Lieber allein
SINGLES dürfen nach Hause kommen, wann sie wollen und Sex haben, mit wem es ihnen beliebt. Trotzdem wird ihnen eingeredet, sie hätten ein Problem.
Wenn man sich auf einem Pärchenabend vor lauter Langeweile so zial ins Abseits bringen will, hat man verschiedene Möglichkeiten: Man kann im Kinderzimmer rauchen, die Speisereste ins Altpapier kippen oder verkünden, dass man es für den viel vernünftigeren Entschluss hält, alleine zu leben. Vor allem der letzte Punkt lässt sich prima zu einem Streitgespräch ausbauen, an dessen Ende man zumindest die Paare gegen sich aufgebracht hat. Wenn man alleine ist, macht eine solche Diskussion durchaus Spaß – schließlich kann einen hinterher niemand mit Stellvertreterstreitereien vom Schlafen abhalten.
Die zufriedenen Paare und die unglücklichen Singles müssen jetzt ganz tapfer sein – neben ihrer Vorstellung von Zweisamkeit und Gemeinsam- alt-Werden etabliert sich eine Existenzform, die viel zu selten beschrieben wird: die glücklich Alleinlebenden. Wie die sich von den Singles unterscheiden? Ganz einfach: Ihr Lebenszustand entspricht ihren Wünschen. Das Wort »Single« bezeichnet immer den Mangelzustand, den Suchenden. Ein Single leidet unter seinem Alleinsein, er geht auf »Fisch sucht Fahrrad«- Partys, hängt den halben Tag im Internet herum, um sein Datingprofil zu verfeinern und verbringt seinen Urlaub im »Robinson«-Singleclub. Die Psychologen attestieren dem Single vor allem ein Hauptproblem: das Gefühl der Einsamkeit.
Doch der Alleinlebende lebt so, wie er es für richtig hält, sein Leben erscheint ihm ausgefüllt und aufregend, er fühlt sich nicht einsam. Warum auch? Er hat ein soziales Netzwerk und meldet sich ab und zu auch mal bei der Verwandtschaft. Denn wer sich nicht voll und ganz auf einen einzigen Menschen konzentrieren muss, hat reichlich Zeit und Muße, sich mit vielen anderen Menschen zu beschäftigen.
Es ist ein Irrtum, dass nur derjenige einsam ist, der allein lebt. Meistens haben Alleinlebende den vielfältigeren Freundeskreis, unternehmen mehr, erleben mehr. Sie legen sich eine Reihe unterschiedlicher Freunde zu. Vom Tennisgegner über den Saufkumpan bis zum unkomplizierten Sexualpartner. Abgesehen davon isoliert einen nichts so sehr wie die Gefriertruhe, zu der ein Ehebett über die Jahre werden kann.
Jeder kennt einen Typen wie Patrick, auch schon Mitte 30, dessen letzte feste Beziehung fünf Jahre zurückliegt, der sich noch mal verliebt hat – was nicht hingehauen hat – und der mittlerweile mit geschlossenen Augen kopfüber von der Decke hängend SMS schreiben kann. Patrick macht viel Sport, hat die aktuellen Filme im Kino gesehen und meistens so gute Laune, als würde die Sonne heute wieder nur für ihn scheinen. Wenn Kumpels ihn anrufen, ob er zum Pokerabend vorbeikommen will, fragt er nicht nach – er fährt los. Wenn er ausgeht, ist er nicht auf der Suche nach einer Frau, aber manchmal findet er eine, die wirklich aufregend ist. Und wenn er beruflich für zwei Monate nach Hamburg soll, muss er auf niemanden Rücksicht nehmen.
Man könnte jetzt mäkeln, dass Patricks Leben öde und leer ist, gerade an Sonntagnachmittagen. Dass niemand für ihn da ist, wenn in Hamburg alles schiefgeht. Aber das stimmt nicht. Patrick ist ein großzügiger und lustiger Mensch – dem nicht langweilig ist. Und wenn es ihm schlecht geht, kann er mehr Menschen anrufen als jeder Verheiratete nach zehn Jahren Ehe. Das Einzige was Patrick nervt, sind die Vorwürfe, er sei bindungsunfähig. Hinter denen keine Argumente stecken, sondern eigentlich nur die diffuse Aufforderung, sich doch mal mit weniger zufriedenzugeben – wie jeder andere Mensch es in einer Beziehung tut.
»Übrigens« sagt Patrick, wenn man ihn ein bisschen verhört, »ist die Sehnsucht, die ich manchmal nach einer Beziehung habe, leichter zu ertragen als die meisten Partnerschaften – wenn ich mir die Beziehungen in meinem Umfeld mal so angucke.« Er will keine Kompromisse machen, er will die optimale Partnerin und zur Not lieber allein leben und vielen gefallen, als sich selbst für einen anderen Menschen zu ändern.
