Lassen Sie mich durch...
...ich bin Realistin!
Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Ich weiß es gar nicht genau... ein paar Monate werden es sein, vielleicht auch schon ein Jahr. Aber ich weiß noch, wie diese paar Monate begonnen haben: mit dem gleisenden Licht der Verzweiflung, und das rund um die Uhr. Die Tage waren leer, die Nächte grausam. Alles schmerzte in mir. Lange ging das so. Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass ich irgendwann mal wieder auf die Beine komme... ohne dich.
Es war an einem Mittwoch. Ich hatte Zahnschmerzen an diesem Abend und die 3 Aspirin, die ich schon dagegen geschluckt hatte, machten sich in meinem Kopf bemerkbar. Wie benebelt fühlte ich mich, und dennoch tropfte der Schmerz hervor... als würde ein kleiner Specht in meinem Mund hämmern. Ein richtiger Scheißabend... und ich wollte nichts anderes als endlich ins Bett gehen. Ich kam an diesem Abend nicht mehr ins Bett, denn du sagtest irgendwann, du hättest nachgedacht.
Nachgedacht... über uns, über unsere Lebenskonzepte und dass diese deiner Meinung nach nicht vereinbar seien, genauso wenig wie unsere Charaktere. Wir hätten kaum Gemeinsamkeiten, seien viel zu verschieden... wir würden nicht zueinander passen und es sei besser, wenn wir das gleich akzeptieren würden, statt unsere Beziehung noch ewig sinnlos in die Länge zu ziehen. Früher oder später würden wir es doch einsehen müssen.
Ich starrte dich an, fassungslos und vollkommen unter Schock. Keine Ahnung, was ich zu dir gesagt habe... ich weiß nur, dass ich erst realisierte, was gerade geschehen war, als du die Tür hinter dir zugezogen hattest. Deine Schritte durch den Hof, weg von unserem Zuhause, die ließen sturzbachartig die Tränen sprudeln.
Am nächsten Morgen war ich froh, dass der Zahn noch immer wehtat. So konnte ich mich guten Gewissens krankmelden, um eine Wurzelbehandlung über mich ergehen zu lassen. Meine Kollegin sprach mir ihr Mitleid aus und wieder überfielen mich die Tränen. Ich konnte es auf den Zahn schieben... wozu Zahnschmerzen doch gut sein können!
Als du mir sagtest, du würdest deine Sachen abholen wollen, kam ich wieder zu mir. Bis dahin hatte ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie ich in Zukunft leben werde... ohne dich. Da flüsterte nämlich die ganze Zeit ein Stimmchen in meinem Kopf: "Er meint das nicht ernst. Er zieht das nicht durch. Er kommt wieder." Doch, du hast es ernstgemeint, durchgezogen und bist nur wiedergekommen, um gleich wieder zu gehen mit zwei Reisetaschen und deinem Laptop. Wir haben kaum ein Wort miteinander geredet. Du wusstest sicher nicht, was du sagen sollst, und ich war dir dankbar, dass du mir wenigstens die Frage ersparst, wie es mir geht.
Die kommenden Wochen waren ernüchternd. Nachdem der Schock überwunden war, hab ich Nägel mit Köpfen gemacht und alles, was mich an dich erinnerte, aus der Wohnung geschafft. Das Schlafzimmer hab ich neu gestrichen. Trotzdem konnte ich lange nicht in unserem Bett schlafen. Auch das ging irgendwann wieder... da wusste ich, ich bin über den Berg.
Und heute treffe ich dich hier. Du freust dich, mich zu sehen, sagst du, und dass ich wie immer umwerfend ausschaue. Dann teilst du mir mit, dass du in den letzten Wochen oft an mich und unsere gemeinsame Zeit gedacht hast und dass dir klargeworden ist, wie sehr du mich vermisst. Ob man sich mal wieder verabreden könnte, auf neutralem Boden natürlich... wie hier und heute? Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass du nur meinetwegen auf dieser Party bist. Deine Gegenwart ist mir unangenehm, die Nähe, die du suchst, noch viel mehr. Du redest und redest von den schönen alten Zeiten und ob ich noch wüsste? Ja, ich weiß es noch. Und ich weiß auch noch, dass wir zu verschieden sind, zu wenig Gemeinsamkeiten haben und sowohl unsere Lebenskonzepte als auch unsere Charaktere nicht zu vereinbaren seien. Ich weiß auch noch, dass du kurz nach unserer Trennung mit Josie zusammengekommen bist und vor allem weiß ich noch, wie weh mir das getan hat. Auch da haben sich anscheinend inzwischen unüberbrückbare Beziehungshindernisse herauskristallisiert... sonst wärst du jetzt nicht hier und würdest mir Komplimente machen. Mir fällt nicht ein einziger guter Grund ein, wieso wir uns nun nach dieser langen Zeit des hämmernden Herzschmerzes wieder intensiver miteinander beschäftigen sollten. Alles, was mir dazu einfällt, ist:
LASSEN SIE MICH DURCH... ICH BIN REALISTIN!!!







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