7Sterntaler 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 13

Lektion Loslassen

Wie eine Bettgeschichte etwas Anderes wurde und ich erkannt habe, dass Vögel fliegen müssen

Du stehst wie jedes Mal fast pünktlich - also mit 10 Min Verspätung - vor meiner Tür. Und wie jedes Mal bin ich froh um die Verspätung, sonst hättest du mich nämlich unfertig mit nassen Haaren und knurrendem Magen angetroffen. Du siehst gut aus, verdammt gut und ich frage mich wie es sein kann, dass ein Mensch mit jedem Treffen besser aussieht. Ein Kuss zur Begrüßung und ein langes Gespräch im Anschluss. Eigentlich redest du und erzählst von deinem Wochenende. Von deinen Freunden, von deinem Arzttermin und nebenbei, dass du vielleicht wegen deinem Herzen operiert wirst, von einem Jobangebot und von deiner Exfrau die du getroffen hast. Eigentlich redest du immer, und ich höre zu.

Irgendwann bist du fertig mit erzählen und da ist sie, meine Gelegenheit das Wort zu ergreifen. Die Worte sind auf einmal so schwer und meine Gedanken drehen sich im Kreis und eigentlich will ich nicht reden also küsse ich dich… und du küsst mich.

Die Zigarette danach - du sitzt auf der Stufe vor meinem Terassenfenster, da wo am Tag zuvor die beiden Igel herumgebalzt haben. Ich bin in eine Decke eingewickelt drinnen und jetzt reden wir doch darüber. Eigentlich will ich sagen: „Ich habe nachgedacht. Darüber, dass deine Zahnbürste in meinem Bad steht. Darüber, dass ich immer wieder an dich denke. Und darüber, dass es eigentlich nur eine oder zwei schöne Nächte werden sollten.“
Stattdessen sage ich: "Ich habe nachgedacht. Über Igel, über Katzen... und über dich." Du willst mehr wissen: "Aha, also fangen wir mit den Igeln an." Ich antworte also wahrheitsgemäß: "Ich habe immer noch nicht herausgefunden wie die das machen, ohne sich weh zu tun." Offensichtlich ist das zu diesem Thema genug, denn du entgegnest sofort: "Gut, und die Katzen, Katzen sind toll richtig?" - "Katzen sind toll!" - Schließlich sind wir da wo wir hinwollen: "Gut und jetzt über mich, das machen wir auch so kurz, OK?" -
Ich schmunzle und endlich stelle ich die Frage, die mich schon seit Tagen quält:
"Was ist das eigentlich hier, mit uns beiden? Was ist das für dich?"
Du lachst während du an deiner Zigarette ziehst: "Ich weiß nicht. Ich muss weg."

Und dann bekomme ich eine lange wenn auch etwas widerwillige Antwort. Du erklärst mir, dass du seit der Trennung von deiner Frau keine richtige Beziehung geführt hast. Dass du ein Jahr lang von allen Frauen die Finger gelassen hast, aus Angst wieder jemandem weh zu tun. Ich höre viel von ihrem Kummer, Tabletten, Selbstmordversuchen und deinen Schuldgefühlen. Und mir wird klar, dass das hier nicht funktionieren kann.
Irgendwann kommt das Thema doch zu mir. Dass du mich magst, sagst du. Dass du gerne mit mir zusammen bist, gerne zu mir kommst, gerne mit mir schläfst, aber auch gerne einfach nur Zeit mit mir verbringst.

Wir haben immer noch nicht definiert, was das hier eigentlich ist und irgendwie bin ich ganz froh darum, denn es würde dem ganzen so einen Zwang verleihen. So ein "es muss jetzt SO sein". Und davor hab ich Angst. Eigentlich hätte ich die Frage zu diesem Zeitpunkt am liebsten wieder gelöscht, auf "delete" gedrückt und das "was ist das hier eigentlich" im Raum stehen lassen. So, dass keiner in Zugzwang gerät und keiner mit Worten oder Versprechungen in Fesseln gelegt wird. Trotzdem bin ich froh, deine Antwort zu kennen.

Und dann bemerkst du: "Du weißt schon ne Menge über mich, aber ich über dich fast nichts!“ Das stimmt wohl, ich erzähle wieder nichts. Die Worte liegen mir immer noch wie Blei auf der Zunge und es ist als müsste ich jedes einzelne wie einen großen schweren sperrigen Klotz aus meinem Mund rausstemmen.

