whytepony 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 26

Liebesgeschichten

Wir glauben an die Liebe und haben sie noch nie gesehen.

Ein Junge sagt seinem Mädchen, dass sie die Schönste für ihn sei. Seit vier Jahren tut er das. Wenn sie heim kommt, nimmt er sie in den Arm. Wenn sie traurig ist, tröstet er sie. Wenn sie reden muss, hört er zu. Er tut das, weil er sie liebt, von Herzen, sagt er. Woher auch sonst, den anderen Körperteilen traut man ja so etwas nicht zu. Wenn sie mit ihrer Freundin unterwegs ist, sagt sie ihr, dass ihr was fehlt. Sagt sie ihr, dass er lieb zu ihr ist, aber dass ihr das nicht reicht. Dass sie einen Kerl brauchen würde. Einen richtigen. Dass sie sich deshalb jetzt mit einem anderen trifft. Heimlich im Hotel, einmal die Woche. Dem Liebenden sagt sie, dass sie Freundinnen trifft. Die Freundinnen sagen das auch. Sie sagt ihrer Freundin, dass sie schlimm wäre. Weil sie spürt, dass das zu nichts führt, außer zurück zum Anfang.  Aber sie tut das, weil es nun mal so ist, wie es ist.

 

Ein Freund sagt seinem besten Freund, dass er sich für ihn freut, dass es endlich mal klappt mit einer und meint das auch so. Nach Jahren der Kälte wird es jetzt ihm jetzt warm, man verliert im inneren Winter ja gern auch mal den Glauben daran, dass man überhaupt noch etwas empfinden kann. Niemand weiß das besser, als der beste Freund. Sie sehen sich weniger, aber wissen umso mehr, dass es dem anderen gut geht. Die beiden machen irgendwann aus, sich zu dritt zu treffen, wegzugehen, Freundesachen zu machen, die Leben zusammenzuführen wie rote Fäden. Die beiden kennen sich seit 20 Jahren, sie haben alles überstanden, jede Veränderung wie eine Welle geritten bis runter zum Strand. Die Gischt hat ihre Gesichter vernarbt, daran erkennen sie sich. Wenn der eine die Frau des anderen sieht kommt die schwarzrote Flut, langsam und gewiss wie eine schwere Krankheit. Kurze Zeit später wird getauscht, erst Körper, dann Namen, dann Jahre gegen das Neue. Sie tun das, weil sie glauben, dass sie es tun müssen. Sie hinterlassen aufgewühlte See und viel Salz.

 

Eine Geliebte läuft neben ihrem Geliebten. Sie schaut ihn zum Himmel hoch an, wenn sie ihn sieht, sieht sie ihr ganzes Glück in seine Form gefasst. Wenn er ihre Hand loslässt, fühlt sie sich allein. Wenn er ihr nicht gleich antwortet, fühlt sie sich unverstanden. Wenn er mal wegfahren muss, verlässt sie der Mut. Sie liebt ihn, weil er ihr gut tut, wenn er da ist. Sie klammert, würde man sagen, oder sie liebt, je nachdem von wo man schaut. Wenn er sie loslässt, fühlt er sich frei. Wenn er nicht gleich antwortet, dann weil er Angst hat vor neuen Fragen. Wenn er wegfährt, dann schnell und ohne sich einmal umzudrehen. Er liebt sie nicht so, wie sie sich das wünscht. Und während sie sonntags durch die Stadt laufen, fressen ihre Schatten sie auf und spucken sie zurück auf die dunkle Straße, von der die Liebe sie einst ins Licht genommen hat.

 

Ein Mann lebt mit einem anderen Mann. Seit vielen Jahren schon. Sie lieben sich, weil sie sich so gut kennen. Das Verstehen läuft bei den beiden nicht mehr über das Reden und das Hören, sondern ganz von selbst. Wenn sie miteinander raus vor die Tür gehen sehen sie die gleiche Welt. Auch wenn sie sie einander beschreiben und sich erzählen von den Tagen ohneeinander. Das macht es so einfach, den Weg zu gehen zu zweit und blind. Und wenn sie sich küssen, bedeutet das etwas. Wenn der eine dann am Wochenende zu jemand anderem fährt, geht der andere früh ins Bett oder kauft etwas ein für die nächste Woche. Oder bereitet seine Reise vor zu einem anderen. Sie reden nicht darüber, sie ertragen, und halten sich an dem fest, das sie miteinander haben. Sie haben aufgehört beieinander zu suchen, was dort einfach nicht gefunden werden kann.