Psychologen und Sexualforscher kennen die unterschiedlichen Ausformungen dieses Phänomens. In »Psychologie Heute« wurden im Frühjahr 2007 die Ursachen für die steigende Zahl der Alleinlebenden benannt: vom »Ich-Kult« über den »Glauben an die unbegrenzte Auswahl«, vom »Erbe der geschiedenen Eltern« bis zum »Superstarmodell«, bei dem sich vor allem junge Leute mit den Figuren aus Film und Fernsehen vergleichen und »Glamour abseits vom Familienalltag« suchen.
Das hört sich alles schrecklich unsympathisch und unangenehm an und wird denen, die freiwillig und lustvoll alleine leben, nicht gerecht. Denn man kann es auch viel pauschaler ausdrücken, viel gröber: Unsere Gesellschaft hat sich zu einer Alleine-Gesellschaft entwickelt. Wir wollen es nur noch nicht einsehen.
»Ich-Kult« ist keine Krankheit, sondern die natürliche Folge der Aufforderung, sich zu verwirklichen. Und dass Scheidungskinder sich ein paar sehr unromantische Gedanken darüber machen, ob sie ihr Kind gemeinsam mit einem Partner großziehen können, ist nur logisch.
Es ist also nicht unbedingt ein Zeichen von Selbstsucht, wenn man sein Leben ohne Partner plant und das man im Auge behält, wem der Esstisch und wem das Sofa gehören, wenn man doch eine Beziehung eingeht – es ist sinnvoll. Nur das gesellschaftliche Bild von Ehe und Partnerschaft hat sich noch nicht darauf eingestellt. Wir sind immer noch stärker geprägt von Mutterkreuzidealen und Heile-Welt-Vorstellungen der Wirtschaftswunderjahre, als uns lieb sein kann.
Wer sich genau umsieht, hat im Bekanntenkreis immer ein, zwei Paare, über deren hoffnungslose und frustrierende Beziehung alle anderen reden – nur die Partner selber nicht miteinander. Paula und Thorsten sind seit vier Jahren zusammen, lieben sich so sehr, dass sie Kinder zeugen könnten, gehen sich aber zur gleichen Zeit so auf die Nerven, dass eine Trennung ebenso greifbar scheint. Gemeinsam haben sie schon einige Abendessen mit Freunden gesprengt, mit ihren aufwallenden Streitereien, die man sonst nur aus französischen Filmen der 70er Jahre kennt. Wenn sie zusammen sind, machen sie Alleinlebenden die Hölle heiß mit ihren Vorträgen über Zusammenleben und »zu zweit eine Geschichte teilen«. Fragt man sie einzeln, sagt Thorsten: »Paula macht mich irre mit ihrer Forderungshaltung und ihrer Ehesehnsucht. Außerdem hat sie zehn Kilo zugenommen, seitdem wir ein Paar sind.« Paula wiederum klagt: »Thorsten geht auf meine Wünsche nicht ein, sieht gar nicht, dass auch selbstständige Frauen irgendwann mal eine Ansage und Sicherheit wollen. Außerdem ist er oberflächlich geworden und gafft magersüchtigen Models hinterher.« Sich zu trennen, fällt den bei den immer schwerer, je länger sie zusammen sind. Sie verstricken sich weiter in Verpflichtungen und Unlösbarkeiten. Und sie haben Angst, sich in der nächsten Partnerschaft zu verschlechtern, wenn sie die aktuelle tatsächlich beenden sollten, denn es erscheint ihnen klar, dass es eine neue Beziehung geben muss – sie kennen es nicht mehr anders.
Dabei sehen die Fakten anders aus: Die Zahl der Alleinlebenden hat sich in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland verdoppelt. In Großstädten machen sie die Hälfte der Bevölkerung aus: 51 Prozent in Berlin, 49 Prozent in Hamburg, 47 Prozent in München. Der alleinige Grund kann nicht nur sein, dass wir uns alle zu Egomaschinen entwickeln, die sich nicht mehr intensiv auf einen anderen Menschen einlassen wollen. Tatsächlich sind die Anforderungen, die ein modernes, selbstbestimmtes Leben in der westlichen Welt mit sich bringt, so was von beziehungsfeindlich, dass man sich eigentlich wundern muss, dass noch die Hälfte der Großstädter in einer Partnerschaft lebt. Frauen und Männer sollen Karriere machen, selbstständig sein, individuell, gleichberechtigt, flexibel bleiben, jederzeit bereit, den Wohnort zu wechseln. Wie das mit einer Beziehung oder Kindern zusammenpasst? Gar nicht.
