hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 17

Liebeslied für 3

Du und ich genügt mir nicht.

Intro
Wenn die Menschen von der Liebe singen, dann meinen sie sich zu zweit.

Erste Strophe
Wir haben oft voneinander geträumt. Auch wenn wir noch nicht wussten, wie unsere Gesichter aussehen und unsere Stimmen klingen würden. So hatten wir doch stets ein warmes Gefühl um den Nabel herum, wenn wir uns einander vorstellten. Es war ein wenig, als wenn man sich gegenseitig in Watte goss. Irgendwann war die Zeit gekommen, als man damit anfing, übereinander zu reden und sich die Dinge ins rechte Licht und die Füße in die rechte Bahn zu rücken. Damit man sich nicht verpasste. Damit man denselben Weg unter sich hatte. Damit wir alle im gleichen Moment inne hielten, um uns begegnen zu können. Du hast uns von oben gesehen. Wir dich in unseren Träumen und auf grauen Bildern, die aus einer anderen Welt zu kommen schienen. Wir saßen auf den Bordsteinen und hielten Ausschau nach neuen Wegen. Wir gingen auf langsame und auf schnelle Konzerte und suchten unseren Rhythmus. Wir gruben uns im Hinterhof einen Brunnen und noch einen und schöpften daraus Kraft. Wir tranken uns hinunter auf die Böden der Flaschen und suchten dort nach Wahrheit. Wir hielten uns in den Armen nächtelang, damit wir später stark genug waren, sie für dich offen zu halten. Wir hatten in diesen Tagen den Klang eines Liedes im Kopf, aber konnten es noch nicht singen.

Refrain
Es gibt diese vielen Lieder. Die sind geschrieben für zwei. Dabei hat man zu dritt noch eine Stimme mehr. Du und ich genügt mir nicht.

Zweite Strophe
Als wir uns das erste Mal gesehen haben, war der Raum kreisrund und das Leben nahm einen neuen Anlauf von der Seite. Wir schauten uns einander in die müden Augen und erkannten uns selbst darin wieder. Was für ein Gefühl war das nur, das in diesen einen Moment gar nicht passen wollte. Draußen brach gerade der Tag an und machte den schwachen Himmel zu seiner Bühne. Drinnen begann eine neue Zeitrechung, in der jede Sekunde noch nie da gewesen war. An den lindengrünen Fliesen der Wände brachen sich unsere Tränen. Kein einstudiertes Wort schaffte es bis hier hierher. Eine neue Sprache konnte gesprochen werden in dem Moment, als du das erst Mal Atem holen gingst. Wir zwei haben uns die Hände gebrochen mit unseren Treueschwüren in dieser Nacht. Nachdem du eingeschlafen warst auf ihrem Bauch, haben wir dich behutsam genommen und dich in unsere Herzen geschlossen. Wir hatten auch keine Angst, dass du das kitschig finden könntest. Wir waren schließlich einander die aller erste neue Liebe. Als wir dir deinen Namen gaben, krähte der Hahn uns in die Betten. Und unsere Augen schlossen sich zum ersten mal voreinander. Sie werden müde, wenn sie die Zukunft sehen. Wir hatten in diesen Tagen den Text eines Liedes im Kopf. Aber hörten noch nicht seine Melodie.

Refrain
Es gibt diese vielen Lieder. Die sind geschrieben für zwei. Dabei hat man zu dritt noch eine Stimme mehr. Du und ich genügt mir nicht.

Dritte Strophe
Das Leben ist anders, es ist größer geworden. Was nichts anderes heißt, dass es schwerer ist. Und dass man es nicht mehr überall mit hinnehmen kann. Oft sitzen wir an unseren großen Fenstern und schauen zurück auf die Wege, die man draußen gehen kann, wenn man ein Bein frei hat. Oft sitzen wir beieinander und denken an die Dinge, die man sich nehmen kann, wenn man eine Hand frei hat. Dafür singen wir eben jetzt gemeinsam die Lieder aus von den Bettkanten der Kinderzimmer, deren erste Strophe man nie vergisst. Dafür liegen wir an den Wochenenden auf den freien Wiesen dieser Stadt und lauschen dem Rascheln deiner Blätter. Nehmen wir die Beine in die Hand um dich einmal um unsere Welt zu fahren, egal ob der Himmel frei ist oder gegen die Scheiben schlägt. Dafür knirschen uns die Mundwinkel, wenn wir einander nicht verstehen und uns das Sprechen neu beibringen. Liegen wir zwei uns in den Armen in der Dämmerung und raten heimlich deine Träume. Dafür tanzen wir nicht mehr abends in dunklen Kellern, sondern im Licht der frühen Sonntage. Dafür lässt sich das Glück nun nicht mehr so leicht übersehen. Es ist in diesen Tagen so, als hätte man ein neues Lied gelernt. Dessen Text noch nicht fertig gedacht und dessen Melodie niemals langweilig wird.

Refrain:
Es gibt diese vielen Lieder. Die sind geschrieben für zwei. Dabei hat man zu dritt noch eine Stimme mehr. Du und ich genügt mir nicht.

Outro
Wenn ich heute von der Liebe singe, dann meine ich uns drei.

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ganz unglaublich toll!
    macht mut! ...und ein kleines bisschen neidisch... :)

    17.09.2008, 09:59 von chelena
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  • 0

    oh ist das schön :)
    am besten gefällt mir: "und raten heimlich deine Träume". ich kanns mir richtig vorstellen, wie zwei glückliche eltern von ihrem kind noch nicht mal genug bekommen können, wenn es schläft

    12.09.2008, 18:29 von nanablume
    • 0

      @nanablume ja. so ist es. andererseits ist die zeit nach dem schlafen gehen auch die schönste des tages. :)

      15.09.2008, 09:50 von hib
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  • 0

    schöner text.regt zum nachdenken an....

    25.07.2008, 09:56 von ramazotti-orange
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  • 0

    Wie wunderbar unkitschig und ehrlich und zärtlich und bedeutungsschwer und trotzdem federleicht es sich doch manchmal mit Worten musiziert. Großes Kompliment!

    23.07.2008, 23:53 von misspringle
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  • 0

    an miesen Tagen tun deine Texte genauso gut wie Chaitee, Schokolade und Decke bis zu den Ohren ziehen!

    23.07.2008, 23:12 von danaea
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    • 0

      @oceaneyes das kompliment ist so gut, dass ich es mir vor augen halten werde, wenn ich mal wieder an der welt und mir zweifle.

      23.07.2008, 15:38 von hib
  • 0

    Das ist wirklich wunderschön,
    Irgendwie ist das leise Poesie so zwischen den Zeilen und auf ihnen und .. ach..

    vielleicht singst du ja irgendwann sogar ein Lied für 4 ;)

    23.07.2008, 11:17 von elixa
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  • 0

    So schön...so wunder-wunder-wunderfisch schön!

    23.07.2008, 10:35 von Wolkenschaf
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  • 0

    Sehr schöner Text und wieder mal toll geschrieben!

    23.07.2008, 10:23 von vellocet
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