Froschente 07.02.2013, 14:02 Uhr 5 22

Laternennacht

Wahrscheinlich ist es schon zu spät, denke ich, als du an deiner Zigarette ziehst und mir erklärst, dass du mich vermisst hast.

Die Züge donnern über die eiligen, reisenden Menschen hinweg, während ich beschließe, dass alles gut ist, wie es ist, und wir uns nicht mehr sehen. Doch anstatt in einen der Züge einzusteigen, weg von dir, tragen mich meine Beine, den Blick Richtung Bahngleis,in die andere Richtung und wenige Augenblicke später sitzen wir nebeneinander in der S-Bahn, fahren über Brücken und durch Gassen im Dunklen zu deiner Wohnung.

Es ist eine Weile her, dass ich bei dir war. So richtig daran geglaubt haben wir beide nicht. Wir reden, um zu verbergen, dass wir die Zeichen der Zeit suchen, in der andere Menschen Spuren in unseren Leben hinterlassen haben. Fremde Bilder an deinen Wänden, unsere alten Kaffeetassen auf dem Tisch vor uns. Du nimmst meine Hand, als du mich fragst, wie lange ich bleibe. Vor deinem Fenster ziehen sich die Straßenlaternen wie ein Band in die Ferne und ich habe das Gefühl angekommen zu sein.

Dein Kuss fühlt sich fremd an, obwohl ich deine Lippen besser kenne, als die irgendeines anderen Menschen. Zwei Jahre liegen nun zwischen uns und das Entdecken von Neuem und Altem webt sich durch unsere Berührungen. Ich versuche mir selbst zu erklären, dass man sich nicht in jemanden verlieben kann, den man seit Jahren kennt, den man vor langer Zeit verlassen und versucht hat zu vergessen. Aber vielleicht musste ich erst von dir loskommen, um nun wieder bei dir anzukommen.

Ich atme dich ein, und du hüllst mich in Angst, nicht mehr von dir ablassen zu können und weckst in mir die Sehnsucht, nie mehr etwas anderes zu tun zu wollen, als zu spüren, wie sehr du mir gefehlt hast. Jede Berührung, jeder Atemzug lässt mich glauben, dass du dasselbe fühlst im selben Moment. Ich will nie wieder schlafen, nie wieder essen, nie wieder einen anderen Moment erleben, als in deine grüne Augen zu blicken.

Ich versuche mein Herz an mich zu reißen, bei mir zu behalten, doch jeder Kuss von dir erstickt meine aufkeimenden Zweifel. Und wahrscheinlich ist es schon zu spät, denke ich, als ich in dein vertrautes Gesicht blicke, deine hohen Wangen, dein zusammengezogener Mund, als du an deiner Zigarette ziehst und mir erklärst, dass du mich vermisst hast.

Als du Stunden später neben mir in deinen sanften Schlaf fällst, der Schein der Straßenlaternen taucht dich in ein nebliges Licht, liege ich wach und folge deinen gleichmäßigen Atemzügen. Bitte lass mich nie wieder gehen, denke ich, und du ziehst mich ein Stück näher an deinen warmen Körper.   

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich hoffe und bete täglich, dass so eine Nacht auch für mich irgendwann kommt. Super Text!

    15.02.2013, 00:52 von nirgendsueberall
    • 0

      Vielen Dank :)

      15.02.2013, 15:13 von Froschente
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  • 0

    HAst du was zu tun mit dem Entenfrosch?

    09.02.2013, 12:28 von Tanea
    • 1

      Kann man so sagen ;)

      10.02.2013, 20:08 von Froschente
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  • 4

    Ich würde mir wünschen, dein Text wäre Realität.

    08.02.2013, 21:04 von Sommerregen03
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    diesmal u.a. mit einer Aktion gegen den Krieg, Opas, die die Tanzfläche erobern und rosa Mädchenträumen.

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