Annabel_Dillig 17.01.2008, 15:16 Uhr 0 6

Liebe braucht Eifersucht

EIFERSUCHT ruiniert Beziehungen und ist nicht vereinbar mit der modernen Welt. Doch in der richtigen Dosis verabreicht, kann sie eine Liebe retten.

Kein Mensch ist mehr eifersüchtig. Rainer M. aus der Zeitungsmeldung vielleicht, der seiner Freundin mit vier Messerstichen erklären wollte, dass sie ihn nicht verlassen soll. Aber wir doch nicht. Zu mindest nicht offiziell. Wer will sich schon nachsagen lassen, den Partner mit Besitzansprüchen einzuengen? Eifersucht ist lächerlich. Und dann steht man plötzlich auf dieser Party und kann nicht fassen, dass man zu so primitiven Reflexen doch fähig ist. Seit einer halben Stunde lacht sie nun diesen blonden Deppen an. Wie er ihr dämlich grinsend nachschenkt, dieser Gentleman für Arme. Wie sie sich ständig durch die Haare streicht! Wie sie sich ebenso lässig wie lasziv an die nackte Schulter fasst. Sie spult ihr Flirtprogramm ab, nichts anderes. Man kennt es, hat ja damals auch bei einem selbst funktioniert. Jetzt berührt er auch noch ihre Hüfte! Genug. Zeit für eine partysprengende Szene. Keule rausholen, hingehen. Nee, geht nicht. Wir leben nicht mehr im Pleistozän. Aber was sollen die anderen denken? Sie demütigt mich hier vor allen Gästen.

…Wir sind ziemlich aus der Übung gekommen, wenn es darum geht, Eifersucht zu zeigen. Kein Wunder. Unsere Beziehungskonzepte sind schein bar zu modern für dieses altmodische Gefühl. Wäre Eifersucht eine Person, wir würden sie uns wahrscheinlich als keifendes Mütterchen mit Lockenwicklern vorstellen, das mit dem Besen gegen die Zimmer decke klopft. Die Alte passt nicht mehr zu unserem Lebensstil. Die Sache ist: Wir mögen sie für nervtötend und lächerlich halten – aber es gibt sie nun mal. Von den Bewohnern tropischer Inselparadiese, von denen man lange glaubte, sie würden ohne Besitzdenken zusammenleben, bis zu den Freie-Liebe-Jüngern an den Stränden von Cap D’Agde: Anthropologen kennen kein Volk der Erde, dessen Menschen nicht eifersüchtig sind. Achtzig Prozent der Deutschen, die von der Gesellschaft für Rationelle Psychologie befragt wurden, ge standen dann auch, eifersüchtig zu sein – anonym versteht sich. Bei einer solchen Mehrheit wäre es nicht schlecht, der keifenden Alten mal wieder Gehör zu schenken. Möglicherweise hat sie etwas Interessantes zu erzählen: dass Eifersucht zum Beispiel das Zeug hat, eine Beziehung zu retten. Und dass das Gefühl einem oft mehr über die eigene Person sagt als über den Zustand der Partnerschaft. Im Prinzip weiß man ja, dass die Freundin einen für das blonde Hohlbrot auf der Party nicht verlässt. Nur ist da eben die eigene Unsicherheit, die einem sämtliche marktwertmindernden Defizite vor Augen führt:

Der Typ hat weniger Bauch-, dafür tieferen Haaransatz und noch dazu den besseren Bizeps. Im Wahn, sich mit allem und jedem zu vergleichen, übersehen wir aber etwas: Liebe heißt, das Gesamtpaket zu kaufen, nicht einen Oberarmmuskel. Und dass sich die Freundin trotz Partygästen die aussehen wie Daniel Craig für dich entschieden hat, kann ein sehr tröstender Gedanke sein. Warum wir uns den ständigen Abgleich mit anderen immer wieder antun? Es ist die Angst, dem Vergleich nicht standzuhalten. Ein Schönerer, Klügerer, sexuell Aktiverer könnte da herkommen, unser Partner es sich noch einmal überlegen. Anders als in der Generation unserer Eltern dominiert in unseren Beziehungsbiografien das Stückwerk: zwei Jahre mit jemandem zusammen, eins alleine, drei zusammen – bei manchen geht das so ein Leben lang. Und selbst in einer festen Beziehung hat man oft das Gefühl, weiter konkurrieren zu müssen gegen die Singles draußen. Der Wettbewerb geht nie zu Ende. Hinkende Vergleiche sind ein Auslöser für Eifersucht, meistens für unbegründete. Ein anderer ist die Konfrontation mit dem konkreten Grauen in Gestalt der Exfreundin oder noch schlimmer: einer Exaffäre. Letztere provoziert unsere Eifersucht noch stärker. Denn sie behält, so fürchten wir, für unseren Partner noch jahrelang den Nimbus der Unkompliziertheit und des guten Sex. Wie bei Philip und Laura. Seit zwei Jahren sind sie zusammen. Die beiden bilden unangefochten das Lieblingspaar ihres Freundeskreises. Keine peinlichen Szenen auf Partys, kein Gezicke, keine Machtspielchen.