Das ist auch Marie klar, die Ende 20 ist und es in ihrem Leben bisher auf eine einzige längere Partnerschaft und unzählige Flirts und Kurzbeziehungen gebracht hat. Marie hat sich zügig durch zwei Studien geackert, ist nebenbei viel ausgegangen, hat gelegentlich noch Zeit zum Sport gefunden und einen Freundeskreis aufgebaut, der zum Teil aus ehemaligen Partnern und Affären besteht. Dieser Freundeskreis ist hilfreich, wenn sie verreisen will, weil sie immer irgendwo jemanden kennt, der in eine andere Stadt gezogen ist und den sie besuchen kann. Das ist meistens netter, als mit einem Stadtplan durch die Gegend zu stolpern. Und wenn Marie eine neue Wohnung sucht, schickt sie eine Rundmail. Kinder will sie, seitdem sie denken kann, auch wenn »es wenig realistisch ist, dass ich immer mit einem Mann zusammenbleibe.« Das sagt sie völlig unbetrübt – und obwohl sie gerade einen Freund hat, in den sie seit sechs Monaten glücklich verliebt ist. »Die Kinder müssen ja nicht unbedingt von denselben Vätern sein oder von dem Mann, mit dem ich gerade zusammenlebe.« Sie glaubt, dass es in ihrem Leben vielleicht drei, vier wichtige Beziehungen geben wird. Der Rest sind Versuche, Irrtümer oder kurze, heftige Blitzeinschläge. Von denen wird man nicht unglücklich. Mit Patrick vereint Marie das Problem, dass ihr Verhalten oft als flatterhaft, um nicht zu sagen: obszön angesehen wird. Doch während ein alleinstehender Mann, der Spaß an seinem Status hat, als unverbesserlicher Playboy gilt, kann es für die Frau noch schlechter aussehen: Sie gilt schnell als Schlampe.
Dabei sind es vor allem die Frauen, die von den gesellschaftlichen Veränderungen profitieren. Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es für Frauen einen guten Grund, eine Bindung auch dann auf rechtzuerhalten, wenn die Liebe schon fort war: Versorgung. Sie waren abhängig von ihren Männern. Diese Beziehungsgrundlage haben wir romantisiert, haben ein paar Schleifen und Girlanden darum gewunden, und uns selbst in der Hoffnung gewiegt, dass es um mehr geht als um Kosten und Nutzen, wenn eine Beziehung hält. Es geht auch um mehr, mittlerweile geht es sogar nur noch um mehr, und gerade darum wägen wir, wo uns die Not nicht mehr zusammenschweißt, täglich ab, ob die Liebe ihre Opfer auch wert ist, ob wir uns lieber trennen oder zusammenbleiben sollen.
Wo der Zwang wegfällt, muss der Wille die Lücke füllen. Es ist aber gar nicht so einfach, und vielleicht auch nicht erstrebenswert, den Willen zweier Menschen zu koordinieren. Bei den heute 30-Jährigen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die alten Vorgaben vom Mann als Versorger und der Frau als Hüterin des Haushalts ausgedient haben. Doch es ist nichts an ihre Stelle getreten.
Die US-Autorin Jillian Straus führte Interviews mit hundert Singles unter vierzig Jahren und stellte widersprüchliche Wünsche fest. Frauen haben Erwartungen wie: »Versorge mich, aber lass mich unabhängig sein.« Bei Männern lautet die paradoxe Forderung: »Du sollst mich brauchen, aber bürde mir nicht die ganze Last der finanziellen Versorgung auf.«
Diesen Erwartungen kann und will niemand genügen. Kein Wunder also, wenn Menschen aus diesem Reigen ausscheren und sich das Leben konsequent nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Dazu gehört nicht nur Egozentrik, sondern auch Mut und Offenheit. Es ist anstrengend, immer auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, aber es kann eben auch un glaub lich befriedigend sein. Die Alleinlebenden machen sich gewissermaßen selbstständig, schaffen sich eine eigene Existenz, die sie selber attraktiv finden. Und laden dann diejenigen dazu ein, denen der Entwurf gefällt. Deswegen sind Alleinlebende meistens nur genervt, wenn sie bei Abendessen neben Wildfremde gesetzt werden, die offensichtlich einbestellt wurden, um den Zustand des Allein seins möglichst rasch zu beenden. Meistens ist das von Pärchen eingefädelt worden – die sich dann auch nicht wundern müssen, wenn sie vergammelte Essensreste im Altpapier wiederfinden.
Pärchen und Eltern neigen dazu, einen in ihren Club hineinziehen zu wollen; anderen Menschen ihren Lebensentwurf als ideal zu verkaufen, um mit den vielen kleinen Lügen und Arrangements, die solch ein Leben von ihnen verlangt, nicht alleine sein zu müssen. Zum Beispiel, was den Sex angeht.
