N0ra 30.11.-0001, 00:00 Uhr 15 0

Leiden

Warum ziehe ich Mängelexemplare an und lasse nicht mehr los?

„Ich freue mich schon sehr auf heute Abend. Bin um zehn bei dir. Küsse dich, dein Kaspar.“ So der Text einer kürzlich erhaltenden mobilen Kurznachricht, wie sie täglich tausenfach versendet werden. Oftmals heiße Luft, manchmal großes Zugeständnis.

Also warte ich. Es wird zehn, es wird elf, zwölf, um halb eins ist klar: er kommt nicht. Mal wieder. Keine weitere Kurznachricht, kein Anruf. Möglicherweise hat er sein Guthaben wieder an anderer Stelle verbraten. Aber das interessiert mich wenig. Sollte ich nicht wichtig sein? Immerhin habe ich mich dazu bringen lassen, dass mich nach Jahren wieder jemand „meine Freundin“ nennt.

Gut, wir sind ein schräges Paar. Rein optisch gesehen. Komplett das Gegenteil. Und leider auch was unsere seelischen Haushalte angeht. Aber das kann ich anfänglich immer wunderbar ausblenden. Schließlich ist er es ja wert, dass ich mich angleiche, sprich: nachgebe und hinnehme. Mit Selbigem von ihm zu rechnen ist immer wieder das Fatale, was mich innerlich zerreißen lässt.

Nun ist es eins und ich frage mich noch immer, ob er vielleicht kommt. Wahrscheinlich ist er doch übers Wochenende weggefahren. Das wäre nicht das erste Mal. Im Nachhinein findet er auch immer logische Erklärungen, insbesonder warum er sich nicht melden konnte. Die Wochenenden sind die reinste seelische Grausamkeit. Normalerweise kann ich mich gut selber beschäftigen und mich für vieles begeistern. Aber in einer solchen Situation... Ich lege mich ins Bett. Im Bett sieht die Welt ganz anders aus. Wie auch mit ihm. Liegen wir im Bett streift er sein sanftes Lammfell über und lässt den bösen Wolf ausgesperrt. Ist es taghell mutiert er zu jemanden, den ich nie verstehen werde.

Zwie Tage später bin ich dann entgültig an einem seelischen Tiefpunkt angelenagt. Keine Nachricht von ihm, keine Chance ihn telefonisch zu erreichen. Langsam beginne ich mir Sorgen um ihn zu machen. So unstet, wer weiß, auf was für Ideen man da kommt. Oder er ist mit einer Zigarette im Bett eingeschlafen. Oder er ist verprügelt worden. Oder, oder, oder...

Noch letzte Woche sprachen wir darüber. Ich wollte ihn nicht betrunken sehen und auch von sonstigen Eskapaden nichts mitbekommen. Wenn ich nichts sehe, muss ich nichts verdrängen. Profilaktisches Verdrängen sozusagen. Sicher hat er es verstanden. Er konnte nicht geradeaus sehen, aber er verstand mich, es tat ihm leid. Tat es natürlich nicht. Er entschuldigt sich, weiß aber nicht wofür. Meister der Worte. Aber natürlich habe ich daran geglaubt, dass es dieses Mal anders sein wird. Dieses Mal wird er mich nicht wieder enttäuschen: Er hat mich verstanden.

Warum also, lasse ich mich quälen? Warum warte ich immer wieder auf ihn, lasse mich vertrösten, lasse mein eigenes Leben beiseite? Warum sage ich ihm nicht einfach, dass er ein fieser Arsch ist und ich das alles gar nicht nötig habe?

Weil ich es nötig habe.

Der Mensch ist frei in seiner Entscheidung. Feier Wille, feier Geist. Zumindest spricht in meiner Lebenssituation nichts gegen dieses so natürliche Verhalten. Aber ich spiele es nicht positiv für mich aus. Ich brauche offensichtlich das Unglücklichsein.