Es war eine SMS, die es schaffte, trotzdem alles ins Wanken zu bringen: Eines Abends schickte Philip Laura eine Frage aufs Handy: »Michaela ist am Wochenende in der Stadt. Was dagegen, wenn sie hier übernachtet?« Michaela, das ist Philips sagenumwobene Exaffäre aus seiner spaßorientierten Vor-Laura-Zeit. Laura stand gerade in einer Bar. Sie geriet in Panik und war drauf und dran, Philip mit einem deutlichen Ja zu antworten. Doch die Meinung am Tisch war gespalten: »Wenn er so offen fragt, ist es okay«, sagten die einen. »Ich wäre froh, wenn ich vorher gefragt werden würde«, die anderen. Die dritte Fraktion folgerte aus Lauras Reaktion, dass das Problem wohl bei ihr zu suchen sei. Schließlich habe Verlustangst ja immer auch mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun. Eifersucht und Besitz denken, das sei wie ein kratziger Schal, von dem man sich einfach befreien müsse, so die Hippie-Argumentation. Nur weil Laura nicht in die Rolle der eifersüchtigen Freundin geraten wollte, schluckte sie das ungute Gefühl mit kühlem Bier herunter und sagte: nichts. Der US-amerikanische Psychologe David Buss fand heraus, dass nur die Hälfte der Befragten dem Partner die Eifersucht eingesteht. Buss erklärt dies mit der Logik des sinkenden Partnerwerts: »Mit der Verheimlichung der Eifersucht verheimlicht man gleichzeitig das Gefühl, sich bedroht zu fühlen und vermeidet, dass der Partner einen Unterschied in der Begehrlichkeit vermutet.« Lauras mühsam angenommene Laissez-faire- Haltung wurde nicht belohnt: Die Exaffäre kam durch die Tür, die Laura buchstäblich geöffnet hatte, nicht nur mit dem Gepäck für eine Nacht, sondern mit einem großen Koffer, mit dem sie sich in Philips Leben breitzumachen gedachte: Kaffee trinken am Nachmittag, ausgehen am Abend – die Freizeitanfragen von Michaela häuften sich. Was nun? Laura zog sich verletzt zurück.

Sie verstand nicht, warum ihr Freund nicht stärker zeigte, dass er vergeben war. Die beiden hatten nie über Grenzen gesprochen. Sie hielten sich für eines der Paare, das keine Regeln braucht. Auf einmal merkte Laura, dass diese liberale Haltung gar nicht ihre war, sondern eine Erwartung anderer an sie. Sie erkannte auch, dass sich Eifersucht nicht nur gegen eine Person, sondern auch gegen eine Zeit richten kann – gegen eine Lebensphase, die eine andere mit dem Partner verbracht hat. Laura beneidete Michaela, weil sie den unbeschwerten Philip mit Mitte zwanzig kannte: Laura dachte an Studentenpartys mit schnellem Sex auf dem Jackenberg im Gästezimmer. Es machte sie rasend. Was, wenn nur Zufälle damals verhindert hatten, dass aus den beiden nichts wurde? Für Laura war immer klar, dass sie keine offene Beziehung wollte. Aber war das auch Philips Haltung? Laura war sich nicht mehr sicher. Sie hatte geglaubt, die Tatsache, dass sie mit ihm kein Beziehungsmodell diskutieren musste, sei ein gutes Zeichen. Jetzt stand sie da und hatte nichts, woran sie sich festhalten konnte. Philip dagegen glaubte, Laura würde es ihm ehrlich sagen, wenn sie etwas störte. Er setzte das Spiel fort, weil er nicht zum Aufhören gezwungen war: 58 Prozent der Deutschen glauben laut einer repräsentativen Studie im Auftrag von Elle, dass Eifersucht ein Zeichen dafür ist, dass jemandem die Beziehung wichtig ist. Philip gehörte offensichtlich dazu: Aus Lauras Schweigen schloss er, dass es ihr egal war, mit wem er sich traf. Und dann geriet alles außer Kontrolle. Laura wurde zum Freak. Wenn Philip nach dem Fußball nicht erreichbar war, ging sie unter einem Vorwand an der Bar vorbei, in der er mit den Jungs immer noch was trinken ging. Wenn Philip sagte, er brauche einen Abend für sich, wähnte Laura Michaela hinter dem »sich«. Als sie schließlich so weit ging, Philips SMS-Speicher durchzusehen, und er sie dabei erwischte, kam es zum großen Knall. Endlich.

