Frau_Irma 07.10.2013, 04:45 Uhr 22 80

Liebeserklärung an dich. Weil du so dreckig und schön bist.

Ich danke dir.

Verlorenen Herzens und mit humpelnder Seele bin ich bei dir aufgetaucht. Und du warst für mich da. Ganz selbstverständlich. 
Hast Mauern um mich gebaut, damit ich mich ein bisschen vor dem Leben schützen konnte. Oder das Leben vor mir.

Vergangene Zeiten hatten mich geprägt. 
Meine vergangene Liebe hatte Spuren auf mir hinterlassen. Es hatte nicht geklappt. Wollte nicht klappen. Gemeinsam hatten wir ein Stück unseres Lebens geteilt und sind doch nie richtig zusammen gewachsen. Sie war da, als ich das erste Mal von zu Hause ausgezogen bin und trotzdem wusste ich, dass es nicht für immer sein würde. Mein Herz behielt ich für mich. Ich trennte mich das erste Mal. Und fühlte mich freier. Aber auch unsicherer. Die gemeinsamen Jahre hatten mich geformt. Verformt. Mein Handeln. Mein Denken. Ich war es nicht mehr gewohnt eigene Wege zu gehen und auf neuen Straßen zu laufen. Meine alte Liebe zwang mich zurückzukommen.
Da lag schon der Fehler. Ich fing an, sie dafür zu hassen. 
Ich kehrte zurück und war doch nicht zu Hause.

Und dann kamst du. Du warst so anders.
Ich kannte dich noch von früher. Flüchtig.
Bist einfach wieder aufgetaucht - warst ehrlich und frei. 
Hast nichts gefordert, nichts erwartet. Hast mich mit deinem bunten Lachen und deiner liebevollen Art einfach so sein gelassen, wie ich bin. Mich nicht vor die Wahl gestellt, mich nicht gedrängt.

Ich werde niemals den Tag vergessen, als ich das erste Mal bei dir war: die Sonne hat geschienen und dein Gesicht in pure Lebensfreude getaucht. Du hast nach Meeressalz gerochen. Nach Freiheit. Du warst mir noch fremd, aber nicht fern.
Du hast mir neue Dinge gezeigt. Neue Seiten des Lebens. 
Und als ich von dir zurückgefahren bin, habe ich gespürt: du kannst mir das Herz brechen. Und ich wusste: ich brauche dich.

Ich habe viel gelernt von dir. Und das tue ich noch heute.
Du hast deine schlechten Seiten nie versteckt. Im Gegenteil. 
Sichtbar für alle und jeden zeigst du dein ungeschöntes Gesicht an jedem Tag. Schatten und Narben, die das Leben auf dir hinterlassen hat, spiegeln sich in deinem Lebensdrang und deiner Neugier wider. Du erzählst offen Geschichten über die dreckigen Dinge des Lebens. Zwischen Freiheit und Meer riechst du nach käuflichem Sex und billigem Alkohol. 

Manchmal gehst du mir auch auf die Nerven, mit deinen Klischees, der großen Hipsterbrille, deiner fahlen Haut und deiner kalten Schulter. Und manchmal sehe ich dich an und kann kaum glauben, wie schön du bist, wenn die Sonne dich berührt.
Du hast mir neue Freunde geschenkt. Menschen, die genauso verrückt und ehrlich und mürrisch sind wie du.

Ich bin dir dankbar dafür, dass du mir nie vorgemacht hast, dass das Leben eine blühende Bergwiese im Abendrot ist.  
Im Gegenteil: ich fühle mich so frei mit dir, weil du mir das Leben so wie es ist - in all seiner Schönheit, seiner Grausamkeit und Vergänglichkeit - nicht vorenthälst. 
An dir kann ich lernen, wer ich wirklich bin. 
Du trägst ein Stück meines Herzens. 
Und ich habe noch nicht genug von dir, weil du jeden Tag von Neuem lebendig bist. Ich weiß nicht, ob es ein "Für immer" oder ein "Für eine Weile" sein wird, aber ich weiß, dass ich dir mein Leben lang dankbar sein werde, dass du mich gerettet hast.

Danke Hamburg.

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22 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Ich glaube, jeder muss seinen Ort finden, der ihm am ehesten entspricht. Das ist ganz unabhängig, ob die Stadt schön oder groß oder klein ist. Für mich zum Beispiel war München nicht meine Stadt, sondern eine Art Käseglocke - und ich wäre fast darin erstickt. Obwohl München an sich eine sehr schöne Stadt ist. Ich hoffe, du hast den Ort gefunden, der dich glücklich macht und ankommen lässt :)

      30.08.2014, 16:52 von Frau_Irma
  • 0

    mit Hamburg am Ende habe ich nicht gerechnet... musste den Text dann direkt nochmal lesen. :-)

    perfekt! Ich kann sehr gut verstehen das dir dieser Ort dieses Gefühl gibt.

    29.08.2014, 10:39 von Sab_Rina
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  • 1

    Einfach nur toller Text & tolles Hamburg!

    Glückwunsch zu deinem Artikel!

    24.10.2013, 21:50 von Franzichen
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  • 2

    so wahr!! es trifft alles auf den punkt. danke dafür!

    23.10.2013, 02:25 von matracuja
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  • 0

    schon beim Lesen des ersten Absatzes konnte ich irgendwie nachempfinden, was du da beschreibst. 
    Sehr schön gewählte Worte, wie ich finde!

    14.10.2013, 17:42 von pummelprinzessin
    • 0

      und jetzt merke ich selbst, wie unlogisch das klingt. Ich habe aus Versehen den letzten entscheidenden Satz übersehen, welcher deinem Text natürlich eine ganz andere Bedeutung verleiht. Eine sehr schöne nämlich. 

      14.10.2013, 17:46 von pummelprinzessin
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  • 1

    Wunderschön!

    11.10.2013, 12:12 von BecciLpunkt
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  • 2

    Wow!

    09.10.2013, 09:04 von Jssc
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  • 1

    Ich muss mich mella.noir's Kommentar anschließen. Die Wendung am Ende war echt überraschend. Ich finde die Bilder die du beschreibst so lebendig und schön!

    09.10.2013, 04:20 von Herbst_Kind
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  • 1

    tolle wendung, 1A.

    09.10.2013, 00:07 von mella.noir
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  • 2

    Im Hamburg kostet das Augustiner ziemlich viel. Auch am Kiosk.

    Oder ist mit Bier ernsthaft dieses "Astra" gemeint?

    08.10.2013, 23:29 von frl_smilla
    • 0

      http://www.graeff-getraenke.de/


      Astra ist eine böse Modeerscheinung, die sich leider schon seit Jahren hält und mittlerweile landesweit wild um sich greift. Das Ed Hardy Shirt unter den Bieren :-/

      09.10.2013, 20:21 von kirschgruen
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