House_AB 29.03.2017, 23:03 Uhr 3 2

Licht und Motte

Im Urlaub fährt er an den Bodensee und vermutlich könnte er die Nacht nicht schlafen, wenn er aus Versehen Plastik in den Papierkorb geworfen hätte.

Schwer atmend tasten wir im Dunkeln nach einander. Feuchte Erde, kalter Stein, warme Hand. Seine Hand schließt sich um meine. “Bist du okay?”, fragt er ächzend. “Ich glaube schon”, sage ich, nachdem ich kurz meine Glieder vorsichtig bewegt habe. “Du auch?”

“Mein Hand tut weh, aber gebrochen ist sie denk ich nicht.” antwortet er zögerlich. Ich suche mein Handy. Wider Erwarten habe ich Empfang, wenn auch schlechten. Der miesgelaunte Polizeibeamte in der Telefonzentrale fragt immer wieder nach, wer denn dran sei.

„Wir sind in ein Loch gestürzt. Wir waren auf dem Weg nach...ähm...“

Überfordert schaue ich nach links. Er nimmt mir das Handy aus der Hand und erklärt ausführlich. Männer. Wie viele Kilometer nach Norden und Osten wir gegangen sind beschreibt er detailliert, während ich mich an Büsche, Bäume und einen Mülleimer mit einem roten Aufkleber erinnere. Und keine einzige Bank gab es, obwohl ich nicht mehr laufen konnte. Es war gerade dabei, genauso ein furchtbares Date zu werden, wie ich es erwartet hätte. Man datet nunmal nicht einen One-Night-Stand, der ein Kollege ist und offensichtlich Gefühle hat -- und tut dann auch nicht so, als würde man gerne wandern. Es war furchtbar. Bis wir hier reinfielen.

Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit und im dumpfen Licht ziehe ich mich näher an ihn heran, schmiege mich an ihn. Seine Wärme und sein regelmäßiger Atem beruhigt. Das Loch durch das wir stürzten und durch das noch Licht hineinfällt scheint meilenweit entfernt. Er legt seinen gesunden Arm um mich und zieht mich näher an sich, sodass mein Kopf auf seiner Schulter liegt.

            „Sie schicken einen Suchtrupp, in spätestens einer Stunde können wir hier raus.“

Ich muss trotz der verqueren Situation, oder gerade deswegen, lachen. Er grinst und schaut mich nachdenklich an. Seine wundervollen Augen blitzen kurz auf bevor er seinen Blick abwendet. „Was?“, frage ich neugierig. Er schüttelt nur mit dem Kopf.

„Sag!“

Ich spüre, wie er mich näher an sich zieht, sein Gesicht in meinen Haaren vergräbt und tief einatmet. „Ich habe nur gedacht, dass ich mit niemandem lieber in diesem Loch säße als mit dir.“

Normalerweise würde ich jetzt schreiend davonlaufen. Stattdessen merke ich, wie ich debil grinse. „Ist das jetzt ein Kompliment?“

„Möglich“ erwidert er betont mysteriös, schiebt mich ein wenig von sich weg und schaut mich ernst an. Ich grinse weiter debil vor mich hin. Er ist der verschlossenste Mann, den ich kenne. Und ja, ich sage Mann, denn obwohl er nur zwei Jahre älter ist als ich, ist er wirklich erwachsen. Bodenständig. So furchtbar vernünftig. Er macht nie etwas verrücktes oder verbotenes. Er fährt Fahrrad mit Helm und nie ohne Licht. Er geht nie über rot, weil das ja Kinder sehen könnten, trinkt keinen Alkohol und findet es gut, da zu sterben, wo man auch geboren wurde. Im Urlaub fährt er an den Bodensee und vermutlich könnte er die Nacht nicht schlafen, wenn er aus Versehen Plastik in den Papierkorb würfe. Er führt ernsthafte Freundschaften und Beziehungen, die auf’s Leben ausgerichtet sind.

Und er ist das komplette Gegenteil von mir. Mein halbes Leben tourte ich bisher durchs Ausland, Beziehungen waren immer nur temporär. Ich liebe Cocktails, lustige, alkoholreiche Abende mit den Mädels und rauche gern auf Partys. Wie viele One-Night-Stands halte ich geheim. Hauptsächlich, weil ich es nicht mehr genau weiß. Und beim Wandern in ein Loch fallen, ist bei weitem noch nicht das dümmste, was mir bisher passiert ist.

Es zog mich immer wieder weiter und mein Herz ist voll von Fernweh und Heimweh nach den Städten und Menschen und Sitten, die ich kennenlernen durfte. Länger als drei Jahre an ein- und demselben Ort? Verrückt? Und einen Fahrradhelm besitze ich auch nicht.