 

Eine Frau und ein Mann beschließen, dass sie sich ewig binden wollen, sie bekommen ein Kind. Sie haben ja keine Ahnung. Sie bauen sich etwas auf, unter das man sich stellen kann bei Regen. Sie sorgen dafür, dass die Minibar immer voll ist, sie laden Freunde ein, das Kind zahnt. An den Wochenenden tanzen sie durch die Sonne im Wohnzimmer, ihr Kind ist ein Kind der Liebe und seine Locken werden in einer Pappschachtel für ein unbekanntes Später aufbewahrt. In den Parks der Stadt sieht man sie Hand in Hand zu dritt, sie teilen Eis und Bank, als wäre es normal, dass Menschen gern so nah beieinander sitzen. Aber wenn sie abends nebeneinander liegen, dann träumen sie davon, allein zu liegen. Wenn sie sich nah sind, sehnen sie sich nach einer Lücke, nach dem Nichts zwischen sich und der Welt, zurück nach dem leeren Raum, aus dem sie einst gekommen sind. Deshalb trennen sie sich und das Kind gleich in der Mitte mit. Seitdem ist die Welt wieder groß und sie ganz klein, während das Kind aufwächst mit einer scharfen Klinge in der Brust und sich nicht mehr zu schnell bewegen darf.  

 

Zwei Menschen wie wir gehen ein Stück eines Weges miteinander. Mit den meisten Menschen tut man das nicht, will man das nicht, funktioniert das nicht. Wir kommen uns näher, so nah, dass wir uns fast richtig erkennen können. So nah lassen wir sonst keinen ran, unsere Geheimnisse sind halb so wild, wenn man sie im Licht einer Nachttischlampe betrachtet. Und wenn die Tage vergehen, dann gehen wir zusammen durch die Straßen und reden tausend Worte. Wir stellen uns uns vor in der Zukunft und reden darüber, wie es so weit kommen konnte, so weit so gut. Irgendwann sagen wir uns, dass wir uns lieben. Und meinen damit nur, dass wir wollen, dass der andere bleibt. Aber eines Morgens wacht einer von uns beiden auf und fühlt, das etwas fehlt und verloren gegangen ist über Nacht. Und dann muss er los und das finden und das geht nur allein. Am Ende bleibt einer zurück mit all den gesagten Worten und all den berauschten Momenten und all das soll dann umsonst gewesen sein, weil, seien wir mal ehrlich, niemand von Erinnerungen leben kann sondern nur von der Zukunft satt wird. Liebe ist vor allem eine Entscheidung, die Hoffnung endlich aufzugeben und es gut sein zu lassen. 

Hinter unseren Rippen schlagen also Herzen und wir können sie ausschalten wie das Licht in den Zimmern, in denen wir uns betrügen. Und so lang bis wir die Liebe finden, erzählen wir uns diese Geschichten vom Suchen. Dabei hat niemand sie jemals gesehen. 

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9 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Streckenweise von so brutaler Feinsinnigkeit, dass es wehtut. Banales anregend unaufgeregt und minutiös auf den Punkt gebracht, scharf beobachtet und scharfsinnig formuliert.
    Ich wäre begeistert, störte mich nicht diese an wenigen Stellen unterschwellig, aber höchst belehrend wirkende Vorwürflichkeit, dieses Mitschwingen von Wertung und persönlicher Konklusion.

    Liebe ist vor allem eine Entscheidung, die Hoffnung endlich aufzugeben und es gut sein zu lassen.

    Ist zum Beispiel ein viel zu markanter, anleitender Absatzschluss, der fast im Widerspruch zu der Kritik an der Anmaßung steht, Liebe (in Floskeln) fassen zu wollen.

    Der Text wirkte in seiner reinen Deskriptivität stärker, eindringlicher.

    29.01.2014, 16:43 von JackBlack
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  • 1

    oh, eine schöne entdeckung !


    29.01.2014, 15:45 von yuhi
    • 0














      Für Yuhi... die mich schon wieder gesperrt hat und mich so der Möglichkeit beraubt, ihr diese Antwort persöhnlich zu schreiben. Ich entschuldige mich dafür bei dem Autor.

      "Ich
      habe aber im Gegensatz zu dir auch immer selber gesehen, dass ich evtl.
      auch den ein oder anderen Fehler gemacht habe... mit C., mit dir.

      Das
      ich mit anderen über dich sprach, war meine Reaktion auf deine Sperre,
      was ich dir ganz klar, offen und ehrlich gesagt hatte... was du jetzt
      wieder gegen mich verwendest, aber, nun gut.... es ist erleichternd, zu
      wissen, dass ich nicht die einzige bin, die mit dir nicht kann

      04.02.2014, 12:05 von Tanea
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    mit sehr viel Gefühl verdeutlicht!

    Liebe ist auch Zufriedenheit.

    29.01.2014, 13:43 von Tora
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  • 0

    bezaubernd <3

    07.10.2013, 01:52 von unequalled
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  • 0

    Endlich eine Geschichte die mein Herz verdient hat. :)


    03.10.2013, 15:28 von renaissance_girl
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  • 1

    Ich liebe diesen Text.

    02.10.2013, 14:12 von Talismere
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