FrauSettergren 30.11.-0001, 00:00 Uhr 35 20

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Seine Akademiker-Freunde langweilen sie. Was sie erzählen, ist uninteressant und bei den wenigen Lachern muss sie passen, weil sie kein Teil der Clique ist.

Gelangweilt sitzt sie mit seinen Freunden auf einer harten Holzbank, Spritz trinkend. Ihr ist heiß und sie fragt sich, ob der Schweiß, der sich in kleinen Tropfen ihre Wirbelsäule runter rollen lässt, ihrem blauen Kleid ein neues Muster gibt. Kittel hat er das Kleid genannt. Sie würde zur Toilette gehen später und seine perfekten Freunde würden anfangen, laut zu lachen. Auf ihren Rücken zeigen und sie über die Schweissflecken informieren. Sie beobachtet ihn, wie er da sitzt, umgeben von seinen Freunden und sie findet ihn das erste Mal nicht gut. Er ist immer noch er. Hat immer noch diese blauen Augen, die sie anbetet, hat immer noch die schönen Hände und immer noch dieses angedeutete Lächeln, das in seinem linken Mundwinkel sitzt.

Es war ein schwieriger Anfang heute. Sie war sauer auf ihn und hat das erste Mal, seitdem sie sich kennen, wütend auf ihn eingeredet. Er ertrug es, blickte ihr warm in die Augen und obwohl sie Anzeichen von Trotz finden wollte, fand sie keine. Er reagierte so, wie sie es gern hatte, und sie vergass nach dem befreienden Monolog ihren Ärger. Sie küsste gerade seinen Unterarm als sie kamen. Die Zerstörer der Stimmung, des Moments.

Seine Akademiker-Freunde langweilen sie. Was sie erzählen, ist uninteressant und bei den wenigen Lachern muss sie passen, weil sie kein Teil der Clique ist. Weil sie die Insider-Pointen nicht versteht. Nie verstehen wird. Eine fast nicht zu spürende Arroganz vermischt sich mit der schwülen Sommerluft und wird für sie zu einer unerträglichen Hitze. Sie schenkt ihm sekundenlange Blicke, die verzweifelt rufen: Hilf mir doch. Bitte lass uns gehen. Jetzt. Bitte bestell keine zweite Runde.

"Jennie ist ja schon schrecklich, aber Jennifer... Geht gar nicht!" hört sie die Journalistin von gegenüber sagen. Ihre Freundin, die Kinderärztin, lacht und schenkt ihr einen bedeutsamen Blick. Sie will aufstehen, will dabei sagen, wie unpassend ihre eindeutigen, wortlosen Blicke sind. Als wäre sie nicht anwesend, als wäre sie zu dumm, sie zu bemerken. Doch die Angst vor Schweißflecken, die überhaupt nicht da sind, ist zu groß, also bleibt sie sitzen.

Driftet mit ihren Gedanken ab, träumt Ausgänge in die Luft, in den Boden. Er bemerkt es, spricht sie an, liebevoll. Ach ich bin nur müde, sagt sie, bemüht zu lächeln. Ich auch, sagt er. Sie stehen auf, gehen in das Restaurant, um zu bezahlen. Sie müssen warten und während er nebenbei im Stehen in einer Zeitung blättert und sie immer wieder anschaut, merkt sie, dass er gar nicht in diesen Kreis passt. Sie hat ihn anders eingeschätzt. Was ist los, Jennie? Fragt er sie. Sie will ihm sagen, was los ist, jetzt in diesem Restaurant. Will ihm sagen, wie unwohl sie sich fühlt, will ihm beschreiben, was er alles nicht bemerkt hat. Sie will ihn umarmen und er soll ihren Kopf streicheln. Sie fühlt sich plötzlich wie der einsamste Mensch auf der Welt. Wortlos gedemütigt sich selbst überlassen. Sie macht einen Schritt auf ihn zu. Will gerade mit der Hand durch sein Haar fahren, als er sagt: Meine Freunde denken übrigens, es ist vorbei mit uns.