Aber aus mir völlig unbekannten Gründen zieht es mich zu ihm hin, wie die Motte ins Licht. Der Vergleich scheint hier sehr treffend. Obwohl das alles Dinge sind, die ich nicht nachvollziehen kann, tolerieren womöglich auch nicht. Nie? Trotzdem. Mist. Ich kann seinen Augen kaum standhalten und bin froh über das dämmrige Licht, als ich im Kopf auf einmal drei Schritte überspringe und mir das Blut in die Wangen steigt. Er riecht nach frischer Wäsche und Duschgel, obwohl wir eine Stunde lange in der Sonne den Berg hochgelatscht sind und schließlich in dieses Erdloch rutschten.

            Sein Blick senkt sich, bleibt an meinem Mund hängen, auf dessen Unterlippe ich angefangen habe, nachdenklich zu kauen. Er neigt seinen Kopf, sodass sich unsere Nasen leicht berühren. Ich erstarre und wir verharren in dieser Position. Mein Herz stolpert als mir klar wird, dass ich das hier nicht fördern sollte. Oder? Unbewusst bewege ich mich leicht von ihm weg. Er küsst mich flüchtig, aber irgendwie selbstverständlich, auf den Kopf und lehnt sich dann wieder an den kalten Stein.

            „Frierst du? Willst du meine Jacke?“, kommt es da auf einmal von ihm. Okay, der Moment ist also offiziell wieder vorbei. „Nein, danke.“, sage ich, nicht bemüht meine kognitive Dissonanz zu verbergen. Ich richte mich auf und wir sitzen wort- und bewegungslos  nebeneinander.

            „Tut mir leid“, murmelt er auf einmal in die Stille hinein. Es sind bestimmt 10 Minuten vergangen, in denen wir uns angeschwiegen haben und als ich mich ihm zuwende, kann ich ihn kaum noch erkennen. Verdammt, es wird schon dunkel? Was, wenn sie uns nicht finden? Zum ersten Mal keimt Panik in mir auf. „Quatsch, ist doch nicht deine Schuld, dass wir in dieses Loch gefallen sind. Tut deine Hand noch weh?“

Er seufzt. „Nein, ich glaube, ich habe nur das Handgelenkt überstreckt beim Aufprall. Halb so wild.“

Wir schweigen wieder bis wir beide gleichzeitig Luft holen, um etwas zu sagen und uns wieder abwenden. Ich greife nach seiner gesunden Hand, ziehe mich wieder an seine Schulter, drehe mich auf die Seite und wandere mit den Fingerspitzen langsam über seine Brust, fahre die Naht seiner Hemdtasche nach. Keine Gegenwehr. Ich öffne den obersten Knopf mit zwei Fingern, bevor ich meine Finger sanft über seinen Hals zum Ohr gleiten lassen. Ich spüre, wie er sich verkrampft, woraufhin ich die Hand sinken und wieder auf seiner Brust ruhen lasse. Ich hebe den Kopf. Mittlerweile ist es wirklich dunkel. Sein Atem auf meiner Haut, seine Stirn an meiner. Sein Herzschlag unter meiner Hand. Ich recke meinen Hals und unsere Lippen berühren sich für einen winzigen Moment, bevor sie meinen Nasenrücken hochstreifen, wieder zurückkommen, mir einen sanften Kuss auf den Mundwinkel hauchen. Ich setze mich auf und ziehe ihn am Hemdkragen zu mir heran, fahre ihm durch die Haare und küsse sanft seine Halsbeuge. Er atmet erschrocken die Luft ein und atmet sie angestrengt wieder aus, als ich sanft die Stelle neben seinem Ohr Küsse.

Unsere Nasen berühren sich wieder. Ich küsse ihn, vorsichtig, darauf wartend, dass er mich küsst. Was er nicht tut. Ich versuche, mich zurückzuziehen, aber er lockert seinen Griff an meiner Hüfte nicht, sodass ich nicht von ihm wegrücken kann und seinen Atem an meinem Hals spüre, als er flüstert

„Was tust du mir bloß an?“

Ich schließe die Augen und spüre mein Herz schlagen, als er sich küssend meine Halsschlagader hinaufarbeitet, mir überraschend gekonnt eine Haarsträhne hinter das Ohr streicht, mit seinem Daumen mein Kinn hebt und mich so leidenschaftlich küsst, dass ich alles vergesse. Den Fahrradhelm. Die Heimatliebe. Die Vernunft. Die Unterschiede.

Verdammt, diese stillen Wasser.

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3 Antworten

Kommentare

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    Bin durch deinen letzten Text hier gelandet. Muss sagen ich mag deinen Schreibstil :) so schön locker und unverkrampft.

    19.02.2018, 15:57 von _Jubilee_
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    warum nicht. das hat die sau bestimmt alles so eingefädelt!

    einzig die stelle mit der kognitiven dissonanz, auch wenn ich das konstrukt schätze, ist irgendwie verstörend. an solche dinger denkt man doch nicht, wenn man kognitive dissonanz erfährt. sondern das wird nachher hinzugefügt, wenn die ration wieder übernimmt. daher passt es nicht zum augenblick, den du im präsens beschreibst, denke ich. oder?

    30.03.2017, 10:11 von libido
    • 0

      ratio ,)

      30.03.2017, 10:12 von libido
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