danny_mahony 08.05.2012, 08:04 Uhr 95 62

Kurz hinter Bielefeld

Irgendwann, an einem Freitag Abend kurz hinter Bielefeld, schreckte er aus seinem ICE-Sessel auf. Warum? Warum taten sie sich das noch an?

Irgendwann, an einem Freitag Abend kurz hinter Bielefeld, schreckte er aus seinem ICE-Sessel auf. Warum? Warum taten sie sich das noch an? Daniel hatte sich diese Frage nie so explizit gestellt, sie waberte jedoch nun schon seit einiger Zeit in seinem Kopf herum, bei dem er in den letzten Wochen mehrfach bemerkte, dass er durch stundenlange Meetings, unzählige Deadlines und die Einsamkeit seiner immer mehr verwahrlosenden Bilker Zwei-Zimmer-Wohnung nach und nach von einer bleiernen Schwere erfasst wurde. Meistens nahm er den 18-Uhr-Flieger nach Hamburg, doch an diesem Freitag fiel seinem Chef um 15 Uhr ein, dass er bis 17.30 Uhr noch unbedingt die Excel-Tabelle für das Montag-Morgen-Meeting geschickt bekommen haben wollte. Voller Verdruss, im Wissen dass Kellermann (sein Chef) sich die Tabelle sowieso frühestens in der Sitzung selbst anschauen würde, suchte er die Zahlen zusammen und tippte sie monoton in den Computer. Gerade so noch erreichte er den 19-Uhr-Zug nach Hamburg, suchte sich einen Platz im überfüllten Abteil und fiel mental erschöpft in sich zusammen.

Doch hinter Bielefeld (am Anfang fand er es noch witzig, Sarah jedes Mal eine SMS zu schicken: "Stell dir vor, dieses Bielefeld gibt es doch!") fing er plötzlich an zu zittern, zu schwitzen. Der Zug ins Wochenende fuhr bereits seit einer Stunde, aber noch immer hämmerten in seinem Kopf die Excel-Tabellen, die schlecht gelaunten Kunden und sein wütender Chef. Und wäre das alles nicht schon genug, tauchte plötzlich das Warum auf, ganz unvermittelt, ohne Zusammenhang.

Er erinnerte sich noch ganz genau, wann er Sarah das erste Mal sah. Es war eine dieser Partys in der ersten Woche eines jeden Semesters, auf der man mit Getränken "zu Studentenpreisen" sein traumhaftes Leben als Student zelebrierte. Sie stand etwas gelangweilt mit einer Bierflasche in der Hand am Rand der Tanzfläche und schaute dem Treiben ihrer alkohol- und hormongeschwängerten Kommilitonen zu. Sie hatte ein blaues ärmelloses Kleid, schwarze Strumpfhosen und weiße Ballerinas an und er war sich im Nachhinein sicher, dass er sich bereits in diesem Moment in sie verliebt hatte. Als er sie sah, wusste er instinktiv, dass er sie ansprechen musste, wollte er es danach nicht für eine lange Zeit bereuen. Den Ablauf der folgenden Stunden und Minuten konnte er heute, 4 Jahre nach ihrer ersten Begegnung, nur noch bruchstückhaft erinnern, aber er wusste noch, dass plötzlich alles so einfach ging. Er sprach sie an, sie kamen ins Gespräch, sie lächelte ihn mit ihren großen braunen Augen an, sie gingen auf die Terrasse, er spendierte ihr ein Getränk, sie unterhielten sich, verabredeten sich für den nächsten Tag. Sie trafen sich, lernten sich kennen, erkannten unzählige Gemeinsamkeiten in ihren Ansichten und ihren Geschmäckern, kamen zusammen, genossen den Sommeranfang, fuhren nach Holland zum Zelten, zogen im Herbst zusammen in eine kleine Altbauwohnung.

Heute, im Zug hinter Bielefeld, kam ihm diese Zeit unendlich weit weg vor. Alles war damals so unkompliziert. Ihre Beziehung erwuchs aus dieser ganz eigenen Logik ihrer vielen Gemeinsamkeiten, es war auf eine wunderbare Art und Weise vom ersten Moment ihres Aufeinandertreffens klar, dass sie von nun an ihr Leben teilen würden. Keiner von beiden hinterfragte diesen Prozess, sondern sie ließen es einfach geschehen. Auch waren sie sich sicher, als er seine Abschlussarbeit abgab und sich auf Jobsuche begab, dass ihre Beziehung ein Stadium der Reife erlangt hatte, das ein Getrenntsein auf Zeit problemlos aushalten würde. So nahm Daniel voller Freude auf das, was ihn erwarten würde, die gut dotierte Stelle in Düsseldorf an, während Sarah in Hamburg blieb und auf die Zielgeraden ihres Studiums einbog.

