hortyculturist 30.11.-0001, 00:00 Uhr 13 68

Kuss ohne Wiederkehr

Zehn Jahre später fordert er seinen Tribut. Als hätte die Zeit einen Seufzer gemacht, einen Schluckauf.

Kein Kuss war besser.

Vor dem Schrank. Holz im Rücken, kühl unsere Hände. Sie, Projektion meines Lebens, Nadel meines Tropfs. Sank tief hinein, stieg leicht hinauf. Unter Druck uns're Lippen, die Zungen umschlungen.

Sie gewährte mir nur diesen Kuss. Danach entzog sie sich, zerfloss, schrieb Briefe. Zwei Männer, eine Entscheidung. Ungreifbar, unabdingbar, verschwunden und fort. Ich blieb greifbar verwundet an der Front.

Zehn Jahre zogen durch die Lenden. Frauen kamen und blieben. Entstanden und fielen. Einige gingen, einige flohen, zärtlich und roh. 1000 Küsse, 100 Briefe, Mama, darf ich vorstellen.

Kein Kuss war besser.

Aus den Augen verlor man sich.
Wiedersehen.
Unsere Augen verloren sich.

Blickten und strickten Bänder ineinander, erinnerten innig. An Jugend und Sinne. Als hätte die Zeit einen Seufzer gemacht, einen Schluckauf.

Sie habe sich damals richtig für den falschen Mann entschieden. Man habe sich aneinander gewöhnt, habe gemeinsam gewohnt, die Gemeinsamkeit entwöhnt und die Einsamkeit belohnt. Man habe Kinder gezeugt, das Muster befolgt. Die Folgen sind Muster, so zehrend und düster.

Die Seele bettelnd elend.

Das Schlachtfeld der Ehe, verlassen. Die Fremde in der Fremde. Verdrängt die Heimat in die Ferne. Drängt nach Fernweh. Windet sich unter Wunden. Sehnt nach Spritzen, sucht nach Pflaster.

Schmerz verziert sie mit Gier. Zerrt ihre Reize ins Freie, schüttet, was Herzen nur in Tropfen zu fassen vermögen. Dürstet nach verlorenem Verlangen, verlangt ausgehungert nach Sättigung.

Ich zögere.

Kein Kuss war besser.

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13 Antworten

Kommentare

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    Ich habe mich extra aufrgrund dieses Textes hier angemeldet, um dir zu sagen ...oder vielleicht, um mich öffentlich zu fragen.. was du, mit deinen außerordentlichen Schreibfertigkeiten, eigentlich bei NEON machst...

    Solch ergreifende Lyrik an einem Platz wie diesem... das ist wie Perlen vor die Säue werfen.

    Kein Text war besser.

    03.12.2013, 06:39 von no.one
    • 0

      Herzlichen Dank.

      Ich mag Säue eben.

      08.12.2013, 16:27 von hortyculturist
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    grenz genial geschrieben.

    02.12.2013, 22:50 von kaffeewarm
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    sehr fein.

    11.11.2013, 11:04 von misspringle
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    Dein Text erinnert mich an dieses Buch

    05.11.2013, 09:32 von Tanea
    • 0

      Klingt verdächtig bekannt. Werd ich mir anschauen, merci!

      11.11.2013, 18:21 von hortyculturist
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    der Begriff vom Schluckauf der Zeit gefällt mir.

    04.11.2013, 17:15 von entfesselt
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