mie_holgersson 25.08.2017, 23:58 Uhr 3 3

Liebeskummerübelkeit

Der Geschmack von Tränen und Erbrochenem.

Früher dachte ich, es könne einem nur von verdorbenem Essen oder einem fiesen Magen-Darm-Virus schlecht werden. Maximal auch von zu viel Schokolade und Keksen. Später erweiterte sich diese Liste um zu viel Alkohol. Und irgendwann um Liebeskummer.

Letztere Übelkeit ist die schlimmste. Dieser Moment, wenn sich dir der Magen umdreht, zwei Stockwerke tiefer rutscht und du denkst „Ich muss mich jetzt übergeben, es geht nicht anders“.

Es ist nicht mein erster Liebeskummer. Und auch nicht der erste, bei dem sich dieses Gefühl einstellt, sobald ich auf sozialen Netzwerken ein Foto von dir sehe, eine Nachricht von dir empfange oder auch nur daran denke, was du gerade wo und mit wem tun könntest.

Das Lustige ist doch irgendwie, sobald man einen Liebeskummer überwunden hat, fühlt man sich unglaublich stark – ganz nach dem Motto „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ oder „Das gehört zum Leben dazu und macht dich nur reicher an Erfahrungen“.

Und trotzdem... ist es jedes Mal auf ein Neues das furchtbarste Gefühl der Welt. Diese Übelkeit. Als ob es nicht reichen würde, die ganze Zeit weinen zu wollen, muss man sich dann auch noch das Kotzen unterdrücken. 

Fast sieben Jahre lang war ich in einer Beziehung. Beendet habe ich sie. Danach habe ich mich erstmalig in meinem Leben bei Tinder angemeldet. Zu dem Zeitpunkt schon völlig veraltet, aber für mich eine gänzlich neue Erfahrung. Hunderte Matches, dutzende Nachrichten, ein Date. 

Es war ein Dienstag und es hat geregnet. Keine Ahnung, warum ich das noch weiß. Ich fand dich... ach ja, ganz okay. Nett. Es hat gut harmoniert und ich war seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder Single und wollte „dieses Dating“ ausprobieren. Es folgte ein zweites und drittes Treffen. Erst beim vierten landete ich bei dir im Bett. Und damals dachten wir wohl beide, dass es auf diesem Niveau bleiben würde. Wir sahen uns öfter, verstanden uns gut, haben viel unternommen. Und dann, nur wenige Monate später musstest du den bislang größten Verlust deines Lebens durchleben...

Wie selbstverständlich hast du mich in diesen schweren Verlust und die darauffolgende Trauerphase miteingebunden. Ich musste selbst bereits ähnliches mitmachen, das wusstest du. Es war unglaublich schwer für mich. Aber wahrscheinlich nicht annähernd so schwer, wie es für dich war. Auf der anderen Seite fand ich es wunderschön, dass du so großes Vertrauen in mich hattest, dass du mich in all das miteinbezogen hast und ich deine Schulter zum Anlehnen sein durfte.

Aber irgendwann kam die Zeit, in der du mich nur noch kontaktiert hast, wenn du jemanden zum Trostspenden, Ablenken, Anlehnen oder Spaß haben brauchtest. Es ging mir selbst teilweise unglaublich schlecht und hatte gehofft, dass du – zumindest insoweit es dir möglich war – für mich da sein kannst. Das konntest du nicht. Und ich verstehe es nur zu gut. Geschmerzt hat es trotzdem.

Dann die Nachricht, du könntest all das nicht mehr. Du seist nicht der Richtige für mich. Daraufhin pünktlich zur Stelle: die Übelkeit. Die Übelkeit und das Phänomen sich selbst noch trauriger zu machen, indem man sich von melancholischer Stimmung umgibt. Bei mir ist es heute der Song „Downtown Train“ im Hintergrund, den spätestens seit How I Met Your Mother endlich jeder kennt.

Mit dem Geschmack von Tränen und Erbrochenem im Mund treffe ich dich am selben Abend ein letztes Mal. Um persönlich zu reden. Ich sehe dich und das einzige, das ich tun will, ist dich in die Arme zu nehmen und eine Weile so dazuliegen. Stattdessen drehe ich mir eine Zigarette und warte ab, was du zu sagen hast. Obwohl ich schon weiß, was du mir sagen wirst, dreht sich bei deinen Worten erneut mein Magen um und ich hoffe, dass das Nikotin hilft. Tut es nicht.

Wieder zuhause angekommen bin ich verzweifelt. Ich weine und überlege, was mir helfen könnte und ich sonst immer getan habe, um dieses ekelhafte Gefühl wenigstens für einige Minuten zu dämpfen. Da ich über sieben Jahre lang keinen Liebeskummer mehr hatte, muss ich eine Weile nachdenken. Und da fällt es mir wieder ein: diese drei einfachen Dinge, die schon immer – zumindest für einen kurzen Moment – geholfen haben. Das erste ist Bier. Also renne ich schnell zum Späti um die Ecke. Das zweite ist duschen. Ich weiß nicht warum, aber duschen fühlt sich in solchen Momenten unglaublich befreiend an. Als könnte man den Dreck und die Last und die Traurigkeit einfach kurzzeitig wegwaschen lassen. Also unter die Dusche. Das dritte ist Schlafen. Das Einschlafen ist schwierig. Aber dieser wunderbare Moment, wenn man dann endlich schläft und an nichts denkt. Schade, dass man ihn nicht bewusst mitbekommt. Drei Dinge, die die Liebeskummer-Übelkeit für einen Moment vergessen lassen.

 

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3 Antworten

Kommentare

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    "Bei mir ist es heute der Song „Downtown Train“
    im Hintergrund"

    Ich hoffe ja das Original und nicht die miese Rod Stewart Kopie...!

    27.09.2017, 13:35 von chiral
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  • 0

    mir wird übel von Bier ...

    26.09.2017, 17:33 von Seerosengiesser
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  • 1

    Ich kann diese Übelkeit von der du schreibst sehr gut nachvollziehen.. Ich glaube, ich weiß genau welches Gefühl du meinst.

    26.08.2017, 00:13 von Milch_Kaffee
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