Sie sahen sich von nun an nur noch am Wochenende, wobei er zumeist nach Hamburg fuhr, zu ihr in ihre gemeinsame Wohnung. Nach und nach erarbeiteten sie sich eine gewisse Effizienz ihres Beziehungslebens, sie strukturierten die wenigen gemeinsamen Stunden in verschiedene Abschnitte: Einkaufen, Kultur, Freunde, Zweisamkeit. So holten sie das Maximale aus dem Wochenende heraus und Daniel wurde klar, dass sich seine Arbeit und sein Privatleben im jeweiligen Streben nach Effizienz und Effektivität immer mehr annäherten.

Unter der Woche telefonierten sie meist nur kurz miteinander. Sarah arbeitete an ihrer Abschlussarbeit, wobei sie zumeist in den Abend- und Nachtstunden machte, wo sie schon immer am produktivsten gewesen war. Daniel saß regelmäßig 10 Stunden im Büro und kam daher erst spät nach Hause. So blieb oftmals nur Zeit für ein kurzes, emotions- und kraftloses Update über das jeweilige Tagesgeschehen und für die Planung des kommenden Wochenendes.

Die wöchentliche Reise quer durch die Republik war für Daniel mittlerweile ein Automatismus geworden. Pünktlich um 16 Uhr verließ er das Büro und hetzte zum Flughafen. Um 19 Uhr trat er in den Ankunftsbereich, begrüßte Sarah mit einem langen Kuss und ihr Wochenende begann. Manchmal trafen sie sich mit ihren alten Freunden aus Studiumszeiten und erfuhren von anderen Paaren, die wie sie damals zusammengekommen waren und nun vor der Gewalt des Alltags und den vielen Umwälzungen in der Zeit nach dem Studium kapitulierten. Einmal sagte er halb im Scherz den Satz "Die Einschläge kommen näher!". Als er ihn äußerte, erschraken sie beide und verstummten für quälend lange 5 Sekunden. Dann fuhren sie fort in ihrer Wochenendeffizienz und versuchten, nicht mehr an die drohende Gefahr zu denken.

Zunächst nur manchmal, dann immer öfters bemerkte Daniel, dass ihn der Stress durch die Arbeit und das viele Reisen belastete. Er schlief schlecht, war oft leicht erkältet. Sein Kaffeekonsum nahm bedrohliche Ausmaße an, und die Häufigkeit seiner Fitnessstudio-Besuche rechtfertigten den horrenden Monatsbeitrag immer weniger. Er schob es auf die Arbeit, redete sich ein, dass das nun mal so sei, zu Beginn einer neuen Tätigkeit. Man musste sich beweisen, zeigen dass man gewillt ist, sich topmotiviert einzubringen. Da mussten andere Dinge zurückstehen, wie sein momentanes Wohlbefinden. Doch in diesen Momenten, im Zug hinter Bielefeld, wurde ihm klar, dass es nicht in erster Linie sein Job war, der ihn so belastete, sondern die Kombination aus einer 50-Stunden-Woche auf der Arbeit und den ständigen Reisen nach Hamburg. Ihm wurde bewusst, dass er sich mittlerweile gar nicht mehr wirklich freute auf Sarah, nein, es war eher eine Art Routine geworden, die ihm bisweilen sogar insgeheim etwas lästig erschien. Und überhaupt, warum musste er eigentlich immer so weit reisen, während sie in Hamburg bleiben konnte? Drei Mal war sie bisher bei ihm gewesen, hatte dann aber gesagt, dass sie sich momentan leider keine Fahrten oder sogar Flüge leisten könne, gerade während ihrer Abschlussarbeit (was stimmte). Zwar bot er ihr an, dass er die Kosten übernehmen würde, aber diesen Vorschlag lehnte sie sofort ernsthaft entrüstet ab, das verbot ihr ihr Stolz. So war er es, der jedes Wochenende im Flugzeug oder im Zug saß. War ihr eigentlich bewusst, wie ihn das manchmal nervte? Dieses stundenlange Herumsitzen, ohne Sinn. 

Lohnte es sich überhaupt, jedes Wochenende so weit zu fahren? Er rekapitulierte die letzten drei Wochenenden: Besuch bei ihren Eltern, IKEA-Besuch für ein neues Bett, erschöpftes Herumhängen auf der Couch. Dazwischen: beide an ihren Schreibtischen, beschäftigt mit Abschlussarbeit und Excel-Tabellen. Wann hatten sie eigentlich das letzte Mal etwas wirklich Außergewöhnliches gemacht? Und wenn es nur ein Ausflug an die Alster gewesen wäre? Er konnte sich nicht erinnern.

