Kurzgeschichte
..für drei Tage...
Erste Sonnenstrahlen kitzelten schon an der Nase, die durch das Dachfenster auf das Bett fielen. Der Raum war mit stickiger Luft erfüllt, da das Fenster nur über diesen winzigen Belüftungsschlitz geöffnet worden war. Es war ein Wunder, dass sie die letzte Nacht durch geschlafen hatte, obwohl sie es hasste in abgeschlossenen Räumen zu übernachten. Das Fenster musste sonst immer offen sein, doch diese Nacht schien ihr es wohl wenig ausgemacht zu haben. Sie schlief immer noch und nur allmählich begann sich etwas in ihr zu regen, dass sie erwachen ließ. Wo war sie nur, fragte sie sich, kurz nachdem sie langsam zu sich kam. Plötzlich dämmerte es ihr wieder. Als sie sich versuchte zu drehen, spürte sie plötzlich jeden Knochen in sich. Verdammt, was hatte sie nur die letzte Nacht getrieben, dass ihr Körper an jeder erdenklichen Stelle schmerzte. Dieses vermalledeite Bett musste daran Schuld sein, dass sie sich mit ihren frischen Mitte zwanzig wie achtzig vor kam, denn letzte Nacht hatte sie definitiv nichts getrieben.
Nicht dass sie dazu nicht Lust gehabt hätte, doch dieser kaputte Typ neben ihr, selbst noch tief schlummernd, schien dem aus ihr unbekannten Gründen am Ende doch noch abgeneigt gewesen zu sein. „Nun ja, selbst Schuld, dann entgeht dir eben was...“ dachte sie bei sich und versuchte sich aus dem Bett zu hieven. Immer wieder stellte sie sich die Frage, warum sie eigentlich hier war, hier in dieser Wohnung, in dieser großen fremden Stadt, mit diesem eigentlich fremden Mann, bei dem sie jedoch das Gefühl hatte ihn bereits Jahre zu kennen. Hatte sie dieses Gefühl ihm gegenüber wirklich oder redete sie sich das nur ein, um ihre Anwesenheit bei ihm rechtfertigen zu können?
Sie wusste es selbst nicht genau, innerlich wunderte sie sich mittlerweile über sich selbst, dass sie hier her gekommen sei. Gedankenverloren starrte sie eine Weile vor sich hin, erblickte dann ihre Tasche mit ihren Sachen, griff nach ihnen und zog sich an. Als sie vollständig angekleidet war, wanderte ihr Blick zu diesem Kerl, mit dem sie die letzte Nacht das Bett geteilt hatte und begann damit ihn zu betrachten. Im Grunde sah dieser Typ nicht mal schlecht aus und als sie sich kennen lernten, schien etwas ganz Besonderes zwischen ihnen zu sein. Etwas, was sie noch nie vorher bei jemanden gefunden und erlebt hatte und ihm schien es dabei nicht anders zu ergehen als ihr. Beide schienen sich auf Anhieb blind zu verstehen, denn was der eine dachte, sprach der andere aus, was dem einen gefiel, gefiel dem anderen auch, was dem anderen widerfahren war, ging dem anderen so nahe als wäre ihm das selbe zugestoßen, was auch zu einem geringen Teil tatsächlich so war und andersherum ebenfalls. Beide fanden sich ein großes Stück in dem jeweils anderen wieder und es sah aus, als hätten beide ihr lang ersehntes zu Hause gefunden. Hatte die Suche nun wirklich ein Ende?
Sie betrachtete ihn immer noch, doch was sah sie in ihm? In diesem Augenblick einen ziemlich kaputten Typen, der nicht dazu in der Lage war überhaupt jemanden näher an sich ran zu lassen, geschweige denn das Gute, was ihm entgegengebracht wurde zu erkennen und zu schätzen. Ein Typ, der Angst vor sich selbst hatte, der stetig auf der Flucht war vor den eigenen Gefühlen. Warum? Das wusste dieser Kerl wohl nicht mal selbst. Sie hatten vorher viel über Gefühle gesprochen, wie oft ihm denn schon weh getan wurde und wie sehr er dadurch zu vertrauen verlernt hatte. Doch in diesem Augenblick glaubte sie ihm kein einziges Wort mehr davon. Entweder konnte sie es nicht oder wollte es auch einfach nicht. Sie sah ihn an, während er schlief und fühlte, dass das alles nicht so sein konnte wie er bisher immer sagte. Etwas in ihr weigerte sich, ihm länger zu glauben und sich ihm weiter zu nähern. Sie hatte sich bereits viel zu sehr genähert und wenn sie nicht aufpassen würde, würde sie sich schlussendlich jämmerlich daran verbrennen und das wollte sie keinesfalls. Dafür hatte man ihr schon zu oft das Herz bei lebendigem Leibe aus dem Körper gerissen und er würde es dieses mal nicht schaffen. Er würde nicht dazu gehören. Vielleicht würden andere Frauen auf diese Masche des sensiblen und liebevollen Mannes hereinfallen, aber nicht sie. Sie spürte, dass er es nicht ernst meinen konnte, dafür hatte er an dem Wochenende, an dem sie zu ihm gekommen war zu viel Worte gebraucht. Worte, die am Ende nichts weiter als leere Hüllen waren, die an ihr vorbei durch den Raum schwebten. An ihr vorbei? Nein, leider nicht – jedes einzelne hatte seinen Sinn eben nicht verfehlt und dem wollte sie entrinnen, bevor sie ihre Wirkung noch weiter entfalten konnten.
Er schlief immer noch tief und fest als sie aufstand, ihre Tasche nahm und sein Zimmer verließ. Fast geräuschlos entfernte sie sich aus seiner Wohnung. Vorsichtig schloss sie die Haustür hinter sich und atmete tief durch. Es war ein wunderschöner Novembertag, er war mild und warm. Ein lauer und seichter Wind umwehte ihr Gesicht während sie sich Schritt für Schritt vom Haus entfernte.
Sie drehte sich nicht nochmal um, sie ging geraden Blickes nach vorn, denn...
... die „Suche“ ging weiter... von vorn.






Kommentare
Nicht schlecht geschrieben, einfühlsam, mal ohne Drama, und dennoch dramatisch, am Ende erscheint ihr Abgang so zwanghaft, dass man ihr einen Stock zwischen die Beine werfen möchte.
29.05.2012, 10:12 von EliasRafael