0816 17.10.2018, 21:50 Uhr 3 5

Liebes Lied

„Ich liebe dich“, hast du an diesem Abend geflüstert, während der Soundtrack von Liebe im Hintergrund lief.

„Love me, love me

Say that you love me

Fool me, fool me

Go on and fool me

Love me, love me

Pretend that you love me

Leave me, leave me

Just say that you need me“

Damals konnte ich den Film kaum schauen, weil ich wusste, dass ich Romeo nicht kriege, sondern Julia. Weil ich wusste, dass er am Ende stirbt. Leonardo DiCaprio- mein Schwarm präpubertärer Tage. So unerreichbar er auch war, brannte sich mit dieser glasklaren und gleichzeitig zerbrechlichen Stimme des Soundtracks meine Vorstellung von Liebe in mein Herz - leidenschaftlich, alles verbrauchend und letztendlich zur Tragik verurteilt. 

Als nun die ersten Töne des Songs aus meinem Autoradio spielen, greifen meine Hände das Lenkrad fester. Jahre ist es her, dass ich diesen Song gehört habe, das letzte Mal wahrscheinlich bewusst gehört, als du neben mir im Bett lagst. Ich erinnere mich, dass wir wie ein verknotetes Wollknäuel ausgesehen und uns gefühlt haben müssen, bei dem Anfang und Ende nicht auszumachen war. Es war das erste Mal, dass du bei mir warst, es war das erste Mal, dass überhaupt jemand bei mir war. 

„Ich liebe dich“, hast du an diesem Abend geflüstert, während der Soundtrack von Liebe im Hintergrund lief. Ich hatte extra eine CD gebrannt, fällt mir ein und ich muss bei dem Gedanken leise lachen - als wir uns kannten, brannte man noch CDs. Ich wollte, dass bei deinem ersten Besuch Musik im Hintergrund lief, während wir im Bett lagen und uns Schicht für Schicht bis unter die Haut entblößten. Bei sowas lief doch immer Musik, dachte ich. In Filmen lief sie zumindest, wenn genug geredet worden war. Und so hatte ich auch dieses Lied aufgenommen, meine musikalische Personifikation all dessen, was ich für dich fühlte.  

„Stört es dich, wenn wir die Musik ausmachen?“, hast du aber irgendwann gefragt. 

„Nein, überhaupt nicht. Kein Problem.“ 

Das Abwürgen meiner vertonten Liebeserklärung konnte ich dir erst verzeihen, als du mir zeigest, dass wir keine Musik brauchten, um weiterzumachen. 

Doch statt der Leichtigkeit schwingt etwas Neues mit, während ich dem Lied zuhöre. Zum ersten Mal spüre ich die Schwere und Verzweiflung der Zeilen, die sich mit der zuckerwatterosigen Melodie vermischen. Und während links von mir die Sonne hinter rotgefärbten Wolken untergeht, dämmert es auch mir. Ich höre zum ersten Mal der Stimme wirklich zu. Als Kind ohne Englischkenntnisse hatte ich nur Augen für Leo später nur für dich. Der Refrain war irgendwas mit „Love me, love me, say that you love me“, das genau wollte ich hören - von Leo und von dir, das reichte mir. 

Doch mit jeder Zeile, die ich mehr verstehe, geht mein Atem ein wenig flacher. Wie fröhlich sie ihren Untergang besingt und sich auch noch die Schuld dafür gibt. Und während ich bei den ersten Tönen des Songs immer ein wenig traurig darüber werde, dass wir zwei nicht mehr sind und alles schon so verblassend lange her ist, kriecht etwas hoch, dass mir die Kehle zuschnürt. 

„Lately I have desperately pondered,

Spent my nights awake and I wonder

What I could have done in another way

To make you stay

Reason will not lead to solution

I will end up lost in confusion“

„Ich kann den Rahmen nicht verändern“, hast du immer wieder gesagt. Ich glaubte dir, dass wir - wie Romeo und Julia - durch ein ungünstiges Zusammenspiel des Schicksals voneinander getrennt wurden. Doch anders als bei ihnen, hattest du dich auf ein Spiel eingelassen, dass du von Anfang an für verloren hieltest.

„Ich kann mich nicht von ihr trennen. Das geht nicht,“ war irgendwann deine ehrliche Antwort und der Anfang dessen, mich selbst dafür auseinanderzunehmen, grauenhaft kalt und ohne Mitleid, in der Hoffnung zu verstehen, warum ich nicht genug war. Der Keim ging auf und ich erntete jahrelang von dem, was du einst sätest. Erst als du längst nicht mehr da warst, gelang es mir, mich halbwegs wieder zusammenzusetzen. 

Als das Lied zu Ende geht und neuer weichgespülter Pop aus dem Radio kommt, kann ich mich langsam wieder entspannen. Doch auch Stunden später, als ich von der Autobahn abbiege und durch meine alte Heimat, dein Zuhause, fahre, lässt es mich nicht in Ruhe. 

Wahrscheinlich weil ich erst jetzt sehe, dass wir nie wie Romeo und Julia waren und dieses Lied nicht unser Lied, geschweige denn ein Liebeslied ist. Auch wenn du mich im Gegensatz zum Lied geliebt hast, verstehe ich endlich, dass Liebe manchmal nicht das Entscheidende ist. Und mit diesem Gedanken fällt es mir leichter, an deinem Haus vorbeizufahren, zum ersten Mal seit Jahren. 


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3 Antworten

Kommentare

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    Ihr Weiberchen seid manchmal schon etwas komisch.

    20.10.2018, 16:34 von mirror87
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    Deine Vorstellung von Liebe wurde geprägt vom jungen Leonardo DiCaprio? Diese Inception konnte nur nach hinten losgehen. Ich hoffe sämtliche Ratten konnten das sinkende Schiff verlassen.


    „Stört es dich, wenn wir die Musik ausmachen?“
    Spätestens hier hätte es dir dämmern müssen…

    18.10.2018, 14:57 von Sir_Tobi
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  • 1

    ****

    18.10.2018, 11:11 von quatzat
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