Zudem fiel ihm auf, dass sie sich immer weniger zu erzählen hatten. Ihre jeweiligen Lebenswelten entfernten sich mehr und mehr voneinander, und ihre Gemeinsamkeiten schienen nach und nach zu verschwinden. Sarah war nicht wirklich interessiert an Daniels (zugegebenermaßen langweiligen) Büro-Geschichten, Daniel konnte sich nur wenig für ihre Literaturrechercheprobleme erwärmen. Und von ihren Party-Besuchen, die sie trotz allem noch regelmäßig absolvierte, wollte er erst recht nichts hören, weil sie ihn sehnsüchtig auf das zurückblicken ließen, was nun vorbei für ihn war.  Er befand sich nun an einem gefährlichen Punkt: Er war vollkommen erschöpft, blickte zurück auf ihre 4 Jahre, die unüberschaubare Masse an schönen Erinnerungen – was automatisch Vergangenheit und damit abgeschlossen implizierte –, die Angst, dass es von nun an nicht mehr besser werden wurde. Jeder weitere negative Gedanke konnte das Fass zum Überlaufen bringen, ihn mehr zu einer folgenschweren Entscheidung bewegen. Aber war es nicht so, dass ihre Beziehung seit einiger Zeit nicht mehr wirklich der Logik der Gemeinsamkeiten folgte, sondern immer mehr einem impliziten Zwang zur Fortführung? Wenn ja, warum? Warum taten sie sich das noch an?

Für einen Augenblick stand in diesem Moment alles auf der Kippe. Doch dann, ganz unvermittelt und ohne Zusammenhang, musste er an die Excel-Tabelle für Montag Morgen denken. Und an Kellermann, wie er cholerisch vor seinem Schreibtisch stand und rumbrüllte. Und ihm wurde klar, dass er seinen Job hasste. Natürlich hatte er vorher die Warnungen anderer gehört, dass das Arbeitsklima in diesem großen Konzern gelinde gesagt unterdurchschnittlich sei. Aber die Aussicht auf dieses Gehalt, dass sie ihm offerierten, ließen ihn diese Sorgen vergessen und er unterschrieb. Je länger er darüber nachdachte, desto deutlicher merkte er, dass er seine Hamburg-Wochenenden vor allem deswegen nicht mehr genießen konnte, weil da ständig dieses Montag-Morgen-Grauen war: Erst der Abschied von Sarah am Sonntag Abend, dann die stumme Fahrt zurück nach Düsseldorf, das Ankommen in der kalten und dreckigen Bilker Wohnung, das einsame Einschlafen im viel zu großen Bett. Und Montag Morgen als erstes ein Spruch von Kellermann.

Es war gar nicht die Entwicklung ihrer Beziehung, die ihn so herunterzog in letzter Zeit, es war sein Job, der ihn ganz unmittelbar ankotzte und ihr gemeinsames Leben belastete. Und hatte nicht auch Sarah ihm in letzter Zeit immer wieder gesagt, wie sehr sie ihre Abschlussarbeit bedrückte? Es waren die äußeren Umstände, die die Logik ihrer Gemeinsamkeiten überdeckten und den Anschein erweckten, dass sie sich voneinander entfernt hatten. Aber es war vielmehr so, dass jeder von ihnen beiden soviel mit sich selbst und der jeweiligen Situation zu tun hatte, dass der gemeinsame Teil ihrer jeweiligen Leben zumeist beiseite geschoben wurde. Gleichzeitig wurde ihm aber auch bewusst, dass genau dieses Gemeinsame einer der Konstanten in seinem Leben war: Die äußeren Umstände von Daniels Leben hatten sich verändert, veränderten sich weiter, und meist zum Schlechten. Aber Sarah war vorher da gewesen und war geblieben. Sicher, es hatte sich ein gewisser Alltag eingeschliffen, ihr Leben war nicht mehr das Leben, dass sie damals zu Zeiten ihres ersten gemeinsamen Urlaubs im Zelt in Holland lebten. Aber ihm wurde bewusst, dass diese überraschungsfreie Sicherheit des Wochenendalltags in den Armen Sarahs in ihrer Hamburger Wohnung das war, was ihn am Leben hielt, ihn die Düsseldorfer Wochen ertragen ließ. 

