MissKellyMojo 20.09.2010, 13:16 Uhr 15 20

Letztes Mal bei Dir

Ich kann jetzt in Deiner Wohnung rauchen, weil es jetzt auch alles egal ist.

Ich habe es lang genug vor mir her geschoben und es dann doch gemacht. Dachte immer, ich sei mir nicht sicher, war es eigentlich aber die ganze Zeit. Außerdem hatte ich es versprochen.

Die Fahrt zu Dir fühlt sich seltsam an. Eigentlich noch ganz in Ordnung, scheiße wird es erst in Weetzen. Dieser beschissene Kleinstadtbahnhof . Ich muss anhalten, fahre auf den Parkplatz und hab das Bild vor Augen, wie wir gemeinsam vom Bahnsteig zu Deinem Auto gehen. 128, denke ich mir, die Nummer für die Karte nach Pyrmont.

Ich krieg mich selber wieder auf die Reihe und fahre weiter, geht so. Am Friedhof vorbei, Bilder von der Trauerfeier ziehen vorbei. Der Aldi, mein Ring und dein Gesicht, als Du ihn mir gabst.

Ich sehe das Haus schon von weitem, aber Ernie sehe ich nicht. Ernie konnte jeder, der durch Leveste fuhr, eigentlich schon einen Kilometer vor Ortseingang sehen. Anhalten, parken, Luft holen, Sachen nehmen, klingeln.
Sie macht mir die Tür auf, wir brechen beide in Tränen aus und umarmen uns. Es tut mir so leid. Die Fußmatte kennt mich und meine Schuhe. Das Treppengeländer, über das ich meine Tasche hänge, kennt schon alle meine Taschen und Jacken noch dazu.

Die Küche fühlt sich an wie früher und auch der Cappuccino schmeckt wie früher. Die Sonne scheint ins Wohnzimmer und auf den Tisch, ich denke an Geburtstagskuchen, Abendessen und so.

Endlich gehen wir nach oben - der Kalender vor Deiner Tür, den kenne ich. Juni 2008 sagt das Blatt und ich frage mich, wie lange er da noch hängen wird, ist nicht mal ein schöner Kalender.

Zack! Bilder über Bilder, Gerüche, Gefühle, Gedanken, alles zu viel. Das Sofa, der Kühlschrank mit dem Bierkrugmagneten, alles zu viel. Ich muss eine rauchen. Gehe auf den Balkon. Sie sagt, ich kann ja jetzt auch drinnen rauchen, stört ja niemanden mehr. Ich bleibe trotzdem in der Tür stehen. Sie redet ganz viel, lacht auch mal, ich lache auch. In der Küche warnt sie mich vor der Schranktür. Ich lache und Tränen rollen mir die Wangen runter "Ich hab mir hier schon so oft den Kopf gestoßen, was kommt es jetzt auf das eine Mal noch an?".
Wir stehen da, die Sonne lässt die Balken knarzen. Sie räumt Kram von links nach rechts, ich sitze auf dem Bett "Ein bisschen so wie wenn er auszieht und wir jetzt alles einpacken müssen, so ist das."

Bilder, Briefe, Filme - in den Karton. Karton und wir ins Auto, wir fahren zum Friedhof. Ich wusste gar nicht, dass Du da liegst. Das Grab ist auch irgendwie langweilig, die Platte kommt erst im Sommer. Ist mir auch egal, weil Du komische Engel auf Wolken eh nicht so gut gefunden hättest, und ich wage zu bezweifeln, dass Du den jetzigen Kitsch, der da so liegt, gut finden würdest. Das habe ich mir schon an der Trauerfeier gedacht, lief alles ziemlich uncool ab. Sterben ist auch ziemlich uncool.

Ich fahre sie nach Hause und nehme sie in den Arm, was bleibt mir auch anderes übrig. Ich fahre ziemlich schnell weg und will nicht mal in den Spiegel gucken, einfach weg. Erst ein paar Kilometer später halte ich an und habe das Gefühl, ich kann nicht mehr nach Hause fahren. Als wäre alles in Ordnung, wenn ich einfach hier auf dem McDonalds Parkplatz stehen würde, mir vorstelle, ich treff Dich gleich und warte.