Sie zuckt unbemerkt zusammen. Ah. Sagt sie, erschrocken und bemüht, es nicht zu zeigen. Ja, ist es ja auch, antwortet sie zu schnell, zu trotzig. Sie zahlen schweigend. Verabschieden sich von seinen Freunden und sie weiß, sobald sie aus dem Dunstkreis verschwunden sind, werden sie reden. Über sie. Über ihren Kittel. Über ihr ausgewaschenes Tattoo am Handgelenk. Und darüber, was er mit ihr will. Ach, sollen die doch reden, ich mag die sowieso nicht. Sie gehen zu seinem Fahrrad. Er bewegt sich plötzlich zögernd, blickt sie nicht an. Er schließt sein Schloss auf, schaut zu seinen Freunden rüber. Sagt: Irgendwie ist mir das jetzt doch unangenehm... Macht es dir was aus, wenn du zu deinem Auto gehst und wir uns dann bei mir treffen?

Die Zeit bleibt für einen kurzen Moment stehen. Ihr Herzschlag knarzt für eine kaum wahrnehmbare Sekunde in ihrer Brust. Sie ist schockiert und wäre sie es nicht, hätte sie ihm dafür eine geknallt. Doch sie sagt nur okay. Dreht sich um, steigt ins Auto, fährt los. Sieht ihn noch im Rückspiegel, wie er sich aufs Rad schwingt, ihr fast unmerklich zuwinkt. Tränen steigen ihr in die Augen. Die Wut kommt an in ihrem Bauch, die Enttäuschung in ihrem Herzen. Und der Stolz in ihrem Kopf. Sie steht an der Ampel. Müsste hier rechts abbiegen, um zu ihm zu fahren. Das Rot wird gelb und das Gelb wird das satte Neongrün. Der Wagen hinter ihr hupt. Und sie setzt den Blinker ... Links.


Tags: Entscheidungen treffen
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35 Antworten

Kommentare

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    Der Text ist gut und das Handeln der Protagonistin ist sogar noch besser!

    14.07.2010, 19:02 von deep.blue
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    Der Ansatz gefällt mir, aber du hast meiner Meinung nach zu viele stereotype Geschlechtsmerkmale Verwendet.

    Der Grundgedanke bleibt verständlich und er gefällt mir, aber deine Wortwahl liegt zuweilen schwer auf den Worten - ein wenig mehr klare, pure Worte die getragen werden von ihrer Bedeutung, fänd ich sehr schön.

    10.07.2010, 15:02 von ida.camille
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    Zum Nachempfinden geschrieben..
    Hab deine Worte gerade aufgesogen wie die kalte Limo durch den Strohhalm in der Hitze hier.

    Trotzdem hätte ich auch mit dem Rechtsabbiegen rechnen können (wollen).
    Einfach nur, weil ihr die Freunde egal sein sollen. Weil sie merkt, dass er dort nicht hineinpasst.
    Weil sie nicht so feige ist, wie er.

    Weil er auch müde ist.

    Weil sie nichts darauf gibt, ob die Freunde, die so lächerlich sind, dass sie sich über ihren Namen lustig machen, denken, dass es zwischen ihnen aus ist, weil er und sie es besser wissen.

    Nach dem Nichtssagen aufeinmal trotzig zu bestätigen, dass es aus ist, obwohl seine Freunde nichts wissen..
    Nach seiner Entscheidung, doch zu bleiben, einfach abzubiegen, wie es jeder getan hätte, weil er so nicht mit sich umgehen lassen sollte..
    Das ist nicht das Mädchen vom Anfang. Ich hatte es tiefgründiger eingeschätzt..obwohl es so naiv wirkt.

    Sie wird wissen, ob es nun an der Zeit war, nicht mehr für ihn stark zu sein.

