superhero! 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 3

Lieber Aaron!

Das hier ist bereits die 10. zerknüllte Seite, und nun ist’s genug mit Worte suchen.

Lieber Aaron!

Das hier ist bereits die 10. zerknüllte Seite, und nun ist’s genug mit Worte suchen- tut mir leid für das zerknüllte Papier, aber andererseits, hast du von mir jemals eine perfekt glatte Seite erwartet?

Ich würd mein Hinterteil darauf verwetten, dass du gerade lächeln musstest, dass sich deine Lachfalten, mittlerweile wohl zahlreicher als damals, um deine so warmen blaugrauen Augen gezogen haben und deine Grübchen in den Mundwinkeln deinem Gesicht den spitzbübischen Ausdruck verleihen, den ich so sehr geliebt habe.

Vielleicht musstest du laut auflachen. Ich muss zumindest gerade lächeln, wenn ich an dein Lachen denke, an dieses glockenhelle Kinderlachen, dass du auch mit Mitte 20 noch hattest und das so gar nicht zu deiner rauhen, dunklen Stimme mit deinem Südstaaten-Vibe passen wollte.

Oh, die Südstaaten! Nachmittelang habe ich dich damit aufgezogen, wie sehr du dem Texas-Klischee entsprichst. Und du hast nur deinen stärksten Slang aufgelegt, weil du wusstest, wie sehr mich das zum Lachen bringen würde, hast mich enger an dich gezogen und mir, immer unter Decken, weil dir Europas Temperaturen grausam kalt vorkamen, Geschichten aus deiner Kindheit erzählt, Geschichten von Countrydancing, Footballspielen, deiner geliebten Uni, deiner Familie.

Und so männlich du auch bist, mit deinen einmeterneunzig, dem trainierten Körper und dem Bart, den du nach einiger Bettelei meinerseits stehen lassen hast, als du auf die Frage, was man an einem regnerischen Herbstsonntag in Paris unternehmen könnte, mit zu mir rüberkommen, kuscheln und dem Regen zuhören geantwortet hast, wusste ich, wie sehr es bereits um mich geschehen war.

Wir konnten so gut zusammen schweigen, vielleicht, weil mein kleiner, zarter Körper so gut in der Wölbung deiner Armbeuge platzfand, vielleicht, weil du mit deiner ruhigen Ausstrahlung der Gegenpol zu meiner quirligen und chaotischen Art bist. Wie auch immer, weißt du eigentlich, wie sehr ich es genossen habe, nur neben dir zu liegen, Serien auf Netflix zu schauen, für die du ohne Nachfrage Untertitel für mich zugeschaltet hast, Bier zu trinken und mit deinen Fingern, an denen dein so hochgeschätzter und hart erkämpfter Aggie-Ring hing, zu spielen?

Erinnerst du dich noch an all die deutschen Wörter, die du erfunden hast? An Heischkenbeischken zum Beispiel? Oder wie wir einen ganzen Sonntag durch Paris gelaufen sind, in Paris, wir leben in Paris hast du immer wieder gesagt, nur um indisches Take-Away zu finden? An unser erstes Date in Montmarte, den Spaziergang an der Seine, den ersten Kuss im Jardin des Tuilleries, wie wir nach einigen Stunden die 6 Treppen zu deiner Wohnung im 6. Stock, Hinterhaus, hochgestiegen sind, durch dieses schäbige Treppenhaus, und die mir auf halber Strecke in vollem Ernst versichert hast, dass das keine Vergewaltigungstaktik sei und hinter all den Türen wirklich Leute leben? Daran, wie ich dir unter Aufwendung meiner gesammelten Willenskraft Grenzen gezogen habe, kein Sex beim ersten Date, und du in Gelächter ausgebrochen bist, mir die Haare aus dem Gesicht gestrichen hast und mir versichert hast, ich würde dich so schnell nicht mehr loswerden. An unseren gemeinsamen Urlaub, die Fernbus-Couchsurfing-Lowbudget-Europatour?

Ach, was frag ich überhaupt, warum solltest du das auch vergessen?

Wir malten uns die Zukunft in rosaroten Pastelltönen, du sprachst von Hochzeit, davon, wie schön, wie klug unsere Kinder sein würden, wie wir unsere kleine Familie in Frankreich aufziehen würden. Es wurde so schnell so ernst, vielleicht hatten wir beide einfach das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Zugehörigkeit, wo doch unsere Freunde und Familien hunderte und tausende von Meilen entfernt waren. Du plantest, deinen Master in Deutschland zu machen, und ich würde meine Medizinuni danach auswählen.

