Paradojica 17.10.2010, 01:00 Uhr 5 4

Leere

Leer. Kein Tropfen mehr. Einfach leer. Ich bin kurz vor dem Verdursten, mein Schädel dröhnt, als ob ich eine wilde Party gefeiert hätte.

Eine Party, ich muss lachen beim Gedanken daran. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal Lust auf eine Party gehabt habe. Alkohol fließt auch anders. Ich schiebe das Glas unters Bett. Aufstehen. Nicht jetzt. Zu anstrengend. Der Kopf pocht weiter. Ich schiele auf den Wecker; 3:43. Durst - was würde ich jetzt dafür geben, wenn wenigstens noch ein Schluck in diesem verdammten Glas wäre. Vorsichtig. Aufrichten. Langsam. Ich schwitze. Eine Schweißperle läuft mir zwischen den Brüsten herab. Meine Füße berühren den Boden. Ist es der Boden? Ja, es fühlt sich kühl an. Meine Hände auf der Bettkante. Ich richte mich auf. Festhalten. Am Schrank. Langsam tapse ich ins Bad.

Der kühle Wasserstrahl platscht in mein heißes Gesicht. Die Realität kommt zurück. Langsam wieder ins Bett. Nicht nachdenken. Nur schlafen. Ich lege mich hin. Es ist unvermeidbar. Sie sind wieder da. Die Gedanken, die nicht aufhören zu rasen, sobald ich wach bin. Nie mehr wollte ich wach sein, nur noch schlafen, aber jetzt ist es zu spät. Der Wecker tickt. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren. Hoffentlich kommt der Schlaf: Tick, tack, tick tack. Langsam schließe ich wieder die Augen. Dunkelheit für eine Sekunde. Dann sind die Bilder da. Von meinem Leben, das ich gerne hätte. Das Gesicht, vor dem ich Angst habe, es irgendwann zu vergessen, mich nicht mehr richtig daran erinnern zu können. Ich will es berühren, aber es möchte nicht mehr berührt werden. Wut. Nichts als Selbstbetrug diese Bilder. Es ist vorbei. Ich kehre mich zur Seite. Bilder können so für Sekunden verwischt werden. Das Gesicht ist wieder da. Eine Träne. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Tausend Gedanken und Erinnerungen gleichzeitig in meinem Kopf. Er wird platzen. So etwas hält kein Kopf aus. Und dann ist sie da: die Leere. Die Leere, die noch viel schlimmer ist, als der volle Kopf. Traurigkeit und Wut sind weg. Gleichgültigkeit. Nur noch Gleichgültigkeit. Das ist kein Leben mehr. Das ist nur noch ein Dahinvegetieren.

Ich stelle mir Möglichkeiten vor, dem ein Ende zu bereiten; Tabletten, Gas, Messer, Zuggleis. Wie dumm. So einfach willst Du es Dir also machen? So einfach ist das Leben aber nicht. Auf Liebe und Glück folgt Trauer und Verlust. Es braucht die Balance. Für was eigentlich? Das ist doch auch wieder nur so ein scheiß Gerede von irgendwelchen Möchtegern-Optimisten, die mit offenem Herzen durchs Leben gehen und jedem Vollidioten ins Gesicht grinsen. Du musst positiv denken, dann wird alles wieder gut! Oder noch besser: Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels. Da scheiß ich doch wirklich drauf. Die haben doch alle keine Ahnung. Jetzt ist sie wieder da, die Wut. So schnell geht das. Emotionenwechsel von einer Sekunde auf die andere. Das nenn ich mal launisch. Ich muss grinsen dabei. Unausstehlich bin ich geworden in den letzten Monaten. Wahrscheinlich war ich's schon immer.

Meine Katze springt zu mir auf's Bett. Große Augen. Spitzige Schnurrhärrchen. Sanft boxt sie mich mit ihrem Kopf an. Eine Berührung und sie beginnt zu schnurren. Wenn nur alle mit so wenig zufrieden wären. Auch bei diesem Gedanken muss ich innerlich lachen, weil ich ganz genau weiß, dass auch eine Katze etwas mehr braucht, als nur eine Berührung, um zufrieden zu sein. Und trotzdem: Meine Katze ist mit sehr wenig immer zufrieden. Ich wäre gern meine Katze. Sie rollt sich zu einer Kugel zusammen und bleibt bei mir. Schön zu wissen, dass wenigstens noch sie meine Nähe schätzt. Dann bin ich vielleicht doch noch nicht ganzumfänglich unausstehlich. Mit diesem Gefühl breitet sich in mir eine Entspanntheit aus. Meine Glieder werden locker. Die Augen schließen sich. Das Gesicht kommt heute nicht mehr. Morgen bestimmt wieder. Aber bis Morgen vergeht noch eine lange, lange Zeit. Und mit diesem Gedanken schlafe ich endlich wieder ein.

4

Diesen Text mochten auch

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wow, dich hat's aber heftig erwischt. Der Text ist wirklich sehr eindringlich geschrieben. Gefällt mir. Na ja, auch wenn Du Dir nichts für kaufen kannst. .. eben weil der Text so berührt, wünsche ich Dir drüber weg zu kommen, auch wenn das bei der im Text beschriebenen Gefühlslage unmöglich zu sein scheint.

    05.11.2010, 10:16 von Cyro
    • 0

      @Cyro Hi - Danke :) Aber mir geht's momentan eigentlich super gut. Diese Phase ist schon ca. 2.5 Jahre her und hat auch lange, lange Zeit angehalten. Aber es stimmt mich positiv, dass ich die Gefühle nach so langer Zeit trotzdem noch wie frisch rüberbringen kann. :)

      05.11.2010, 20:20 von Paradojica
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ach so, ich fand den Text übrigens sehr intensiv geschrieben und empfehle ihn weiter :)

    17.10.2010, 16:34 von BamSuddenly
    • 0

      @BamSuddenly Danke :)

      Schönes Lied übrigens.

      PS: Teilzeitoptimist ist ganz ok ;)

      17.10.2010, 16:50 von Paradojica
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich bin ein Teilzeitoptimist und hoffe, dass dir http://www.youtube.com/watch?v=jOHV7ZJZkTw und das Wissen, dass sich viele vielleicht nicht das Gleiche, aber Ähnliches fühlen etwas Mut gibt :)
    Auf Liebe und Glück folgt Trauer und Verlust. Es braucht die Balance. Für was eigentlich? damit wir uns der schönen Momente bewusster sind? wer weiß... "heaven only knows 'cause I don't understand" ;)

    17.10.2010, 16:33 von BamSuddenly
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich danke Dir - war mal ein ganz anderes Schreiben als sonst :)

    PS: Ich hasse diese Berufsoptimisten tatsächlich auch ;)

    17.10.2010, 11:01 von Paradojica
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Treffend, sehr treffend!



    PS: Ich hasse auch diese "Berufsoptimisten"....

    17.10.2010, 02:28 von HeikeT.
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare