich nicht an Demoiselle Gris. In der Nacht als sich Lisa und ich uns verabschieden, wander ich mal nicht benommen heim. In meiner Wohnung warten keine Schatten auf mich. Stattdessen nehme ich mein Handy heraus und wünsche Lisa per SMS nochmal eine gute Nacht und lege mich mit einem gutem Gefühl schlafen ohne zu wissen was mich am nächsten Tag erwartet.
Als ich wieder zu mir komme ist noch alles gut, sehr gut sogar, ich fühle mich frisch, was ungewöhnlich ist, wenn man unter der Woche Nachts um zwei aus der Kneipe kommt, Lisa eine halbe Stunde zu Fuß heim bringt und dann feststellt, dass sie in der entgegengesetzten Richtung vom Zweifall wohnt und man also mindestens vierzig Minuten bis zu Hause braucht und man um sechs Uhr wieder aufstehen muss. Wie auch immer, ich fühle mich frisch. Mache mich fertig und fahre zur Arbeit.
Als ich heim komme regnet es. Vom Auto bis zur Haustür bin ich kletschnass. Oben angekommen friere ich. Als ich die Tür öffne wird es gefühlt nochmal zwei Grad kühler. Die Schatten sind wieder da und sie fallen mich an. An diesem Abend bin ich zu nichts in der Lage. Eigentlich hätte ich mit Tom und noch ein paar Freunden essen gehen sollen. Ich sage nichtmal ab. Ich gehe nicht ans Telefon, reagiere nicht auf SMS, weder bei Tom, noch bei Lisa. Ich sitze zwei Stunden nur so da, in meinem Sessel im Flur, am Fenster zum Gerüst und bin wieder voll und ganz von Demoiselle Gris gefangen. Sogar meine nassen Klamotten habe ich noch an. Irgendwann schlafe ich genau so wie ich dort sitze ein. Ich weiß nicht mehr wann das war. Die Nacht war schon schwarz und meine Gedanken nicht mehr sortierbar. An diesem Abend bin ich nicht mehr aus dem Sessel aufgestanden. Habe weder getrunken noch gegessen. Nichtmal meine innere Uhr weckt mich in den neuen Tag.
Als ich aufwache und realisiere, dass es bereits hell draußen ist, sogar die Sonne scheint gerate ich in Panik. Meine Kleidung ist nicht mehr nass. Meine Panik treibt mich an. In Rekordgeschwindigkeit dusche ich, putze mir die Zähne und ziehe mir frische Kleidung an, hechte runter zum Auto, starte den Motor und schaue wie immer bevor ich los fahre kurz auf das Display mit der Uhr. Es ist Samstag. All die Panik umsonst. Aber gut, wenn ich nun schonmal hier bin, im Wagen sitze und der Motor sogar schon läuft, dann kann ich auch einen Kaffee trinken gehen und wie mir mein Magen signalisiert auch etwas essen. Ich fahre in ein kleine Café, eine Fahrt die eigentlich nicht lohnt, da es nicht so weit ist. Ich bestelle an der Theke und suche mir einen Tisch. Ich bin alleine in dem Café, trotzdem brauch die Bedienung gefühlte Ewigkeiten mir meine zwei Brötchen und meinen Kaffee zu bringen. Ich zücke mein Handy und stelle mit Erschrecken fest, dass ich achtunddreißig Anrufe in Abwesenheit und zwölf SMS habe. Die Anrufe sind nicht nur von Tom und Lisa sondern auch von meinen Eltern. Die SMS teilen sich mit sieben von Tom wo "Wo bleibst du Arsch wir haben hunger" noch die Freundlichste ist, vier sind von Lisa, sie fragt was ich mache, dann fragt sie warum ich nicht antworte, in der letzten schreibt sie, das sie das jetzt ziemlich doof von mir findet. Die zwölfte SMS ist von meiner Mama "Junge, was ist los bei dir? Wir machen uns Sorgen". Mit "wir" schließt sie Tom mit ein. Der Arsch macht sich also doch Sorgen.