Ich glaube, ich suche mir gezielt Kandidaten die mich nie glücklich machen können. Auch eine Art der freien Wahl. Aus jeder Schublade jeweils das Mängelexemplar. Da komme ich auch nie in die Verlegenheit, dass die Erwartungshaltung meines Gegenübers zu groß wird, er vielleicht noch auf die Idee kommt Forderungen zu stellen. Aber eigentlich ist es doch genau das, was ich eigentlich will. Einen starken Mann, der mir sagt, dass ihm an einem Zusammenwachsen gelegen ist.

Die Frage, die mich quält, ist: wie schaffe ich es, dass mir das, was ich bekommen will auch noch gefällt wenn ich es habe? Etwas zu erreichen ist nicht schwer. Aber es noch zu wollen wenn man es hat um so mehr. Wie eine Diät: Abnehmen – kein Thema. Aber Gewicht halten – schwierig.

Wenn ich dies klären kann, traue ich mich vielleicht noch mal an jemanden ran, der mich spüren lässt, dass er mich mag.

Ich möchte keine shortmessages à la „Habe dich lieb und vermisse dich.“ kriegen. Ich will, dass Vorfreude sich entläd, wenn man sich wiedersieht.

Kaspar will sich heute um zehn mit mir treffen. Ich denke, ich beginne mich schon mal auf den Abschluss meiner Diät vorzubereiten. Könnte langweilig werden...

15 Antworten

Kommentare

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    Ein prima text und einfach echt

    04.08.2006, 16:30 von PeteFinney
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    Ja, ja das kommt mir bekannt vor, nur es is ziemlich unangenehm, wenn die phase des diätabschliessens 3jahre dauert...

    04.06.2005, 18:11 von snow-white
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    ach er nu wieder... wer eröffnet den thread "freunde für lohengrin"?
    zum thema:
    dein selbstreflexionsstatus scheint mir verhältnismässig weit fortgeschritten - und das ist gut: wenn das, was für dich ein problem zu sein scheint, auch als problem erkannt wird. ich glaube fest an die möglichkeit und auch fähigkeit des menschen, sein inneres selbst in die hand zu nehmen und aus dem käfig der, nun ja, selbstverschuldeten unmündigkeit auszubrechen. eine selbstbestimmte wirklichkeit zu formen. [ohne materielle sicherheit und eine gewisse psychische stabilität ist und bleibt es natürlich schwer] das passiert nie von heute auf morgen. vielleicht merkst du irgendwann trotz aller rückschläge, dass es mit kleinen schritten immer vorwärts geht [die grosse generalabrechnung mit sich selbst bringts meistens nicht]. dabei, sich an den eigenen haaren aus dem dreck zu ziehen, wünsch ich dir alles gute.
    und, hey, es funktioniert ! ;-)

    12.04.2005, 01:09 von vert
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    Liebe N0ra,

    habe gerade Deine Texte aus dem letzten Jahr gelesen. Hat mich ziemlich bewegt, da ich mir zurzeit ganz ähnliche Gedanken mache.

    "Ich könnte mich nicht erinnern, dass ich in den letzten Jahren mal einen Mann toll fand und mich darum bemüht habe, dass er mich erkennt." - Bei mir war es so, dass ich mich immer GEHOFFT habe, es würde mich niemand erkennen, denn ich war mir sicher: Wer mich WIRKLICH erkennt, der wird die Flucht ergreifen. Also habe ich mich immer schön verstellt und den Männern, besonders in den ersten Wochen, eine unkomplizierte Frau vorgespielt, die nichts verlangt und sich dennoch (sexuell) hingibt. Die Männer spiegelten genau das wider, haben mich ewig nicht zurückgerufen, mich ihren Freunden nicht als "meine Freundin" vorgestellt und mir eben insgesamt wenig Achtung entgegengebracht. Ich habe ziemlich viel vor mich hin gelitten und wenn dann irgendwann alles aus mir herausgebrochen ist, war der jeweilige Mann natürlich total erschrocken und hat tatsächlich die Flucht ergriffen. Und ich sah mich bestätigt in meiner Theorie: Es wird ja sowieso jeder davonlaufen, dem ich mich unverstellt zeige.

