sommeranbeterin 03.03.2013, 12:33 Uhr 1 3

Längst geflohen

Wir können immer noch von Liebe leben, sagtest du im Scherz. Oder von dem Licht jedes anderen.

Als wir uns trafen, sagte ich, ich würde gerne mit dir fliehen. Wovor? Wohin fliehen?, hätte jeder andere gefragt.

Doch du sahst mich einfach an, als wüsstest du genau wovon ich sprach. Und dann fingen deine Augen zu grinsen an. Wie sie es immer dann taten, wenn du eine deiner verrückten Ideen hattest. 

Diese Ideen, die dir danach fast immer Ärger bereiteten. Ich liebte deine Ideen.

Mit einem schelmischen Blick ergriffst du meine Hand.

Komm‘, hörte ich dich flüstern.

Ich musste lachen, als wir auf dein Auto zurannten. Dein altes Auto, das mehr Geschichten erzählen konnte, als manch ein alter Mann.

Hattest du es nicht in einer Wette gewonnen?

Ich bin mir sicher, hättest du kein Auto gehabt, hättest du eins gestohlen.

Wir sammelten unser Bargeld. Warum wunderte es mich, dass es so wenig war?

Du sagtest, für das, was du vorhattest würde es geradeso reichen. Und dass ich die Augen schließen sollte.

Dein Kuss war stürmisch und schmeckte nach Abenteuern. Ich spürte deine Hand in meinem Haar, meinen Rücken hinab. Ein bisschen verzweifelt.

Wir fuhren durch verlassene Straßen, an dunklen Fenstern vorbei. Die einzige Lichtquelle wir selbst.

Niemand konnte uns sehen und wir sahen niemanden.

Wir waren allein. Längst geflohen.

Aus der Stadt hinaus.

Wenn unser Scheinwerferlicht reflektiert wurde, konnte ich Konturen deines Gesichts ausmachen.

Stellte mir vor, wie es wäre, sie zu küssen. Bis sie unsterblich waren.

Gitarrengeschrabbel. Deine Hände trommelten auf das Lenkrad. Ein bisschen neben dem Rhythmus.

In diesem Moment klopften unsere Herzen im gleichen Takt. Sie tanzten miteinander.

Morgen würden sie sich wieder fremd sein.

Doch, hätten wir uns für immer, könnten wir uns dann so lieben? So grenzenlos?

Der Wind durchwühlte mein Haar, als ich das Fenster runterkurbelte und mich in die Dunkelheit beugte. Wie eine wütende See.

Auf einmal ein fernes Licht in der Dunkelheit. Unser letztes Geld für einen vollen Tank.

Ich fühlte mich wie in einem Western und machte dir durch die Glasscheibe Grimassen, als der griesgrämige Tankwächter unser Kleingeld zu zählen begann.

Immer weiter gen Süden. Der letzte Müsliriegel.
Wir können immer noch von Liebe leben, sagtest du im Scherz. Oder von dem Licht jedes anderen.

Wir bogen von der Straße ab, auf einen Feldweg, der immer schmaler wurde. Ich bildete mir ein, Augen zu sehen.

Zu Fuß weiter, aber schnell. Wir rannten, ineinander verschlungen.

Unzähmbar.

Längst geflohen.

Wir rannten bis wir schnauften. Und fielen auf eine Lichtung.

Halt mich fest, als könntest du mich für immer halten. Tu einfach so.

Wir lauschten unserem Atem. So vergänglich. 

Lass uns schwimmen gehen, sagtest du.

Und als ich aufsah, war da ein riesiger See. Spiegelte die Sterne.

Ein wenig Adam und Eva. Ein wenig Romeo und Julia. Ein wenig zu sentimental.

Ich musste lachen, als du mich mit großen Zügen einholtest und untertauchtest.

Tanzende Sterne.

Sag nichts.

Wir sahen uns in die Augen. Küssten uns die Wasserperlen von der Haut.

So vergänglich. Sterbend.

Aber wir waren längst geflohen.

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1 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Sehr schöner Text über den Zauber einer Nacht, die wohl jeder kennt.
    Leider ist er meist, wie du schreibst, nach einer Nacht wieder weg. Aber macht das die Nacht nicht gerade immer so besonders?!

    03.03.2013, 12:58 von Erbsentee
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