Ich war so jung, und du warst so viel älter, und keiner hats gemerkt. Du nicht, ich nicht, die Passanten in der Metro nicht. Ich bin die letzten Jahre grad mal so durchs Leben gestolpert, hab mich von Glücksmoment zu Glücksmoment gehangelt, war immer mit von der Partie, doch nie dabei, fühlte mich nie wohl. Du hast so viel mehr erlebt, mehr Frauen im Bett gehabt, mehr Reisen, mehr schlechte Erfahrungen und doch so viel mehr Bindungen an dein zuhause.

Mit dir war ich glücklich. Ich bin angekommen, habe realisiert, dass zu Hause oft kaum mehr als zwei Arme, die dich festhalten, wenn’s dir dreckig geht, sein muss.

Und dann warst du weg.

Ich bin spät abends heimgekommen, war mit meiner besten Freundin im Kino und wollte dir noch erzählen, wie seltsam der Film war, nehme mein Handy, sehe deine Facebooknachricht.

Dass deine Gastfamilie, du warst wie ich als Nanny hier, deine so abgedrehte, unfreundliche, versnobte Gastfamilie, die du so sehr gehasst hast, dir nach einigen Monaten voller Drohungen, dein Visum platzen zu lassen nun gedroht hat, mit erfundenen Anschuldigungen deinen Pass sperren zu lassen. Dass du Panik gekriegt hast, in einer Nacht und Nebel Aktion zurück nach Amerika geflogen bist und auf Anraten der Botschaft niemanden etwas erzählt hast. Dass du mir für die letzten Monate dankst, dafür, dass ich Paris unvergesslich gemacht habe und dass du hoffst, den Kontakt zu halten.

In mir krampft sich alles zusammen, ich kauere mich zusammen, tippe zurück.

Wir schlafen beide nicht in dieser Nacht, sitzen in unterschiedlichen Zeitzonen und uns geht’s hundeelend.

Aaron, ich komm nicht über dich hinweg. Ich hätt so gern Goodbye gesagt, dich ein letztes Mal in die Arme genommen und einen Schlussstrich gezogen. So habe ich kein richtiges Ende, keine Trennung. Jeder Flirt fühlt sich wie Betrügen an, die Tage ohne dich leer und eintönig.

Meist geht’s mir nicht mal wirklich schlecht, mir geht’s ok, wenn ich grad nicht an dich denke, aber beschissen, wenn du in meinem Gedanken auftauchst.

Weißt du, was wirklich weh tut, ist, dass wirs nicht verkackt haben, sondern dass uns das Ruder so einfach aus den Händen gerissen wurde und alles Klammern und Festhalten nichts mehr half.

Mensch Hun, ich vermisse dich, würd so vieles dafür geben, dich noch einmal Babe sagen zu hören, einmal noch mit dir zu schlafen, dein Lachen zu hören und dein Französisch mit dem amerikanischen Akzent und einen langen, faulen Sonntag mit dir zu verbringen.

Doch wir sind jung und arm und die Flüge sind unverschämt teuer und wir glauben nicht in Fernbeziehungen.

Ich hoffe so sehr, dass du glücklich bist.

Hun, ich geb’s auf, der Brief wird nicht mehr besser.

xo


Tags: Fernbeziehung, Trennung, Fernweh, Vermissen, Erinnerungen, liebe, the one and only, Amerika, deutschland, paris, Paar, Frankreich
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Kommentare

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    "Weißt du, was wirklich weh tut, ist, dass wirs nicht verkackt haben, sondern dass uns das Ruder so einfach aus den Händen gerissen wurde und alles Klammern und Festhalten nichts mehr half." Irrealer Schmerz, irreale Situation und keiner versteht einen. Ich kann dich voll und ganz verstehen und jedes deiner Worte hat sich für mich angefühlt, als hätte ich es selbst geschrieben. Ich wünsche Dir viel Stärke, viele gute Freunde, die Dir helfen, diese Zeit durchzustehen und ein Wiedersehen auf allen Ebenen.

    22.11.2014, 20:59 von Liilablassblau
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    vor allem das letzte drittel war unfassbar berührend für mich - wunderbar!

    21.11.2014, 11:31 von buodi
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