Zu viele Missverständnisse waren entstanden, die ausgeräumt werden mussten. Natürlich wollte Philip Laura nicht für Michaela verlassen. Im Gegenteil. Er war selbst genervt davon, wie sehr ihn Michaela in Beschlag genommen hatte. Und schließlich gestand er, dass das ein oder andere Treffen mit ihr auch eine Trotzreaktion auf Lauras zelebrierte Wurschtigkeit war. Am Ende sah Laura ein, dass sie sehr wohl Grenzen brauchte. Dass ihre Eifersucht ein Gradmesser war, eine Art Alarmanlage, die sie davor schützte, verletzt zu werden. Auch wenn wir von der Liebe ohne Besitzdenken träumen und uns Beziehungskisten jenseits der Pärchennorm zurechtzimmern – Psychologen wie David Buss wissen: »Es trägt zur Erhaltung der Liebe bei, dem Partner über Eifersucht emotionale Verbindlichkeit zu kommunizieren. « Nichts anderes hatte Laura getan, und es war die Reißleine für ihre Beziehung. Buss geht sogar einen Schritt weiter: »Das Fehlen von Eifersucht kann eine Art emotionale Bankrotterklärung sein.« Buss sagt nicht, dass sich alle, die in einer offenen Beziehung leben wollen, grundsätzlich etwas vormachen. Er zielt auf etwas anderes: dass sich Eifersucht – trotz aller Dramen – in der Menschheitsgeschichte – als ziemlich nützlich erwiesen hat. Zweierbeziehungen hätten ohne sie im Lauf der Jahrhunderte keine Überlebenschance gehabt. Die Evolution meinte es nicht gut mit den Nichteifersüchtigen. »Der ›Unvorsichtige‹ hatte über kurz oder lang das Nachsehen«, sagt Paartherapeut Dr. Marcus Damm. Aber kann das wahr sein: Eifersucht als alter und neuer Beziehungskitt? Wie bei jedem Gift kommt es schlicht auf die Dosierung an. Und die entscheidet sich häufig entlang der Frage: Sorgst du dich noch oder stalkst du schon? Die Frage nach Details der Abendgestaltung kann der Beginn einer Entwicklung sein, die wie bei Rainer M. bis in die vermischten Zeitungsmeldungen führt – meist ist sie das nicht. Ist es nicht herzerwärmend, wenn sich der Freund scheinheilig erkundigt, bevor man mit den Mädels in den Club geht, ob da auch »Jungs sein werden«? Sagt das nicht auch: »Baby, ich weiß, du könntest sie alle haben, und ich bin der größte Glückspilz, dass du ausgerechnet mich erwählt hast!« Natürlich gibt es auch Typen von Eifersucht, die unbegründet sind: Gerade wer eine Fernbeziehung führt, läuft Gefahr, den Partner überwachen zu wollen – glaubt man jedoch dem US-Psychologen Gregory Guldner, ist die Wahrscheinlichkeit für tatsächliche Untreue in einer Fernbeziehung nicht größer als bei Paaren, die am selben Ort leben.

Eine gute Nachricht für alle Long-Distance-Lover. Und was die Party mit dem Daniel-Craig-Verschnitt betrifft: In Wahrheit ist man doch ein bisschen stolz, wenn der Freund zur Reviermarkierung ansetzt. Die Elle-Studie zeigte auch, dass 78 Prozent der Befragten zur Schau gestellte Eifersucht für weniger schädlich halten als Gleichgültigkeit. Und wer findet es nicht auch unterhaltsam, wenn der Freund den Widersacher von dessen vertrautem Terrain (Actionfilme) weglotst und ihn nach der Meinung zur neuen Castorf-Inszenierung an der Volksbühne fragt? Ja, das ist Steinzeit, aber die charmante Version. Wer sich erfolgreich vom einengenden Gefühl der Eifersucht emanzipiert hat, herzlichen Glückwunsch. Alle Normal-Wahnsinnigen sollten es mit Herrn Lehmann halten. Der sagt in Sven Regeners Roman zu seiner Ex: »Ich liebe dich, verdammte Kacke, und wenn ich mich nicht mal mehr darüber aufregen kann, dass du hier mit Kristall-Rainer reinkommst und rumturtelst, dann bin ich tot, verstehst du? Dann gibt es überhaupt nichts mehr, wo rüber man sich aufregen kann.«


Tags: Eifersucht, Fremdgehen, Liebeskummer, Trennung
6

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare