Kseniia 08.02.2010, 17:34 Uhr 0 0

Lea

nur für lea

Dieser Typ machte mich auf eine ziemlich, naja, wie soll ich es sagen.. Er machte sich so niveaulos an mich ran, dass ich laut losprusten musste. Und das bei Icq. Es war nicht zu glauben, wie übertrieben schwachsinnig er über die große Liebe redete und behauptete, dass er blonde Mädchen am Liebsten mochte. Ich ging ins Bad, um
mir eine Nagelpfeile zu holen, ging am Spiegel vorbei. Blonde Haare, grüne Augen.

Man sagt, grüne Augen sind böse.
Das wird ein Spaß.

Meine Gedanken liefen auf Hochtouren, als ich mich wieder setzte. Ich begann mit ihm zu schreiben, er ging drauf ein, ich musste die ganzen Zeit verstohlen grinsen.
Das Gespräch begann sich immer weiter auf eine ziemlich perverse Schiene zu begeben. Er fragte, in welchem Film ich als letztes war. Ich antwortete, dass ich nur mit meinem festen Freund ins Kino gehe. Filme kann man schließlich auch zu Hause sehen. Er verstand zuerst nicht ganz, aber sobald der Groschen gefallen war, lädt er mich ins Kino ein. Natürlich nicht, weil er den Film sehen wollte. Am Abend lag ich im Bett und lachte laut. So ein Trottel.

Ein neuer Tag. Viel Schnee und keine Schule. Ich holte mir einen Kaffee aus der Küche, zog mich an und fuhr in die Innenstadt. Lea und Corinna warteten schon vor dem „Capitol“. Wir bestellten uns Frühstück quatschten über dies und das, Politik, Umweltschutz und Schule. Ich erzählte ihnen von meinem abendlichen Gespräch. Ihre Augen wurden so groß wie Tischtennisbälle, die Münder stande offen. Dann lachte Lea. Jaja, sagte sie.

Die Augen meiner beiden Liebsten wurden nicht so groß, weil der Typ so unglaublich heiß ist. Nein. Er gehört einfach einen anderen Schicht an. Oder Clique. Was, weiß ich wie man das auf unserer Schule bezeichnen soll.

Er gehört nämlich nicht nur zu den Kiffern, sondern auch zu „den Coolen“. Es ist wohl klar, dass dieser Titel voller Sarkasmus steckt. Sie machen zu viel Party, trinken zu viel, 13 jährige Mädchen lecken da mit 16 jährigen Typen rum. Kriegen zu viel von den Eltern in den Arsch geschoben, manche sind sogar total verwöhnt, andere versuchen so zu wirken. Solche Leute sind meist sehr arrogant und nicht sehr klug. Denn für Schule, Politik und die Beziehung zu der Familie bleibt zwischen dem Alkohol und nächsten Krankenhausbesuch bleibt meist keine Zeit mehr.
Und die Kiffer an unser Schule sind eh total lächerlich. Sie schmücken sich mit dem Namen Kiffer, rauchen allerdings Löwenzahnblätter. Ich war mal mit dem Dealer zusammen, der denen den Stoff gab, und musste ziemlich lachen über deren Dummheit erstens, so viel Geld für Löwenzahn auszugeben, und zweitens am Tag danach Bilder von sich ins Netz zu stellen, wo sie sich ja so bekifft hatte. Mit Löwenzahnblättern. Haha.

Deshalb waren die Mädels so erstaunt, dass er mich ins Kino eingeladen hatte. Ich erwähnte am Rande, dass ich nur meinen Spaß getrieben habe, und er das sicher gemerkt hat. Das würde auf nichts zu laufen, beruhigte ich sie.

Tja, falsch gedacht, Ksenia.

Ich kam gerade nach Hause und loggte mich ein und schon bekam ich Nachrichten die mir zugestellt wurden, als ich offline war. Der Typ hatte echt ein Rad ab. Er hatte mir fünf Nachrichten mit schmollenden Smilies und dazugehörigen Aufforderungen endlich online zu kommen geschickt. Und er war jetzt auch online. Er quatschte mich mit „Schatz“ an. Er wollte unbedingt mit mir in die Stadt gehen.

