rolfradolfski 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 2

Lieber G.,

Dein letzter Tag, erzähltest Du mir damals, habe eigentümlich angefangen.

Als Du in der Früh das Haus verlassen wolltest, sei er schon vor Deiner Haustür gesessen, als habe man ihn geschickt Dich abzuholen. Mit seinen dünnen Beinen schabte er auf dem Asphalt und sah Dir dabei starr in die Augen.

Ein Rabe im Juni, dachtest Du, ist wie ein Erdrutsch in Indien; man will ihn nicht vor seiner Haustüre haben. Deshalb versuchtest Du durch Trampeln und lautes Singen den Vogel zurück in den Winter zu schicken. Doch Du hattest keinen Erfolg, er flog nicht weg, sondern verfolgte Dich den ganzen Tag wie ein böser Schatten. Er saß im Baum über Deinem Fahrrad, im Hof bei Deiner Zigarettenpause und wieder vor Deiner Haustüre, als Du abends schon die Bierkisten ins Auto laden wolltest.

Ich muss Dir sagen, lieber G., dass ich heute immer wieder auf diesen Tag zurückblicke – Deinen Rabentag, meinen letzten Tag mit Dir. Traumhelle Bilder sind das, die mich in stillen Momenten heimsuchen. Überbelichtete Filmsequenzen, die sich schlecht aneinanderfügen lassen.

Ich sehe mich mit heruntergekurbelten Fenstern über leere Landstraßen fahren. Ein warmes Gefühl von Abendsonne und ausgedehnter Zeit auf der Haut, wie ich es heute nicht mehr kenne. Ich sehe mich vor einem verlassenen Sportplatz anhalten und das Mixtape, das Du mir einen Tag zuvor geschenkt hattest, einlegen. Die Musik: Eine typische G. Mischung aus Stücken lokaler Bands, die Du kanntest, und alten traurigen Liedern, die Dich immer glücklich machten.
„It‘s too late to say I love you,
It‘s too sad to say goodbye“
Ich sehe mich auf der Kühlerhaube des alten Opel meiner Eltern sitzen und die erste Zigarette des Abends rauchen. Auf der anderen Straßenseite wird ein Feld gemäht. Die Luft riecht nach frischem Gras und einem langen Sommer.

Erinnerst Du Dich an unser kleines Ritual, die Angewohnheit zwei Zigaretten gleichzeitig anzustecken und eine davon dem anderen zu reichen? Etwas total nebensächliches damals, doch ich muss heute immer daran denken. Genauso wie an Deine „aus welchem Buch stammt dieser letzte Satz“ Quizfagen, die Du stelltest, um mich abzulenken. Du hast immer versucht mich abzulenken. Mich aus meinen pathetischen Zuständen zu befreien. Manchmal hast Du verrückte Geschichten erfunden, in denen ich die Hauptrolle spielte. Diese „du siehst aus wie eine gestrandetes Opfer eines Schiffsunglücks. Tom Hanks hat dich durch Mund zu Mund-Beatmung reanimiert und per FedEx vor meine Haustür geliefert“ Geschichten.

An unserem letzten Abend hast Du mir Dein Erlebnis mit dem Raben erzählt. Du hattest ein Lagerfeuer am Fluss organisiert und ich kam spät um Dir zu sagen, dass ich bald wieder gehen wolle.
„Bleib‘ noch kurz und sag mir, was Du von folgender Sache hältst!“ meintest Du und zeigtest auf einen Stein, auf den ich mich setzen sollte.
Du warst angespannt und fahrig und Deine Stimme hörte sich bereits etwas verwaschen an.

Ich sehe Dich noch heute vor mir, mit Deinem breiten Grinsen und Deinen Beinen, die Du nie still halten konntest. Ein Bier in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Du warst in einer Verfassung, die mir verriet, dass es sich lohnen würde noch nicht so bald zu gehen, denn genau so fingen damals die besten Abende unseres Lebens an: Du überbordend vor Energie und ich melancholisch und zu allem bereit. Eine brisante Mischung, die uns das Tor zu so manchen Herzen öffnete.

Ich setzte mich auf den Stein und Du erzähltest mir Dein Erlebnis mit dem Raben. Es klang für mich wie eine böse Vorahnung. Ein Schauer lief mir eiskalt den Rücken hinunter und ich blickte, mich nach etwas Irdischem umsehend, zurück zum Lagerfeuer, von dem wir uns entfernt hatten. Irgendein Spaßvogel hatte das „weiße Rössel am Wolfgangsee“ aufgelegt und ein paar Leute tanzten oder warfen leere Bierflaschen in den Fluss. Du setztest Dich zu mir auf den Boden und fingst mit Deiner Interpretation der Rabengeschichte an. Weil Du sehr belesen warst, kamst Du von der griechischen Mythologie über Edgar Allan Poe zu der Überzeugung, dass Dich der Rabe aus fehlgeleiteter Liebe verfolgt hätte. Ich hörte Dir – wie immer – gerne zu und war froh, noch nicht dem abwärts ziehenden Strom der lauten Stimmen ausgeliefert zu sein.

Das war Deine letzte Geschichte für mich. Unser letztes Gespräch. Danach nur Grau und Nebel. Dazwischen ein paar unscharfe Bilder, tausendmal abgespult. Bilder, auf die ich mir heute keinen Reim mehr machen kann, weil mir der Kontext fehlt.

Ich habe immer wieder versucht, das, was danach passierte, für mich zu ordnen. Doch es wird immer schwerer, Jahr für Jahr. Manchmal habe ich mich gefragt, was Du über diesen Abend sagen und ob Du mir durch Deine Sicht der Dinge einen Weg aus der Vergangenheit weisen könntest. Doch ich weiß, dass ich damit abschließen muss.

Lieber G., ich schreibe Dir das alles, weil ich Dir auch endlich eine Geschichte erzählen will und Dir sagen, dass Du nicht vergessen bist. Auch wenn wir uns seit diesem Junitag nicht mehr gesehen haben. Seit diesem Juniabend am Fluss, an dem Du mir Deine Liebe gestanden hattest. Seit deinem letzten Tag für mich."Wichtige Links zu diesem Text"
Dein Lied

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2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    was ein ende
    sehr schön
    gefällt mir sehr

    10.05.2010, 01:25 von Faedare
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