In der Nacht schläfst du neben mir ein. Dein Gesicht ganz nah an meinem und mit der Hand spielst du in meinen Haaren. Mir ist warm und am liebsten würde ich einfach in dem Gefühl und in dir versinken. Deine Hand hört irgendwann auf sich zu bewegen, du atmest ruhig. Ich liege unbequem, aber ich fühle mich so wohl wie lange nicht mehr. Ich ärgere mich darüber, dass ich dir keine Chance gebe etwas von mir zu erfahren und plötzlich fallen mir alle Worte und alle Geschichten ein und es wäre ganz leicht zu reden, jetzt. Neben meinem Ohr geht gleichmäßig dein Atem. Meine Katze rollt sich bei meinen Füßen zusammen - sie ist immer da wenn ich nicht alleine bin und sich alles irgendwie nach heiler Welt anfühlt. Und ich liege wach und kann nicht schlafen, kann lange nicht schlafen und liege bestimmt noch eine Stunde so.

Morgens wache ich auf, wir haben uns im Schlaf wieder entfernt und ich überlege ob ich dich nun gern in meiner Nähe habe: Ja. Die Fremdheit vom Anfang ist einer Vertrautheit gewichen, der ich nicht traue.

Ich stehe auf, ohne dich zu berühren, gehe ins Bad, wecke dich wie jedes Mal um 6, ziehe mich an, wecke dich noch mal. "Ja ich komme" stöhnst du, drehst dich um und schläfst weiter. Ich komme also eine viertel Stunde später "Wie wär’s mit aufstehen?" - "Scheiße!" Du wälzt dich aus der Decke auf meine Katze, die das gar nicht zu stören scheint, und erklärst mir, dass das gar nicht so einfach ist, mit dem Aufstehen. Irgendwann schaffst du es doch, kurz Kaffe, kurz Küsschen, und Tschüß.

Später denke ich wieder an dich, wie du bist und wie du redest und an den Abend. Und mir kommt, dass du wie ein Vogel bist, den man nicht einsperren darf und dessen Anwesenheit alles ein bisschen schöner und wärmer macht. Ich weiß ich darf dich nicht zu fest halten, sonst wirst du dich erdrückt fühlen und wegfliegen, einfach so. Und ich denke mir, dass nur die, die man loslässt und fliegen lässt, und die von selbst wieder zurückkommen, nur deren Liebe gehört einem. Also lerne ich eine neue Lektion: Loslassen.
Und hoffe, dass du dich irgendwann, vielleicht bald wieder meldest.

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19 Antworten

Kommentare

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  • 0

    schade dass ich in dieser geschichte die exfrau bin, aber viel glück euch

    10.12.2007, 17:05 von crossroad
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    Ja, gut geschrieben.Aber willst du sies art von beziehung?Warum fragt er dich nicht ml nach dir und deiner Gefühlslage?Ich finde, du brauchst nicht loszulassen,außer ihn, denn du hast jemanden verdient, der dich geauso liebt und dich glücklich macht.Ihr seid keine igel, die sich beim lieben nicht weh tun, er tut dir weh.

    11.09.2007, 13:38 von sommersonnig
    • 0

      @sommersonnig Mir war gar nicht klar, dass ich mit den Igeln eine Metapher geschaffen habe. Aber tatsächlich, du hast recht.

      Und zu der Art von Beziehung. Es erinnert mich ein wenig an den aktuellen Titeltext von mariada "Wenn ich nur wüsste..".

      Ihn loslassen - aber darum gehts doch in dem Text.

      11.09.2007, 13:51 von 7Sterntaler
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    na da geben wir uns ja gegenseitig die Sommerthemen in die Hand ;) Im Grunde hast du dieselbe Geschichte wie ich mti meinem Paradiesvogel erzählt. Nur mit konkreteren Worten. Nur das Loslassen, dass hab ich noch nicht gelernt :-(

    16.08.2007, 00:10 von marielsd
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  • 0

    wunderschön. und traurig.

    16.07.2007, 15:01 von Tiara
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  • 0

    ...Und ich denke mir, dass nur die, die man loslässt und fliegen lässt, und die von selbst wieder zurückkommen, nur deren Liebe gehört einem. Also lerne ich eine neue Lektion: Loslassen.
    Und hoffe, dass du dich irgendwann, vielleicht bald wieder meldest...

    Das kenne ich zu gut.Ich lerne grade auch das loslassen.

    Schöner Text den Du da verfasst hast :)

    16.07.2007, 14:49 von Salbeibonbon
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    Kennst du das Lied: Wenn sich die Igel küssen, dann müssen müssen müssen sie fein fein fein behutsam sein....
    Dein Text gefällt mir unheimlich gut.
    Eine Beziehung ohne Zwang, ohne Besitz, mit der Freiheit zu lieben und sich fallen lassen zu können so wie man ist, dem anderen zu vertrauen und jederzeit ohne Zwang aufeinannder zukommen zu können.

    16.07.2007, 14:22 von Mary05
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    Zur Sache mit den Igeln: Der gute alte Schopenhauer hat das ganz schön mit Stachelschweinen verdeutlicht, die sich wärmen um nicht zu erfrieren.

    12.07.2007, 11:56 von ZaphodBeeblebrox
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    schön...

    10.07.2007, 10:52 von kaddaly
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