    Traf ich auf einen Mann, der sich in mich verliebt hat und mir seine Gefühle schon vor dem ersten Kuss gestand, konnte ich das nie erwiedern. Ich konnte damit einfach nie umgehen. Mein Vater hat mir nie gesagt, dass er mich lieb hat, möglicherweise habe ich deswegen so große Schwierigkeiten damit. Das Muster, dass mir ein Mann nur ab und zu seine Zuneigung zeigt und mich ansonsten mit Desinteresse behandelt, ist mir aus meiner Kindheit viel vertrauter. Vermutlich habe ich deswegen auch in Bezug auf Männer immer wieder darauf zurückgegriffen.

    Das alles habe ich erst vor wenigen Wochen erkannt und bin jetzt gespannt, ob ich es auch schaffe, mich in Zukunft anders zu verhalten. Nämlich: Kein Schauspiel mehr, meine Gefühle (sofern vorhanden) gleich von Anfang an offen zeigen und es GLAUBEN, wenn mich jemand wirklich zu mögen scheint.

    Liebe Grüße
    Lisi

    14.01.2005, 14:08 von Lisi
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    Das kommt mir alles sehr bekannt vor, ich habe die letzten Wochen auch mal wieder sehr oft mit Warten auf irgendeine Nachricht von jemandem verbracht, was teilweise auch Tage gedauert hat, obwohl dazwischen immer alles so vielversprechend war und auch immer solche oder ähnliche sms von ihm kamen...Und dann fragt er, als er sich dann endlich mal wieder meldet, allen Ernstes, ob er mich gerade beim Lernen stört...Als ob ich Lernen könnte, wenn ich mir den ganzen Tag nur noch Gedanken mache, ob ihm was passiert sein könnte, oder ob vielleicht ich was falsch gemacht haben könnte...Am Ende ist es dann auch schlecht ausgegangen und er hat mir per sms (!) mitgeteilt, dass wir uns wohl besser erst mal nicht mehr sehen sollten...Dabei dachte ich, der ist diesmal echt anders...)-; Wenigstens musste ich mir dadurch aber keine Gedanken über eine Diät mehr machen, denn das ständige Warten, Leiden und das Hin und her haben mich so gestresst, dass ich gleich mal ein paar Kilo abgenommen habe...
    Ich wünsche Dir alles Gute!
    Claudia

    13.01.2005, 16:04 von KleineHexe82
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      @[Benutzer gelöscht] Natürlich geht es schlimmer. Ich würde auch nie soweit gehen und meine Situation als wirklich sehr schlimm bezeichnen. Es ist traurig, nicht bedrohlich.

      Ich bin durch Männer schon in sehr bedrohliche Situationen gekommen, aber um dich mal zu zitieren "habe ich immer noch rechtzeitig die Reißleine gezogen". Es ist mir dann nichts passiert was beliebenden Schaden hinterließ, lediglich habe ich mich selber mit meiner daraus resultierenden gewachsenen Zurückhaltung bestätigt gefühlt.

      Ich habe Gott sei Dank auch Freunde, die nach mir sehen, die nachhaken und auf die ich mich in solchen Lebenslagen verlassen kann.

      Und was die Arbeit an meiner "üblen Tendenz" betrifft: ich bin dabei, geradezu mittendrin.

      04.05.2004, 19:12 von N0ra
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      @[Benutzer gelöscht] Hi toppi,

      dein letzter Satz ist bei mir hängen geblieben. Ich halte ihn für eine wahre Aussage.

      Ich denke man kann sich an fast alles gewöhnen. Ob man es akzeptiert steht auf einem anderen Blatt.

      Bloß was ich brauche ist mal weg vom Standardlevel. Nicht immer nur auf der Nulllinie fahren. Dies war bisher mein liebstes Mittel um größere seelische Tiefs zu umschiffen. Doch dadurch nehme ich mir ja auch Hochs. Immer nach dem Motte: keine ups, keine downs.

      Ich werde so weiterleben können. Wahrscheinlich werde ich damit noch ein viel besseres Leben haben als viele andere Menschen in Deutschland, da es mir ansonsten recht gut geht. Bloß akzeptieren mag ich es nicht mehr.

      Lieben Gruß,
      N0ra

      04.05.2004, 19:18 von N0ra
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