Natürlich haben Paare mehr Sex, denn die wenigsten Alleinlebenden finden ein- oder mehrmals die Woche einen passenden Partner für Geschlechtsverkehr. Und Affären, also Partner mit denen man mehr als einmal schläft, wachsen sich schnell zu Beziehungen aus oder enden unglücklich. Andererseits ist den Paaren auch nicht zu trauen, die in Umfragen meistens behaupten, drei Mal pro Woche Sex zu haben. Denn da jeder ein paar Paare kennt, die so gut wie gar keinen Sex mehr haben, müsste es irgendwo auch welche geben, die praktisch gar nicht mehr aus dem Bett kommen.
Und um den Akt an sich geht es ja auch nicht. Das Spannende am Sex ist nun mal nicht der Vollzug, sondern die Anbahnung, das Gespannt sein, die Vorfreude. Oft ist alles, was nach dem Öffnen des BH-Verschlusses oder des Hosenstalls kommt, eine Enttäuschung. Aber die Ankündigung einer neuen Erfahrung elektrisiert uns. Und dass Sex nicht so wichtig ist, behaupten immer nur Menschen, die in Paarbeziehungen leben – was einen sofort misstrauisch machen sollte.
Auch Kreativität entsteht eher selten durch eine harmonische Partnerschaft. Die schönsten Roma ne, die besten Filme, die ergreifendsten Lieder der Kulturgeschichte besingen die Trauer, den Trennungsschmerz, den Liebeskummer, die Unerreichbarkeit. In seinem Roman »Vincent« beschreibt der US-Autor Joey Goebel einen Medienkonzern, der seine Kreativen absichtsvoll unglücklich hält. Durch die erlittenen Schicksalsschläge soll ihre Seele eine Tiefe erlangen, die große Werke erst ermöglicht. Wären alle Menschen glücklich verheiratet, gäbe es vermutlich gar keine Kunst mehr.
Wahrscheinlich ist es so, dass in Zukunft nicht die Alleinlebenden einen Partner finden müssen, sondern die Paare sich zur Erkenntnis durchringen sollten, dass eine Beziehung, schon gar eine lebenslange, nicht mehr der natürlich erstrebenswerte Grundzustand ist.
Wer ist denn, ganz tief unten im bitterkalten Keller seiner Gedanken, schon wirklich überzeugt, den Partner fürs Leben finden zu können oder gar schon gefunden zu haben? Oder nicht doch noch am Hadern, ob der aufregendere, interessantere Mensch um die Ecke warten könnte, vielleicht schon da ist, nur unerkannt, aber ganz nah. Wer einmal länger Single war, weiß, wie viele Menschen in Paarbeziehungen sich immer noch umgucken, fremdgehen und so was von auf der Suche sind, als wäre morgen schon Termin für eine neue Eiszeit.
Ist dieses ewige Suchen eine neue Zivilisationskrankheit? Ach Gottchen. Ja. Und es ist stinknormal, in unseren Zeiten. Man muss ja nicht mit machen bei der Hormonsafari. Niemand zwingt einen, zu nichts. Das ist ja das Grundproblem. Die Welt ist hart, das Leben ist anstrengend genug. Warum sich auch noch für eine Partnerschaft quälen?
Entweder es geht gut oder es geht eben nicht. Vielleicht ist das Problem auch nur, dass noch nicht entschieden genug über neue Lebensmodelle nachgedacht wird. Warum Kinder kriegen, wenn es schon genügend gibt auf der Welt, die nicht ernährt werden können? Warum zeugt man den eigenen Nachwuchs nicht einfach mit jemandem, den man schätzt, und einigt sich gleich darauf, wer später welche Aufgaben zu er füllen hat, anstatt sich ewige Liebe zu schwören? Warum nicht als Rentner in einem Haus eine Wohngemeinschaft aufmachen, wie Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf, der sich auf diese Weise dagegen absichert, ein einsamer Alter zu werden – anstatt sich mit einer Familie abzumühen?
Es wird mehr und mehr Modelle geben, die individuell gebildet werden. Und es wird mehr und mehr Menschen geben, die es sich alleine gut einrichten und ein glückliches Leben nicht von einem Partner abhängig machen. Eine Ehe, zwei Kinder, inklusive Volvo-Kombi, aus dem ein Golden Retriever springt, werden dadurch nicht spießig. Im Gegenteil. Es wird zu einer Aufgabe für Träumer, Wagemutige, Menschen, die Grenzerfahrungen suchen. Irgendwas zwischen Schatzsuche und Extremsport. •
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