Ich schreibe allen zurück. Entschuldige mich. Lisa schreibe ich, dass ich sie heute noch sehen möchte. Ich trinke meinen Kaffee und überforder die Bedienung komplett, als ich mit den beiden Brötchen wieder zurück zur Theke gehe und sie mir einpacken lassen möchte. Ich habe das dringende Bedürfnis wieder heim zu spazieren. Den Wagen lasse ich am Café stehen.
In meiner Wohnung warten keine Schatten auf mich. Die Wohnung ist hell und freundlich. Ich setze mir Tee auf, genieße meine Brötchen und lege mich nochmal schlafen. Als ich einigen Stunden später aufwache habe ich wieder drei SMS, Tom schreibt nur "Arschloch". Er freut sich also, dass ich noch lebe. Meine Mami schreibt, dass ich mit meinen Sorgen immer zu ihr kommen könnte. Lisa ist froh, dass ich wohl aufgewacht bin und dass ich sie sehen möchte. Nach einer zweiten Dusche an diesem Tag fahre ich zu ihr.
Was jetzt kommt ist nicht einfach für mich. Irgendwie will ich ihr alles erklären. Ohne ihr vor den Kopf zu stoßen. Ich will sie nicht verlieren. Auch wenn ich sie eigentlich noch gar nicht habe. Ich klingel und bekomme kalte Hände. Als sie mir öffnet, lächelt sie mich so wunderbar an, dass mir ganz warm wird. Fast lege ich meinen Plan ad acta. Ich will ihr nicht von meinem Problem erzählen. Sie bittet mich rein und macht mir Tee. Ich setze mich an den Küchentisch. Als sie mir meine Tasse hinstellt, sind meine Hände wieder kalt. Sie setzt sich mir gegenüber. Ich lege meine Hände um die Tasse und führe sie zum Mund, so als wollte ich den Tee zum abkühlen anpusten. Über den Tassenrand hinweg schaue ich Lisa in ihre strahlenden Augen. Sie freut sich ehrlich, dass ich da bin.

"Lisa, ich muss dir etwas erzählen über mich..." beginne ich. Ihr strahlen trübt sich. Ich erzähle ihr alles. Alles über Demoiselle Gris - auch sie kommt schnell auf die Bezeichnung "sie dessen Name nicht genannt werden darf" - wie es mir seit dem Danach erging. Ich erzähle ihr von meinen Gedanken und ich erzähle ihr was gestern wirklich war. Am Ende erzähle ich ihr, dass es mir seitdem ich sie kenne immer besser damit geht. Das ich wieder Farbe bekomme. Zum Ende haben wir beide Tränen in den Augen. Als ich sage, dass ich fertig bin mit meiner Geschichte, beugt sie sich über ihren Tisch zu mir rüber und küsst mich, zum ersten mal. In diesem Moment geht ein zweites Mal für mich an diesem Tag die Sonne auf.
Ein halbes Jahr später, es ist Frühling, steht mein Gerüst ums Haus immernoch. Es ist ein Samstag morgen und alles ist grün. Ich stehe mit einer Tasse Tee auf meinem Gerüst, ohne Zigarette, als es neben mir poltert. Lisa kommt zu mir auf das Gerüst und stellt sich zu mir und fragt "bist du dir sicher, dass diesen Ausblick aufgeben willst?". Wir haben meine Schatten besiegt. Heute ziehen wir zusammen. In der neuen Wohnung brauche ich kein Gerüst. Dort gibt es keine Schatten. Und wenn doch, habe ich dort einen Balkon und Lisa.

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3 Antworten

Kommentare

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    Gefällt...
    Aber vielleicht schaust du nochmal über die Rechtschreibung?

    10.05.2010, 10:10 von Stefania2703
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    Ankika sagt es. Haste fein gemacht.

    Beste Stelle:
    Tom schreibt nur "Arschloch". Er freut sich also, dass ich noch lebe.
    Fettes Grinsen. =)

    03.05.2010, 15:58 von Steifschulz
    • 0

      @Steifschulz ja der steif hat recht, da musst ich auch schmunzeln

      06.05.2010, 14:34 von Ankika
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    ohh...ich mags lesen. mag den ausgang, mag das es besser ist.
    ich bin nicht gut in solcher kritik, aber ich mags. besonders die stelle in der nichts mehr geht. les ich gern.
    haste fein gemacht

    30.04.2010, 16:12 von Ankika
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