Aber das Warten hilft nichts, Du würdest nämlich niemals kommen, und weil ich das zu deutlich weiß, bleibt mir nichts anderes übrig als nach Hause zu fahren.
Sind alle vorsichtig mit mir, als ich mit dem Umzugskarton wiederkomme, lehne spazieren gehen, Kaffee trinken (oder Wein, schlägt Mama vor) ab. Ich will nur Fotos gucken. Geht mir nicht so herzzerreißend schlecht, aber traurig und wehmütig fühlt sich das alles an, das letzte Mal in Deiner Wohnung gewesen zu sein.

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15 Antworten

Kommentare

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  • 0

    dein text ist schlicht und trotzdem intensiv. das haut einen echt um! sehr schön geschrieben :)

    18.01.2011, 16:13 von muvrini
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    Herzliches Beileid!
    Beim schreiben kann man seinen Gefühlen freien Lauf lassen und diese auch verarbeiten.
    Du hast deine Gefühle sehr gut rüber gebracht - hatte Tränen in den Augen!
    Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft!

    24.09.2010, 20:43 von LaLuna9
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    Wer ist die andere, die dir beim Wegräumen hilft?

    Ansonsten sehr guter Text. Hab ihn gerne gelesen.

    23.09.2010, 09:17 von bea_callous
    • 0

      @bea_callous Seine Mama.

      23.09.2010, 10:03 von MissKellyMojo
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    : ( eigentlich weiss ich garnicht, was schreiben. macht mich traurig. sehr sogar. das heisst, du hast zeigen können, wie weh dir das alles tut.

    21.09.2010, 06:14 von Soeyee
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    sprachlich verkommen und zu einfache Grammatik, um den Sachverhalt angemessen darzustellen.
    Partizipien bleiben die Ausnahme und dominieren Tagebuchgedanken, die scheinbar nicht überarbeitet wurden.
    Schade.

    20.09.2010, 22:54 von thor_ben
    • 0

      @thor_ben zu verkommen um den sachverhalt angemessen darzustellen? ich wünsche dir die geistesgegenwart im falle des todes eines geliebten menschen ein grammatikalisches meisterwerk anzufertigen.

      Kritik hab ich im Prinzip kein Problem mit, aber der satz war ja wohl ein epic fail an mitgefühl.

      21.09.2010, 09:54 von MissKellyMojo
    • 0

      @MissKellyMojo ich mag tagebuchgedanken, die sind so ehrlich ;)

      das trifft es. das sind die gedanken und eindrücke aus diesem moment. erhebe keinen anspruch auf eine deutschklausur.

      21.09.2010, 09:56 von MissKellyMojo
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      @[Benutzer gelöscht] Vielen Dank, vielleicht stimm es halt manchmal, dass nur wirklich schlechte Gefühle einen zu Höchstleistungen beflügeln.

      20.09.2010, 20:01 von MissKellyMojo
    • 0

      @MissKellyMojo danke toller text...

      20.09.2010, 21:26 von JustBeingWeird
  • 0

    Ich kann jetzt in Deiner Wohnung rauchen, weil es jetzt auch alles egal ist.
    Guter Satz, gute Erzählung.

    20.09.2010, 17:41 von kleinJutta
    • 0

      @kleinJutta Danke!

      20.09.2010, 20:01 von MissKellyMojo
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      @[Benutzer gelöscht] natürlich muss nichts. und natürlich ist alles herzzerreißend (2 z und 2 r find ich übrigens in einem wort verwirrend) aber wenn man schon so viel gelitten hat und dann in einer situation steht in der man noch mehr leiden könnte, dann passiert manchmal einfach weniger als man erwartet. ich denke schon, dass im text deutlich wird wie ich gelitten habe. am bahnhof, an der haustür, auf der fahrt zurück.

      was bleibt ist eine art liebevoller schmerz. alle wut, aller schmerz und aller ärger kann eh nirgendwo mehr hin und fällt ins leere.

      Trotzdem, das aufzuschreiben hat noch mal Monate gedauert und das ist ja schon irgendwie aussagekräftig...

      20.09.2010, 15:51 von MissKellyMojo
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    wer ist ernie?

    20.09.2010, 14:49 von schlabumse
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      @schlabumse Ernie war ein 1,50 m großer Plüsch-Ernie. Der Ernie & Bert Ernie. Er stand an der Balkontür die zur Straße zeigte.

      20.09.2010, 14:51 von MissKellyMojo
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