Nein, er wollte sich dies nicht auch noch von diesem Job zerstören lassen. Es musste sich etwas ändern. Es waren noch 3 Wochen bis zur Abgabe von Sarahs Arbeit. Ihr großer gemeinsamer Traum war immer gewesen, gemeinsam für eine Zeit weg zu gehen aus Deutschland. Nach seinem Umzug nach Düsseldorf war irgendwie klar, dass sich dies wohl nicht mehr so schnell realisieren ließ, und ihre gemeinsamen Zukunftsträume wichen der Vernunft der kurzen und mittleren Frist. Aber wird es jemals wieder einen besseren Moment geben als jetzt? Nein.

Kurz hinter Hannover hatte er seinen Entschluss gefasst. Als er sie erblickte, gelangweilt und müde stehend am Ausgang des Hamburger Hauptbahnhofs, liefen ihre 4 Jahre wie im Zeitraffer vor seinem inneren Auge ab: Tanzfläche, Holland, Wohnung, Abschiede. Er beschleunigte seinen Schritt, rannte beinahe. Sie entdeckte ihn, war etwas irritiert von seinem ungewöhnlichen Elan. Als er sie erreichte, umarmte er sie und flüsterte in ihr Ohr: "Sarah, ich werde am Montag kündigen!"


62

Diesen Text mochten auch

95 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Es ist schön, dass er realisierte, dass es nicht die Beziehung war, die sich zum negativen änderte, sondern er selbst, bedingt durch seinen Job.
    Ich glaube gerade sowas, lassen viele Menschen außer Acht, weshal viele Beziehungen kaputt gehen.

    10.11.2012, 18:23 von PinkParticle
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Mutige Entscheidung, schöne Entscheidung!

    18.06.2012, 22:06 von Suomi
    • 0

      Danke!

      18.06.2012, 22:34 von danny_mahony
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wunderbar geschrieben.


    Der unaufhaltsame Alltag, der sich einschleicht. Die äußeren Belastungen, die mit jedem Jahr Beziehung zuzunehmen scheinen. Schöne Worte für einen Tiefpunkt, den so gut wie jede Beziehung durchlebt.

    31.05.2012, 14:30 von StellaArtois
    • 0

      Vielen Dank für das Lob!

      31.05.2012, 18:37 von danny_mahony
    • Kommentar schreiben
  • 1

    true.

    22.05.2012, 13:27 von gedankenblume
    • 0

      Danke!

      22.05.2012, 13:44 von danny_mahony
    • Kommentar schreiben
  • 1

    wahnsinn, wahnsinn, wahnsinn!

    berührend, bewegend. bringt zum nachdenken!

    DANKE!

    16.05.2012, 15:54 von miss.different
    • 0

      Bitte :-)

      16.05.2012, 16:02 von danny_mahony
    • Kommentar schreiben
  • 4

    In meinen Augen beschäftigt sich der Text gar nicht so sehr mit der Problematik Pendelbeziehung, als vielmehr mit dem Kern einer Liebesbeziehung.

    Was von einigen Usern als langatmig bezeichnet wurde, sind zwar nicht die actionreichsten Parts der Geschichte, es steckt aber genau in diesen Stellen ganz viel Weisheit! Wer eine lange und ernste Beziehung führt, fragt sich irgendwann nach dem "Warum". Und genau diese Frage beantwortet der Text mit so viel Ehrlichkeit, dass ich am Ende wirklich gerührt war!

    14.05.2012, 19:40 von svsv
    • 0

      Vielen Dank!

      16.05.2012, 15:43 von danny_mahony
    • Kommentar schreiben
  • 1

    sehr lang...und zäh. nicht schlecht, aber anstrengend zu lesen. ich mag deine art dich zu artikulieren.

    12.05.2012, 02:49 von schmatzefein
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich finde den Text sehr schön, zumal er sich ja am Anfang eigentlich in die total gegenteilige Richtung des Endes entwickelt und doch traurig stimmt. Zwar war das Ende abzusehen, dennoch schön am Ende die Gewissheit zu bekommen dass es wirklich ein Happy End gibt :)


    Kurz und knapp: Ich mag den Text :) 

    11.05.2012, 17:30 von Chaotle
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ja, der Sarahtext fehlt nun noch um das ganze rund zu kriegen. Aber den dann bitte etwas straffer und effizienter.

    10.05.2012, 12:35 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wie schon mehrmals erwähnt ist der Mittelteil extreeemst schlauchend. Ich hab mich konsequent gezwungen weiterzulesen. 

    Das Ende war zu erwarten. Pathetisch, beinahe etwas aufegsetzt. 

    Aber trotzdem kriegst du ein Herz. Aus dem Wissen wie scheiße Pendel-Beziehungen sind. 


    10.05.2012, 12:15 von kidcalledmalice
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Mai 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android