    09.07.2010, 16:06 von Trashcookie
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    Erst nach wiederholtem durchlesen habe ich eine Ahnung von dem ‚Problem’. Es mag an der Hitze liegen oder aber daran, dass ich mir so eine Problematik nicht wirklich vorstellen kann. Nicht-Akademiker trifft Akademiker und es gibt einen unüberwindbaren Standesunterschied ? Ähm, leben wir im Mittelalter ?
    Wenn sich beide lieben, hier der Akademiker und das vermeintlich ungebildete Mädchen, ja, dann wird er sie doch wohl dennoch so in seine Freundeskreis einbinden können, dass sie akzeptiert wird, auf der anderen Seite wird sie doch hoffentlich auch bereit sein sich auf ihn und seinen Freundeskreis einzulassen ... und ... ach, vielleicht habe ich auch nur zu romantische Vorstellungen. Jedenfalls sind Akademiker für mich nichts besseres oder schlechteres als andere, und wenn irgendwelche ‚Eliten’ sich als etwas besseres fühlen outen die sich für mich als geistige Tiefflieger. Umgekehrt geht’s aber genauso ... wenn die Freundin in dieser Story schon Angst hat sich zu bewegen oder Angst vor Lästereien der Gruppe hat und sich darum nichts traut – das geht ebenfalls nicht. So wie ich das sehe kann man als gleichberechtigt auftreten (auf der einzigen Ebene die wirklich zählt, die menschliche Ebene) ... wird das akzeptiert, ist’s gut, wenn nicht, dann taugt die Gruppe nicht ... in dem Fall ist’s recht dann auch links abzubiegen.

    09.07.2010, 09:57 von Cyro
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      @Cyro ehrlich gesagt könnte ich mir eine solche problematik durchaus vorstellen. vielleicht nicht unbedingt in einer akademikerrunde. was das mädel betrifft: schlagfertigkeit muss gelernt sein. dennoch macht es sie lange nicht zu einem schwachen menschen, bloß weil sie von einer situation überwältigt wurde.

      Sie ist schockiert und wäre sie es nicht, hätte sie ihm dafür eine geknallt.

      ich wette, ein tag später das gleiche verhalten (falls ein treffen überhaupt zustandegekommen wäre) und sie hätte ihm wirklich eine gegeben. auch die tatsache, dass sie am ende doch noch links abgebogen ist, zeigt, dass sie durchaus den stolz und die selbstständigkeit dazu besitzt.

      die gruppe selbst ist eben, wie sie ist. das (feige) arschloch finde ich ist hier eindeutig der freund.

      09.07.2010, 12:26 von psychowildlife
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      @psychowildlife Ja, ihm hätte klar sein müssen wie sie sich fühlt. Trotzdem haben sich alle Beteiligten ein Stück weit falsch verhalten in dem Text .. die eine Frau aus der Gruppe scheinbar arrogant, der Freund emotional zu stumpfsinnig und das Mädchen zu unsicher. Jedes Fehlverhalten alleine wäre nicht so ins Gewicht gefallen wie das Zusammentreffen der falschen Verhaltensweisen. Für mich zunächst ein Fall von „dumm gelaufen“. Gut, wenn der Typ in der Geschichte zur Rede gestellt wird und sein Fehlverhalten nicht erkennt, ist’s aus. Wäre ich mies drauf, könnte ich ihn unterstellen, dass er sie auflaufen lässt, könnt ihr unterstellen, dass sie zu dumm ist sich normal in eine Gruppe zu integrieren und der Gruppe unterstellen, dass sie ein sozial inkompetenter Haufen ist .. aber das will ich nicht. Statt dessen halte ich da vieles einfach für ein durch fehlende Kommunikation untereinander ausgelöstes Missverständnis.

      09.07.2010, 15:46 von Cyro
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    Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Irgendwie ist mir keine Person in der Geschichte sympatisch. Deshalb denke ich auch: Puhhhh.

    09.07.2010, 09:22 von Smalanda
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      @Smalanda geht mir auch so

      10.07.2010, 18:37 von eyesclosed
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    Wow. Krasse Geschichte... Wenn das wahr ein sollte: So ein Arschloch... Wie man sich von aneren beeinflussen lassen kann. schrecklich.
    Naja. Auf jeden Fall total schön geschrieben. (: Ließ sich total gut lesen (was bei Internet-Texten schwer ist)

    08.07.2010, 23:48 von Die.mit.rotem.Haar
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