Und dann machte ich einen entscheidenden Fehler. Ich sagte zu und traff ihn Tage später in der Stadt.

Er sollte um Punkt drei Uhr vor McDonalds warten. Ich hasse diesen Treffpunkt. Ich beobachtete ihn aus dem gegenüber liegendem Schuhladen und wartete fünf Minuten. Er stand ziemlich gelangweilt da, rauchte eine und wartete. Ich beschloss raus zugehen. Ich begrüßte ihn und begann mit ihm zu reden. Es ist merkwürdig, wenn man das erste Mal mit einem Menschen redet, mit dem man noch nie geredet hat, aber schon so oft und offen bei Icq geschrieben hat. Er ging mit mir in eine Kneipe, der wir wieder rausgeschmissen wurden, wir liefen in der Stadt rum und plötzlich küsste er mich.

Ich glaube, ich habe mich nur mit ihm getroffen, weil er ja ganz nett ist. Ich kam nicht mit dem Rauchen und Kiffen klar. Auch nicht, dass er sitzen geblieben war und jetzt auch noch auf Realschule wechselte. Ich wollte nicht arrogant sein, wie seine Clique, sondern ihn erstmal kennen lernen. Aber er schenkte mir Aufmerksamkeit. Sehr viel Aufmerksamkeit. So viel, dass es mich nervte. Er küsste mich, zu oft. Er bot mir eine Einladung in seine Cliquen. Er bot mir Zigaretten an, lied mich auf die nächsten Partys ein. Er verarschte mich nicht, er meinte alles ernst.

Ich meinte nichts ernst. Ich wollte einfach nur etwas Abwechslung und ging mit ihm aus. Ich fühlte mich nach diesem Date so beschissen. Aber ich versuchte es mir auszureden, es wäre alles okay.

Der Gedanke, dass jemand von den Coolen mit mir was zu tun haben wollte, verwirrte mich. Nicht, dass ich ein Außenseiter wäre oder so. Ich bin auch nicht arrogant. Aber ich gehörte nun mal nicht zu ihnen. Und jeder weiß, dass man nicht so leicht in diese Clique rutscht. Ich dachte zum ersten Mal darüber nach zu der Clique zu gehören.

Dann schrieb er bei Icq „Ich liebe dich“.

Ich musste heulen. Das konnte nicht wahr sein, dachte ich mir.

Dann wurde mir alles klar. Ich dachte, ich wollte zu den Coolen gehören, jedenfalls insgeheim. Jeder kannte sie und wollte dazugehören. Auch ich, meinte ich.
Doch ich wollte nicht! Ich empfand so eine tiefe Abneigung gegen sie. Sie hatten so ganz andere Lebensqualitäten als ich. Der Typ hatte mir immerhin jede Menge erzählt. Und ich konnte sie wirklich nicht leiden.
Ich konnte auch den Typ nicht sonderlich leiden. Wir waren wirklich auf zwei verschiedenen Wellenlängen.

Doch das Wichtigste war wohl, dass ich eingesehen habe, wie gut es mir ging. Dass, mein Zeugnis dieses Jahr total gut war, dass alles in meiner Familie in Ordnung war, alle gesund seien und ich wirklich klasse Freunde hatte. Ich wollte nicht wie die Coolen werden, auf die Realschule wechseln oder meine Eltern hassen. Im Krankenhaus mit einem ausgepumpten Magen aufwachen.

Als Teenager steht man mit sich selbst ständig in Konkurrenz. Heute so, morgen anders. Von einer Extremen in die andere hinein. Und das Bescheuerte am Teenager sein, ist dieses ganze Streben nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und dem Dazugehören.

Ich habe zumindest vorübergehend meinen Platz gefunden, und verstanden, was für mich zurzeit Rolle spielte.

Doch wie verdammt, werde ich diesen Typen wieder los ?

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