Charlie-Kate 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Liebesverlust und Identitäskrise gehen Hand in Hand

Ich bin erstaunt, wie unterschiedlich Menschen einen wahrnehmen. Wenn jeder einen anders wahrnimmt, wer ist man dann wirklich?

Meine Eltern bezeichnen mich, seitdem ich denken kann als ruhig. Ruhig, schüchtern, unsicher. 
Ich akzeptierte es und nahm immer an, dass ich so sei. Bis mir eine Freundin einmal in der Schule sagte, wie selbstbewusst ich wäre. Ich erklärte ihr, dass ich mich nicht als selbstbewussten Menschen betrachten würde, ganz im Gegenteil. Damals machte ich mir keine Gedanken darüber. Doch gestern, nachdem ich meine erste Gitarrenstunde gut gemeistert hatte, schrieb ich einer Freundin davon und ihre Antwort darauf war, sie könne sich mich Gitarre spielend nicht vorstellen, da ich immer lebendig wie ein Flummi wäre und Gitarre spielen eindeutig etwas ruhiges sei. 

Jetzt bin irritiert. Woran liegt es, dass man von verschiedenen Menschen anders wahrgenommen wird? Ich würde sagen, dass ich mich nie verstelle, deswegen kann es nicht an mir liegen. Oder etwa doch und ich merke es nicht? Oder hat jeder Mensch einfach andere Maßstäbe, an denen er Merkmale definiert? Warum nehmen mich verschiedene Menschen unterschiedlich wahr? 

Ich weiß, dass ich mich in den letzten vier Monaten verändert habe, aus Verzweiflung offener geworden bin, aktiver, kontaktfreudiger. Aber die unterschiedlichen Wahrnehmungen gab es auch vorher. Nur jetzt, seitdem ich mich mit mir selber auseinandersetze, sind sie mir bewusst geworden. 

Die Person, die mich wirklich kannte, auswendig kannte, die mich voll und ganz einschätzen konnte, ist nicht mehr bei mir, ist einfach so gegangen. Seitdem ist jeder Tag, der vergeht, ein Tag an dem mich keiner mehr gänzlich kennt und an dem sie mich wieder entkennt. Ich weiß nicht mehr, wie ich bin. Vielleicht wende ich mich ihr wieder mehr zu, wenn ich etwas mehr Zeit habe. In den Semesterferien oder so. Derzeit habe ich keine Zeit für nichts. Aufstehen, Uni, lernen, arbeiten, lesen, feiern, Kontakte knüpfen, schlafen und das in den unterschiedlichsten Reihenfolgen und Kombinationen.

Der Weg nimmt heute kein Ende und es ist schon spät. Mit der Dunkelheit kommt die Einsamkeit. Hoffentlich bleibt die Schranke offen. Und wenn alle meine unterschiedlichen Gedankengänge enden, komme ich wieder nur bei ihr an. Sie fehlt. Immer noch. Langsam sollte ich mich daran gewöhnt haben, diesen Weg nicht mehr mit ihr zu gehen. Mich an die Einsamkeit gewöhnt haben, aber nein. Alle meine Gedanken sind auf ihr aufgebaut, reflektieren sie und alles was sie mir, uns angetan hat. Wie sich alles verändert hat. Wie sie alle Versprechen gebrochen und mich im Dunkeln stehen gelassen hat. Und wenn ich für einen Moment bemerke, dass meine Gedanken mal nicht bei ihr sind, nicht all das verarbeiten, was passiert ist, dann erschrecke ich. Ich weiß nicht wieso. Es fühlt sich dann an, als würde ich vergessen. Und ich möchte vergessen. Das ist mein größter Wunsch, doch habe ich Angst davor. Wenn ich nicht mehr an uns denke, dann denkt wahrscheinlich keiner mehr an uns und dann geraten wir in Vergessenheit. Das könnte ich noch weniger vertragen, als den Schmerz den ich mit mir schleppe.
Wenn sich die eine Tür schließt, öffnet sich die andere. Wie oft habe ich das bereits gehört, langsam sollte ich es verinnerlichen und loslassen. Vielleicht muss ich dann nicht einmal vergessen. Es kann eine schöne Erinnerung bleiben, die hoffentlich eines Tages aufhört zu schmerzen. 

Ich bin durch die Schranke gekommen. Wenigstens etwas Glück für heute. In ein paar Minuten bin ich zu Hause und kann mich wieder ins Ablenken stürzen, mit dem Denken aufhören. Manchmal eine Erlösung, manchmal ein Fluch. 

Die Tür, ich sollte sie langsam schließen, aufhören daran zu denken, sie am Besten noch abschließen und den Schlüssel in den Main werfen, sodass sich die neue öffnen kann. Stattdessen öffne ich die Alte wieder breiter, bis sie unbeschreiblich schmerzt und ich resigniere, ich lehne sie wieder an, immer mehr. Doch anstatt sie endlich ganz zu schließen, reiße ich sie dann plötzlich panisch auf und es strahlt mir Schmerz entgegen.

Ich weiß nicht einmal, ob ich dich noch liebe. Ich weiß nur, dass du schrecklich fehlst. Dass da ein Loch in mir ist, das nicht mehr füllbar ist seit dieser Nacht, in der du gingst.

Hand in Hand mit dem Nichts, das bin ich. Ich greife noch nach dir, obwohl du schon längst die Hand von jemand Neues hältst. Was meine Hand ertastet ist nicht mehr die deine, es ist das Nichts.  
Doch meine neue Erkenntnis spendet mir Trost: Jahre des Glücks sind für eine Persönlichkeitsentfaltung vergeudete Jahre, erst in Zeiten des Unglücks entwickelt man sich weiter, wächst, probiert Unbekanntes aus. Die größten Künstler und Schriftsteller haben in ihren schlechtesten Lebenskrisen das Beste hervorgebracht. Ich zünde mir ohne schlechtes Gewissen meine Zigarette an, denn sie haben in diesen Zeiten nicht nur ihre besten Werke verfasst, sondern haben auch ohne Ende gequalmt. 
Gleich bin ich zu Hause und ich höre noch wie sich die Schranke hinter mir schließt. Ich hatte Glück.


Tags: #verlust #liebe #trauer #neuanfang #loslassen
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